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19.05.2026
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Hoffen auf die Stalinorgel
Reisetipps aus dem »Lonely Planet«: Der 70. Eurovision Song Contest in Wien
Urlaubstipps statt Sängerstreit: Selbst der Autoparodiemodus des Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne zieht nicht mehr. Bei seiner 70. Auflage, diesmal aus der Stadthalle in Wien, waren alle ironischen Drops gelutscht. Bunt und schwul und camp und Bombast und Mallorca und Bums und Hard Rock in Kostümen war alles schon mal dagewesen. Und nicht nur einmal, zwanzigmal. Zu sehen gab es also ein seltsames Wiedergängertum der Nationen und ihrer Klischees. Besonders ehrlich waren die Teilnehmer aus Westtransnistrien mit ihrem Beitrag »Moldova, Moldova, Republica Moldova!« – Tourismuswerbung fürs eigene Land, in das niemand fährt. Dabei ist Chișinău durchaus eine Reise wert, man sollte allerdings nichts essen, nur Wein saufen. Bezüglich elaborierter Tipps aus dem »Lonely Planet« für Idioten war die Show also gut. Die Kartoffelinsel, die Björkinsel, das royale Tulpenfeld, ein Teil von Jugoslawien und das Königreich Sangria schmollten wegen Imperial Jesusland. Wegen des Zarenreichs und seinem Vorhof (ausgeschlossen seit 2022) durfte keiner schmollen. Ein schöner Strandurlaub in Minsk vielleicht? Skifahren in Haifa?
Von Anfang an ging es nur bergab: Bilder von Bergdeutschland. Opernhäuser, Berge, Seen, Schluchtenscheiße, Brettljausn, Kaiserschmarrn. Ich will da nicht hin. Der Jot-Jot, Sieger vom letzten Jahr, trällerte dazu algorithmisch aufpoliert wie der letzte Eunuch vom Praterklo die Königin der Nacht aus der »Zauberflöte« von unserem Wolferl aus der Getreidegasse. Ein Frau-Moderator und ein Mann-Moderator grinsten schwuler als der Boy George (auch im Publikum) und taten so, als hätten sie Spaß. Westdeutschland (grauer Teil von Österreich) schickte eine Aushilfs-Shakira, die auf Englisch sang und prompt Drittletzte wurde.
Sehr gewichtig präsentierte sich das Bunkerparadies vor Korfu als letztes Refugium für die Kernfamilie. Dem albanischen Alis sein Lied vom traurigen Mütterlein (»Nân«) wartete mit der ganz großen Geste der Untertitel auf. Wer dann also brav mitlas (oder gegische Mundart verstand), kapierte, was die ganzen Runzelhexen auf der Bühne sollten. Vierzig Jahre nach Enver Hoxha ist die Blutrache wieder salonfähig: Fahren Sie nach Albanien nur unauffällig im Benz (die Zulassungsquote von Mercedessen beträgt dort ca. 30–40 Prozent) und stopfen Sie den Kofferraum mit Eukalyptusbonbons voll.
Seine allgemeine Kulturarmut bewies das Segelohrenkönig-Reich (SR) mit dem Beitrag von Look Mum No Computer auf Deutsch: »Eins, zwei, drei«, so zählen Engländer glücklich das Trinkgeld ab, das sie auf Kolonialurlaub in Magaluf nie gegeben haben. Aus einer verschimmelten Wohnung in Grantham, der Heimat von Margaret Thatcher, stammt der Mann mit den riesigen Analogsynthesizern, die er konsequent nicht bediente. Schlechter übers Vollplayback sang an diesem Abend wirklich niemand. Was vor allem daran lag, dass 93 Prozent der Teilnehmer, insbesondere die ganzen Aushilfs-Céline-Dions, mit KI beschissen hatten. Letzter Platz für Ostnordirland.
Viel Tradition hingegen wartet im Osten: Die freien Staaten der Sowjetunion präsentierten gewohnt zwanghaft ihre emsigen Volkskulturen. Hatten sich indigene Runen auf die Visagen gekritzelt, stellten primitive Harfen auf die Bühne, integrierten schunkliges Gedudel. Ein bisschen gotisch-düster muss es auch immer sein, vor allem im Baltikum, wo man zwölf Monate im Jahr auf die Erhellung indigener Winternächte durch die Stalinorgel hofft. Sie sind nicht germanisch, nicht finnisch, nicht russisch, sie sammeln Beeren im Moor. Nur der Kirchenstaat Polackistan der Sozialen Ungleichheit (KPdSU) wollte beweisen, dass er mittlerweile wirklich das bessere Westdeutschland ist und schickte ebenso eine Aushilfs-Shakira, die nur vierzehntletzte wurde.
Mir persönlich ist nach diesem Fiasko die Reiselust nach Europa vergangen. Ich sehne mich nach authentischer Popkultur aus naiven Drittweltstaaten, feurigen Currys und billigen Huren am Palmenstrand. Zum Glück findet am 14. November 2026 zum ersten Mal der Eurovision Song Contest Asia in Bangkok statt. Kein Scherz.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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