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19.05.2026
- → Feuilleton
Blick aus dem Kellerloch
László Nemes erzählt mit seinem Film »Andor Hirsch« allegorisch die Waisengeschichte Ungarns
Budapest, vier Jahre nach dem Ende des 2. Weltkriegs. Der subjektive Blick kommt aus dem Guckloch einer dunklen Ruinenhöhle. Er dringt durch das Oval eines Lichtspalts nach draußen und verbindet so eine versteckte, einsame Innenwelt mit dem bevölkerten Außenraum, das Finstere mit dem Hellen und die Fiktion des Kinematographen mit der realen Geschichte. Dann wird der 4jährige Junge mit seinem Namen Andor Hirsch gerufen und kurz danach gleichsam in den Geburtskanal zu seiner unbekannten Mutter Klára (Andrea Waskovics) gezerrt. »Ich will hierbleiben«, sträubt sich der Kleine, der bis dato in einem Waisenhaus aufgewachsen ist, gegen alles, was da kommen mag. Andor ist ein vaterloses Kind, das noch nichts von sich weiß und sich einen jüdischen Vater imaginiert, der im Konzentrationslager ermordet wurde. Trotzdem wartet er sehnsuchtsvoll auf ihn. Später wird er in einem dunklen Heizungskeller Zwiesprache mit ihm halten und ihm von seinen Sorgen und Nöten erzählen.
Der preisgekrönte ungarische Regisseur László Nemes (»Son of Saul«, 2015; »Sunset«, 2018) hat sich für seinen neuen Film »Andor Hirsch«, der im Original »Árva« (»Waise«) heißt, von der Geschichte seines eigenen Vaters, dem 1945 geborenen Filmemacher András Jeles, anregen lassen. Nach der visuell beziehungsreich gestalteten Eröffnung führt ein Zeitsprung in das Jahr 1957. Noch immer gibt es zerschossene Fassaden und Ruinen. Seit dem gescheiterten Aufstand von 1956 herrscht ein Klima der Angst und Bedrohung. Mit Überwachung, systematischen Kontrollen und Razzien werden mutmaßliche Widerständler gejagt und in den Untergrund gezwungen; vor allem aber wird die Bevölkerung drangsaliert und schikaniert. Offener Antisemitismus retraumatisiert die jüdischen Opfer der Nazidiktatur. Auch die Familie von Andor Hirsch (Bojtorján Barabas), der jetzt 12 Jahre alt ist, bekommt diese Verachtung zu spüren. Das noch orientierungslose, aber aufgeweckte und frühreife Trümmerkind ist voller Wut und Zorn. Sehr genau registriert der Junge die Mechanismen der Unterdrückung und Ausgrenzung.
»Ich denke, du bist ein guter Vater, aber du bist nicht hier«, sagt Andor zu seinem abwesenden Vater, den er in seinen Tagträumen idealisiert. Doch dann werden seine Identitätssuche und sein Schutzbedürfnis mit einem Mann konfrontiert, der behauptet, Andors Erzeuger zu sein. Der vierschrötige Metzger und Kriegsgewinnler Mihály Berend (Grégory Gadebois), der grobschlächtig die Zuneigung seines mutmaßlichen Sohnes einfordert, aber auch eine weiche, einfühlsame Seite hat, versteckte nämlich während des Krieges Klára auf seinem Landgut. Andor fühlt sich belogen und wehrt sich mit allen Mitteln gegen diese ungeliebte Herkunft und einen Vater, den er als »Monster« bezeichnet. »Je mehr du ihn hasst, desto mehr bist du wie er«, entgegnet ihm seine Mutter, die dem ungeliebten Berend ihr Leben verdankt.
László Nemes zeichnet ambivalente Figuren, die in ihren Widersprüchen und schuldhaften Verstrickungen gefangen sind, während die kollektiven Traumata weiterwirken. Das fast quadratische alte Bildformat sowie die verschatteten, oft verstellten und auf analogem Material aufgenommenen sepiabraunen Bilder verstärken zusätzlich den Eindruck existentieller Gefangenschaft. Erst das Riesenrad am Ende des Films führt von der Erdenschwere in luftige Höhen, symbolisiert jedoch zugleich gemeinhin den ewigen Kreislauf des Lebens.
→ »Andor Hirsch«, Regie: László Nemes, Ungarn/UK/BRD u.a. 2025, 132 Min., bereits angelaufen
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