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Blues

Sind Sie schwindelfrei?

Neue Bluesrock-Alben von Mike Zito und Gabe Stillman

Foto: Tina Pastor
Verheißungsvoller Newcomer des Blues: Gabe Stillman

Als »Musik zum Autowaschen« hat ein Kritikerkollege das Genre Bluesrock einmal apostrophiert, und das war nicht etwa abwertend gemeint. Die Vorstellung, dass er gerade seinen alten Amischlitten schrubbte und sämtliche Chromteile hingebungsvoll auf Hochglanz polierte, während im Wagenfond die Acht-Track-Kassette mit dem neuen Robben-Ford-Album lief, ergab ein durchaus stimmiges Bild. Ford ist im übrigen ausgesprochen gut gealtert und übt wie Walter Trout, Warren Haynes und weitere verdiente Bluesrock-Kämpen auch als Opa noch immer unverdrossen sein Handwerk aus. Reiselustige Daddys wie Derek Trucks oder Joe Bonamassa füllen nach wie vor weltweit große Hallen – der Bedarf an Gitarrenungeheuern reißt ja nie ab. Und um den diesbezüglichen Nachwuchs muss einem auch nicht bange sein, solange es Leute wie Mike Zito gibt, der ihn bei seinem Label Gulf Coast Records konsequent ins Schaufenster stellt.

Man sollte für die folgenden Kostproben dennoch einigermaßen schwindelfrei sein, denn Bluesrock bedeutet nun mal erhöhtes Gitarrensoloaufkommen. Wo selbst gefühlvollster Gesang nicht mehr hinreicht, muss die Inbrunst eben auf den sechs Saiten durchphrasiert werden. Bei Gabe Stillman, einem der verheißungsvollsten Newcomer, mag die individuelle Signatur noch etwas verhalten wirken (die Gitarre klingt huldvoll nach Duane Allman und Stevie Ray Vaughan), doch seine fast durchweg eigenen Songs rocken und rollen gut los. Und als hemdsärmeliger und auch mal humorvoller Geschichtenerzähler macht er ebenfalls fette Beute: Besingt in »Yesterday’s Donuts« eine altbacken gewordene Liebe: »Sie hat den Zucker genommen, dafür behalte ich die Marmelade!« und lässt frech ein klebrig-süßliches Solo folgen. Interessant wird es auch, wenn Stillman fremdgeht: Der Klassiker »I’ve Got to Use My Imagination« von Gladys Knight and the Pips erstrahlt dank Eric Roberts’ nervösem Clavinet in fast originalem Memphis-Soul, und John Hartfords »Gentle on My Mind« aus der Folk-Ecke wird in eine schmachtende Rhythm-and-Blues-Nummer verwandelt.

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Dass Produzent Mike Zito auch selbst ein vorzüglicher Bluesrocker ist, als Gitarrist wie als Sänger, stellt er mit »Outside or the Eastside«, einer sehr erwachsenen Hommage an das harte Pflaster seiner Heimatstadt St. Louis, Missouri, erneut unter Beweis. Kraftstrotzender Gesang und beißende Gitarrenriffs über einem vielschichtigen rhythmischen Fundament prägen auch sein neues Album. Anders als bei seinem 2019er Tribut an Chuck Berry, bei dem er für 20 Songs 21 Gastgitarristen aufbot, verlässt sich Zito diesmal strikt auf seine eingespielte Hausband aus Keyboard, Bass und Schlagzeug. Die rollt ihm für seine rauen Rockballaden und flippigen Boogies einen soliden Teppich aus, unfehlbar im Timing, angemessen stoisch die Gitarreneskapaden abfedernd und sattelfest im Setzen der wenigen eigenen Akzente – etwa dem Honky-Tonk-Klaviergeklimper von Lewis Stephens in »Just Like I Treat You«. Mike Zito selbst brilliert mit ausgefuchsten Sounds an der Gitarre, die er auch schon mal so scharf und heavy wie weiland Harvey Mandel klingen lässt. Nur gerade im abschließenden »The Blues Lover«, wo fast manisch ein Gitarren- und Effektgerätetrick nach dem anderen ausgepackt wird, verfällt er für ein paar Sekunden in windelweiches Gegniedel, wie zum Beweis, dass er notfalls auch das beherrscht.

Bei aller Gitarrenvöllerei entgehen Zito wie Stillman der drohenden Langeweile, weil sie ihre Kunststückchen meistens im idealen Mischverhältnis aus Könnerschaft und Selbstvergessenheit erstrahlen lassen. Beide sind dem robusten und schnörkellosen Stil verpflichtet, und auf beiden Alben verglüht nicht einfach allgemeiner Weltschmerz, denn in ihren Songs verarbeiten Zito und Stillman explizit persönliche Erfahrungen, auch mit unbequemen Themen wie Sucht und Überlebenskampf. Bei allem Wertkonservatismus der Gattung stecken viel Dringlichkeit und hörbare Authentizität in diesen zwei Bluesrock-Varianten. Und auch auf eine dritte, ebenfalls aus dem Stall von Gulf Coast Records, sei noch kurz hingewiesen: Ende Mai erscheint mit »13 Hours« das phantastische neue Album von Sänger und Mundharmonikaderwisch Jason Ricci, der das Genre noch mit jeder Menge Funk- und Jazz-Turbulenzen anreichert.

→ Gabe Stillman: »What Happens Next?« (Coast Records/Proper Bertus)

→ Mike Zito: »Outside or the Eastside« (Coast Records/Proper Bertus)

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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