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Eurovision Song Contest

Hoffen auf die Stalinorgel

Reisetipps aus dem »Lonely Planet«: Der 70. Eurovision Song Contest in Wien

ESC
Foto: Jessica Gow/TT/IMAGO
Best of the Rest: Dara gewann für Bulgarien die goldene Ananas

Urlaubstipps statt Sängerstreit: Selbst der Autoparodiemodus des Grand Prix Eurovision de la Chanson Européenne zieht nicht mehr. Bei seiner 70. Auflage, diesmal aus der Stadthalle in Wien, waren alle ironischen Drops gelutscht. Bunt und schwul und camp und Bombast und Mallorca und Bums und Hard Rock in Kostümen war alles schon mal dagewesen. Und nicht nur einmal, zwanzigmal. Zu sehen gab es also ein seltsames Wiedergängertum der Nationen und ihrer Klischees. Besonders ehrlich waren die Teilnehmer aus Westtransnistrien mit ihrem Beitrag »Moldova, Moldova, Republica Moldova!« – Tourismuswerbung fürs eigene Land, in das niemand fährt. Dabei ist Chișinău durchaus eine Reise wert, man sollte allerdings nichts essen, nur Wein saufen. Bezüglich elaborierter Tipps aus dem »Lonely Planet« für Idioten war die Show also gut. Die Kartoffelinsel, die Björkinsel, das royale Tulpenfeld, ein Teil von Jugoslawien und das Königreich Sangria schmollten wegen Imperial Jesusland. Wegen des Zarenreichs und seinem Vorhof (ausgeschlossen seit 2022) durfte keiner schmollen. Ein schöner Strandurlaub in Minsk vielleicht? Skifahren in Haifa?

Von Anfang an ging es nur bergab: Bilder von Bergdeutschland. Opernhäuser, Berge, Seen, Schluchtenscheiße, Brettljausn, Kaiserschmarrn. Ich will da nicht hin. Der Jot-Jot, Sieger vom letzten Jahr, trällerte dazu algorithmisch aufpoliert wie der letzte Eunuch vom Praterklo die Königin der Nacht aus der »Zauberflöte« von unserem Wolferl aus der Getreidegasse. Ein Frau-Moderator und ein Mann-Moderator grinsten schwuler als der Boy George (auch im Publikum) und taten so, als hätten sie Spaß. Westdeutschland (grauer Teil von Österreich) schickte eine Aushilfs-Shakira, die auf Englisch sang und prompt Drittletzte wurde.

Sehr gewichtig präsentierte sich das Bunkerparadies vor Korfu als letztes Refugium für die Kernfamilie. Dem albanischen Alis sein Lied vom traurigen Mütterlein (»Nân«) wartete mit der ganz großen Geste der Untertitel auf. Wer dann also brav mitlas (oder gegische Mundart verstand), kapierte, was die ganzen Runzelhexen auf der Bühne sollten. Vierzig Jahre nach Enver Hoxha ist die Blutrache wieder salonfähig: Fahren Sie nach Albanien nur unauffällig im Benz (die Zulassungsquote von Mercedessen beträgt dort ca. 30–40 Prozent) und stopfen Sie den Kofferraum mit Eukalyptusbonbons voll.

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Seine allgemeine Kulturarmut bewies das Segelohrenkönig-Reich (SR) mit dem Beitrag von Look Mum No Computer auf Deutsch: »Eins, zwei, drei«, so zählen Engländer glücklich das Trinkgeld ab, das sie auf Kolonialurlaub in Magaluf nie gegeben haben. Aus einer verschimmelten Wohnung in Grantham, der Heimat von Margaret Thatcher, stammt der Mann mit den riesigen Analogsynthesizern, die er konsequent nicht bediente. Schlechter übers Vollplayback sang an diesem Abend wirklich niemand. Was vor allem daran lag, dass 93 Prozent der Teilnehmer, insbesondere die ganzen Aushilfs-Céline-Dions, mit KI beschissen hatten. Letzter Platz für Ostnordirland.

Viel Tradition hingegen wartet im Osten: Die freien Staaten der Sowjetunion präsentierten gewohnt zwanghaft ihre emsigen Volkskulturen. Hatten sich indigene Runen auf die Visagen gekritzelt, stellten primitive Harfen auf die Bühne, integrierten schunkliges Gedudel. Ein bisschen gotisch-düster muss es auch immer sein, vor allem im Baltikum, wo man zwölf Monate im Jahr auf die Erhellung indigener Winternächte durch die Stalinorgel hofft. Sie sind nicht germanisch, nicht finnisch, nicht russisch, sie sammeln Beeren im Moor. Nur der Kirchenstaat Polackistan der Sozialen Ungleichheit (KPdSU) wollte beweisen, dass er mittlerweile wirklich das bessere Westdeutschland ist und schickte ebenso eine Aushilfs-Shakira, die nur vierzehntletzte wurde.

Mir persönlich ist nach diesem Fiasko die Reiselust nach Europa vergangen. Ich sehne mich nach authentischer Popkultur aus naiven Drittweltstaaten, feurigen Currys und billigen Huren am Palmenstrand. Zum Glück findet am 14. November 2026 zum ersten Mal der Eurovision Song Contest Asia in Bangkok statt. Kein Scherz.

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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→ Leserbriefe
  • Georg F. aus Heidelberg 19. Mai 2026 um 14:33 Uhr
    Der reale Boy George hat diesen erbärmlichen Eurovision song contest Brief mit 1000 Leuten aus dem Showbiz unterschrieben, in dem steht, Israel habe gar nichts angefangen usw. usf. Manchmal will man die Peinlichkeiten lieber nicht wissen, aber der Krampf und Kampf ist ja in der Welt. Die Reaktionen aus der Pop-Welt sind jedes Mal so dürftig, dass man sich fragt, ob all die Popdiskurs-Dekonstruktivistinnen aller Geschlechter nicht rot anlaufen, die alle Subversion mit ein paar Songs erklären wollen, gern mit fashionable philosophy geschmückt. Wie Nick Cave sagt Boy George, er werde niemals seine israelischen Freunde im Stich lassen. Ja? Hat irgendwer das gefordert? Das ist doch selbstverständlich, aber was hat das mit dem Abschlachten unschuldiger Menschen, eingesperrt in Gaza, dem Ermorden von Menschen der West Bank und in Libanon zu tun? Ansonsten stand da, Musik verbinde doch, usw. Seltsam nur, dass diesen Leuten nie klar wird, wenn man Russland ausschließt, Israel aber zulässt, dass das e Gschmäckle hat. In der Pfalz sagte man einfach, passte immer, »Ua. Schmäcksche nätt die Boon« (aus den Urzeiten, als es kaum richtigen Kaffee gab) – und stellte dann ein paar Platten weg, oder nicht, wie man wollte.
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