Vom Legato zum Stakkato
Von Gisela Sonnenburg
Es geht doch nichts über ein schönes Legato. Aus dem Italienischen kommend, bedeutet dieser Musikfachbegriff so viel wie »gebunden« oder »verbunden«. Verbunden werden beim Musizieren die einzelnen Töne, die dann nicht einzeln und isoliert bleiben, sondern als Kollektiv beieinander. An eine Suppe erinnernd, die mit Sahne gebunden wird, verleiht das Legato der Musik den schönen Schmelz. Das wissen Hannes Zerbe und Jürgen Kupke, die am kommenden Dienstag in der Maigalerie der jungen Welt in Berlin in der Reihe »jW geht Jazz« musizieren werden: Zerbe am Klavier und Kupke mit der Klarinette.
Fast zwei Jahre ist es her, dass sie, ebenfalls zu zweit, den Beginn der von Zerbe kuratierten, beliebten Veranstaltungsreihe machten. Dmitri Schostakowitsch und Hanns Eisler schenkten den beiden Meisterjazzern schon damals Inspiration. So wird es auch am Dienstag sein: Klangabfolgen etwa aus den Werken für Streicher von Schostakowitsch und Melodien aus den Liedern von Eisler werden zu Vorlagen, mit denen die Jazzmusiker spielerisch umgehen und aus denen sie ihre eigenen Werke schaffen.
Seit über 30 Jahren spielen Zerbe und Kupke zusammen. Sie können sich aufeinander verlassen. Ob sie eine Komposition von Zerbe spielen oder ob sie improvisierend gemeinsam Neuland betreten. »Wir spielen sehr gern im Duo«, sagt Jürgen Kupke, der 1960 im Vogtland geboren wurde, aber den größten Teil seines Lebens in Berlin verbrachte. Er studierte an der Berliner Hochschule für Musik »Hanns Eisler«, war dann Studio- und Theatermusiker und unterrichtet bis heute an der Musikschule in Berlin-Kreuzberg. Vor allem aber tritt er gern live auf, spielt mit direktem guten Draht zu den Kollegen und zum Publikum. Mit Charles Mingus, einem der bedeutendsten Jazzbassisten, auf der Bühne zu stehen, war ihm eine besondere Ehre. Aber mit Zerbe aufzuspielen, ist sozusagen sein Lieblingsgig.
Hannes Zerbe wurde im Dezember 1941 im heutigen Łódź geboren. Er studierte in Dresden und Berlin und ist seit 1969 Berufsmusiker, zehn Jahre später gründete er seine erste eigene Band. Daneben bildete er sich als Meisterschüler bei Paul-Heinz Dittrich in Komposition weiter. Mit internationalen Aktionen wurde er bekannt und gilt bis heute als Koryphäe des Jazz. 2021 erhielt er den Berliner Jazzpreis. Im Musikinstrumentenmuseum in der Hauptstadt organisiert Zerbe regelmäßig Konzerte, und auch die von ihm bestückte Reihe in der Maigalerie zeigt abwechslungsreich die verschiedensten Facetten des Jazz.
Ob am Dienstag abend der sanft anrollende Frühling musikalisch eine Rolle spielen wird? Jürgen Kupke meint, das sei nicht auszuschließen. Die Stimmung sei im Jazz schließlich spontan, und da könne auch gutes Wetter wichtig werden. Hannes Zerbe ist sich aber sicher, dass es keine typische Frühlingsmusik geben wird, also weder das »Frühlingsrauschen« von Christian Sinding noch das ohnehin nicht wirklich frühlingshafte »Le sacre du printemps« (»Frühlingsopfer«) von Igor Strawinsky.
Dass aus dem überwiegenden Legato auch mal ein herzhaftes, vielleicht sogar urfröhliches Stakkato wird, bei dem die einzelnen Töne getrennt und wie abgehackt erschallen, ist indes anzunehmen. Auch »stakkato« kommt aus dem Italienischen und bedeutet »abgetrennt«. Meist kommt eine starke Rhythmik hinzu, und der Ausdruck kann entweder trotzig oder selbstbewusst, wütend oder depressiv oder aber eben auch richtig heiter sein. Lassen wir uns überraschen!
Hannes Zerbe und Jürgen Kupke musizieren am Dienstag, 3. März 2026, um 19.30 Uhr (Einlass ab 19 Uhr) in der Maigalerie der jungen Welt, Torstraße 6, 10119 Berlin. Eintritt: 10 Euro (erm. 5 Euro), Anmeldung erbeten unter: 030 – 53 63 55 54 oder maigalerie@jungewelt.de
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