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24.03.2026
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Über allem der Regenbogen
Fantasy, Queerness, Obskurantismus: So schön war es auf der Leipziger Buchmesse
Obskurantismus wurde auf der Leipziger Buchmesse als letzte Fluchtburg der dritten Internetgeneration sichtbar. Im Jahr 35 nach dem Urknall des Weltnetzes war das offene Dissoziieren im öffentlichen Raum zum Mainstream geworden. Horden von zart geschminkten bis extrem verkleideten Menschen, meist im Teenageralter bis Ende 30, drückten sich durch Regale von Plastikfiguren, die so aussehen wie sie. Nicht ganz: Pickel und Speckröllchen unter zentimeterdicken Schichten von billigem, aber behende aufgespachteltem Make-up fehlen in den Kosmen der Superbösewichte und Cyberheldinnen. Der Plural von »Kosmos« ist wichtig, denn alles ist penibelst ausdifferenziert in Genres, Subgenres und Identitäten. Jeder Fetisch bedient sich selbst so lange, bis er, zum zu offensichtlichen Klischee ausgearbeitet, wieder aufgespalten werden muss. Man erfindet hierzu sinnlose Sprache, gewürzt mit meist englischen und selten japanischen/koreanischen Vokabeln. In »Slow Burn Boys Love Novels« zum Beispiel lernen sich junge Männer auf verklemmt erotische Weise kennen. 500 Seiten lang darf nicht viel passieren außer scheuen Blicken und zufälligen Berührungen, am Ende kratzt einer von beiden meistens ab. Tragisch ungeil. In »Dark Mafia Romance Sapphic Style Graphic Novels« passieren zart illustrierten Lesbierinnen (und allen, die sich als solche identifizieren) düstere, sexy Begebenheiten mit der organisierten Kriminalität.
Zur omnipräsenten Nationalflagge dieser Nichtsubkulturen ist der Regenbogen in all seinen farblichen Abwandlungen und Ergänzungen geworden. An jedem zweiten Stand klebt er penetrant als Einigkeitssymbol dieser in Comickultur mit Schmuddelheftchen und – auf der anderen Seite – die Reste einer subventionsabhängigen Bildungselite zwiegespaltenen Buchmesse. Das hat lange nichts mehr mit gleichgeschlechtlicher Liebe zu tun, der Regenbogen meint dankbar: »Ich darf!« Queersein soll sich zur ominösen Demokratie bekennen, sich dem anderen Mainstream der 35 Prozent AfD-Wähler nicht zugehörig fühlen. Soll den Kulturstaatsminister ausbuhen, weil er Staatspreise nicht an linke Buchhandlungen vergeben will. Soll in Leipzig eine Behauptung freier Sachsen gegen die Freien Sachsen und ihre Kameraden sein. Wer gerne im Katerkostüm asexuell mit seiner Partnerin kuschelt, ist so queer wie der schwule Familienvater mit Faustfickhintergrund. Über allem strahlt der Regenbogen, die neue Antiatomkraftsonne fühlt für dich voraus. Gruppenzwang und Geschwurbel sind traditionell argumentationsarm konsensfähig.
Die Fantasy-Leute gab es immer, in der DDR entstand die deutsche Mittelalterszene. »Gothic« lieferte dann gesamtdeutsch die Festivals der dicken Mädchen und verwachsenen Jungs in Garderoben für tausend Euro. Ein Feierabend im romantischen Winkel galt als spezielles Hobby einiger weniger, die sich im Schützenverein und der Freiwilligen Feuerwehr nicht zurechtfanden. Das galt auch für die BDSMler und die Japanophilen. Das Internet verheerte diese Rückzugsorte, machte sie zum einzig tröstlichen Alltag. Obskurantismus ist nun Mainstream, und jeder, der Gruppensicherheit sucht, differenziert seinen Fetisch öffentlich aus. Kommendes Wochenende (27.–29. März) findet in Berlin das erste »Doggy-Weekend« statt.
Man bezeichnete so etwas einmal als Konsequenz einer tiefen Einsamkeit, die Abwesenheit einer Gesellschaft, die langsam zur Abwesenheit einer ganzen Spezies wird. Im Zeitalter maximaler Positivität ist so was nicht festzustellen, möchte man sich nicht in die Gilde der traurigen Reaktionäre einreihen. Auch diese trifft man auf dieser bizarren Werbeveranstaltung eines nostalgischen, nicht mehr besonders gefragten Produkts – des Buchs. Der Verlag von Kloeden aus Berlin vertreibt ein »Handbuch für Jungs, denn Männer braucht dies Land« nebst »Odins Welt – Germanische Göttersagen für die Jugend«. Ob man in dieser Verkleidung besser aufgehoben ist als im Tentakelwald der Mangawichser, ist eine kleine Bildungsfrage. Unterm Regenbogen findet diese Buchmesse keine Antworten, aber Märkte.
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Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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