Anarchisten haben keine Akten
Lebendige Erinnerung: Die Berliner Brotfabrik zeigt eine Filmreihe und eine Ausstellung zum Spanischen Krieg
Ich bin nicht an die Front gekommen, um mit einem Putzlappen in der Hand zu krepieren!« Die Rebellion der Frauen ist ein Thema für sich innerhalb der Ausstellung »Tragödie der Freiheit – Revolution und Krieg in Spanien (1936–1939). Fragmente«, die derzeit im Atelier der Berliner Brotfabrik bei freiem Eintritt zu sehen ist.
In ihrem Kino lief am Sonnabend innerhalb der Reihe »¡A las Barricadas!« der Film »Durruti – Biographie einer Legende«, den Hans Magnus Enzensberger 1971 im Auftrag des WDR gedreht hatte. Und auch auf der Leinwand ließ eine der Damen Dampf ab, Durrutis Witwe Émilienne Morin. »Ich habe ihn gefragt: Wo sind die Frauen? Sind deine Kameraden alles Junggesellen?« An anderer Stelle sagt sie: »Sie haben viel von der freien Liebe gesprochen. Aber sie waren Spanier.« – Nur ihr Mann freilich war als einziger nicht so »unterentwickelt«, wie sie es nennt.
Nach dem Ende des Bürgerkriegs sind rund eine halbe Million Spanier ins Ausland geflüchtet, oft mit ihrer Familie. Bei der Vorführung des Films war neben Carlos Bustamante, dem Kameramann, auch Blanche Marcellan anwesend, deren Vater und Großvater im Spanischen Krieg gekämpft hatten und anschließend nach Frankreich emigrierten.
Kurator Hansi Oostinga hat für etliche Vorführungen seiner Reihe, die noch bis zum 31. Juli täglich in der Brotfabrik zu sehen ist, Gäste gewinnen können. Am Donnerstag (23.7.) läuft in Anwesenheit des Romanistikprofessors Ralf Junkerjürgen der Film »Solange du lebst«, der 1955 als deutsch-spanische Koproduktion entstand. Er erzählt die Liebesgeschichte eines abgeschossenen Piloten der »Legion Condor« und einer Spanierin, die sich seiner annimmt. Der Pilot überlebt, im Gegensatz zu der deutschen Produktionsfirma. Schuld war wohl vor allem die spanische Zensur. Hilfe von außen hatte es für die Faschisten offiziell möglichst keine gegeben. Junkerjürgen recherchierte die Änderungen am Drehbuch seitens der spanischen Behörden, und er wird sicher auch auf die heftige politische Reaktion in der BRD eingehen, die den fertigen Film schließlich abstürzen ließ.
Auch der Dreh von Enzensbergers »Durruti – Biographie einer Legende« lief nicht ganz glatt. Kurz vor dem letzten Drehtag flog die Tarnung, ein Film über moderne spanische Architektur, auf. Wie der Kameramann erzählt, hatte das Team glücklicherweise sämtliche fertige Aufnahmen immer unverzüglich außer Landes geschickt. So konnte ein überaus bemerkenswertes Werk entstehen, noch lebendiger als das allseits bekannte Buch »Der kurze Sommer der Anarchie« (1972), das es übrigens ohne die Filmaufnahmen vermutlich gar nicht gegeben hätte.
»Die Anarchisten hatten keine Akten. Die hatten keine Bürokratie«, sagte Enzensberger Jahrzehnte später einmal in einem Interview. Es blieb ihm nur die Aufzeichnung von Gesprächen, der »mündlichen Überlieferung, die den Anarchisten besser passt«. Etliche der im Film gezeigten Interviews fanden in der Druckerei statt, die in Frankreich von den spanischen Exilanten bis 2007 betrieben wurde. Die bereits erwähnte Blanche Marcellan hat dort 17 Jahre lang in der Produktion gearbeitet.
Die erste Frage, die ihr nach der Vorführung gestellt wurde, lautete natürlich, ob die spanischen Revolutionäre wirklich solche Machos waren, wie von Durrutis Witwe beschrieben. »Ich bin erstaunt«, antwortet Blanche Marcellan, »dass sie nicht von den Frauen spricht, die auf die Barrikaden gestiegen sind und gekämpft haben!«
Bei einem Glas Rotwein, spanischen Oliven und luftgetrockneter Salami (»Auch Revolutionäre müssen essen«, heißt es im Film) frage ich Hansi Oostinga, welcher Film der Reihe ihm besonders am Herzen liegt. Er muss lange überlegen: »Memoria Viva« – (25.7., 18.30 Uhr in Anwesenheit eines Zeitzeugen). Schließlich interessiert mich noch, ob außer dem Film über den deutschen Bruchpiloten auch andere faschistische Propagandafilme im Programm wären. Er nippt an seinem Glas und schüttelt den Kopf. »Nö, einer reicht.«
→ »¡A las Barricadas! Bürgerkrieg und Revolution in Spanien (1936–1939)«, Filmreihe, Brotfabrik Berlin, Caligariplatz 1, Berlin, bis 31. Juli 2026
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