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Exilschriftsteller Kamel Daoud

Warum will er nicht begnadigt werden?

Der Romanautor Kamel Daoud strebt wegen der gefährlichen Lage in Algerien keine Rückkehr aus dem Exil an, sagt Najem Wali

Foto: Sarah Meyssonnier/REUTERS
Kamel Daoud wurde 2006 vom algerischen Regime aufgrund der »Charta für Frieden und nationale Versöhnung« verurteilt

Der Schriftstellerverband PEN setzt sich für den in Paris lebenden algerischen Autor Kamel Daoud ein, der 2024 für »Houris« den Prix Goncourt erhielt. In Abwesenheit verurteilte ihn Ende April ein algerisches Gericht zu einer dreijährigen Haftstrafe ohne Bewährung. Was warf man ihm vor?

Kamel Daoud wurde auf Grundlage der 2006 vom algerischen Regime aufgestellten »Charta für Frieden und nationale Versöhnung« verurteilt. Das Gesetz stellt jede öffentliche Kritik des Vorgehens von algerischen Militärs und Islamisten im Bürgerkrieg zwischen 1992 und 2002 unter Strafe und gewährt gleichermaßen Sicherheitskräften sowie Terroristen Straffreiheit. Dabei hatte die Bevölkerung im sogenannten schwarzen Jahrzehnt rund 200.000 Tote und Tausende Vermisste zu beklagen, als das algerische Militär und bewaffnete Truppen der »Islamischen Heilsfront«, FIS, sich bekämpften. Die Erinnerung daran hat der algerische Staat zum Tabu erklärt: Seither steht es unter Strafe, von diesem Krieg zu sprechen.

Der Romantitel »Houris« verweist auf »die Jungfrauen«, die nach islamischem Glauben ein rechtschaffener Muslim im Paradies erwarten kann. Können Sie Stellen des Buches schildern, die dazu führten, dass der Autor zum Schweigen verurteilt wurde?

Um einzelne Passagen geht es gar nicht. Zum ganzen Thema soll nach besagtem Gesetz fortan geschwiegen werden. Der Roman erzählt aus der Perspektive einer jungen Frau, die als kleines Mädchen einen nächtlichen Anschlag auf ihr Dorf im Westen des Landes überlebte, die Geschichte des Bürgerkriegs und der Massaker, die in vielen Dörfern des Landes verübt wurden. Der Frau wurde die Kehle durchgeschnitten, sie konnte aber gerettet werden.

Algerische Behörden erließen zwei internationale Haftbefehle gegen Kamel Daoud, die Interpol jedoch nicht annahm. Weiterhin gibt es die Zivilklage einer Frau, die sich in einer Romanfigur wiedererkannt haben will. Sie habe Daouds Ehefrau, die Ärztin in einer Psychiatrie ist, von sich erzählt. Daoud soll ihre Geschichte unautorisiert verwendet haben. Er bestreitet das.

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Warum besteht die algerische Regierung heute noch auf dem Sprechverbot über das »schwarze Jahrzehnt«? Die Regierung von Abdelaziz Bouteflika, die Kritik daran noch konkret hätte treffen können, ist schließlich nicht mehr im Amt.

Regierende kamen demokratisch an die Macht, nur um die Demokratie fortan auszuschalten – so auch die aktuelle Regierung unter dem Präsidenten Abdelmadjid Tebboune, der seit 2019 regiert. Dahinter verbirgt sich das gleiche Machtgefüge von Militärs, Islamisten und Clanstrukturen wie zuvor. Autoritäre Regime wollen grundsätzlich keine Zweifel zulassen, genau davon aber lebt die Literatur.

Damals verbreiteten Banditen sowie Islamisten Angst und Schrecken in der Bevölkerung. Sie überfielen Dörfer, plünderten und mordeten. Der Staat schaute untätig zu. Im Schatten dieser Gewalt ging die Korruption weiter. Wie ist die Lage heute in Algerien?

Militär ist Militär. Ob Namen, Generationen und die Uniformen noch gleich sind, oder sich im Laufe der Jahre verändern, spielt keine Rolle.

Ähneln sich die Geschichten des in Frankreich im Exil lebenden Schriftstellers Daoud und die des algerischen Autors Boualem Sansals, für den sich PEN ebenso eingesetzt hatte?

Daoud strebt nicht wie Sansal an, wieder in Algerien zu leben. Er weiß, dass nicht nur das Regime gefährlich ist, sondern durch politische und mediale Hetze die ganze Gesellschaft polarisiert wurde. Gefahr kann von allen Seiten drohen. Im Unterschied zu Sansal, der zunächst inhaftiert und im November 2025 durch den algerischen Präsidenten Abdelmadjid Tebboune begnadigt wurde, strebt Daoud auch keine Begnadigung an. Sein Ziel ist, dass die freie Meinungsäußerung nicht weiter eingeschränkt wird. Also will er einen Freispruch und die Abschaffung des Gesetzes. An Sansals Fall aber war zu sehen: Unsere hartnäckige Arbeit sowie auch die anderer Organisationen und Initiativen kann sich tatsächlich lohnen. Wir hatten etwa an Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier geschrieben, der sich sehr kooperativ gezeigt hatte.

Wie kann sich PEN einsetzen?

Ob im Exil oder vor allem dann, wenn Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Gefängnisse eingesperrt werden: Es gilt, das freie Wort zu verteidigen. Wir schicken zum Beispiel Karten in die Gefängnisse, um zu zeigen, dass wir inhaftierte Autorinnen und Autoren nicht vergessen, sondern uns für sie stark machen. Die Freiheit der Meinung, der Presse und der Literatur sind fundamentale, universale Menschenrechte. Diese Werte müssen wir international und in Solidarität wahren. Solange eine Schriftstellerin oder ein Schriftsteller in Haft sitzt, ist keiner von uns frei.

Najem Wali ist Vizepräsident und Writers-in-Prison-Beauftragter von PEN Deutschland. Zuletzt erschien sein Roman »Ein Ort namens ­Kumait« im ­Secession-Verlag

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Erschienen in der Ausgabe vom 19.05.2026, Seite 2, Feuilleton

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