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Aus: Ausgabe vom 20.02.2026, Seite 11 / Feuilleton
Popkultur

Unsterblich

Unsterblich. Kiev Stingls posthumes Album »Meine Sterne fallen«
Von Maximilian Schäffer
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Go and catch a falling star: Kiev Stingl

Zu seinem 80. Geburtstag vor drei Jahren, vermeldete Kiev Stingl im Interview, er wolle ein Phantom sein, keine Legende. Wie das so ist mit der Geschichte, wandeln sich die Wahrnehmungen über einen Künstler nach seinem Tod. Lange waren Stingls drei große Alben nicht bei den großen Streamingdiensten zu finden. Geschweige denn »Grausam Das Gold Und Jubelnd Die Pest«, das vierte, experimentelle, zwischen Chanson, Industrial und Neuer Musik changierende mit FM Einheit, Alex Hacke, (Einstürzende Neubauten) Mona Mur und Dieter Meier (Yello), das 1989 auf What’s So Funny About erschien. So etwas war nicht einmal in den halblegalen Untiefen des Netzes zu finden.

Inzwischen tauchen sogar Videos auf, die Stingls getriebenes Unwesen belegen. Eines zeigt ihn zusammen mit Bernd Jestram und Ronald Lippock (Tarwater) live in London mit üblicher Sonnenbrille und unüblicher Langsamkeit seines Songs »Lila Diva«.

2022 noch erschien »XRI Nuit«, eine EP an der er jahrelang zusammen mit Niklas David, einer Hälfte des Experimentalpopduos Audiac, arbeitete. David erbte Stingls musikalischen Nachlass und machte auf seinen Wunsch weiter. Ausreichend Kassettenaufnahmen, Songskizzen, Studiotakes waren (und sind) noch unvollendet. Zu seinem zweiten Todestag am 20. Fe­bruar erscheint nun Kiev Stingls letztes Album »Meine Sterne fallen«. David hat in mühevollster Studioarbeit die originalen Dudeleien von Kievs virtuos verstimmter Gitarre und Stimme mit Piano, Synthesizer und Samples vielschichtig umtänzelt. Ganz im Geiste des Meisters – oder eben nicht, denn zufriedenstellen konnte man Stingl höchstens mit einer Sahnetorte.

Das »Rosenblatt« ist eine Ballade, die in Deutschland wohl nur Kiev so manifestieren konnte, wie er sie hier zum Klavier singt. Leicht drüber intoniert, altertümelnd im Ausdruck (Licht wird zu »Liecht« und bricht wird »briecht«) und trotzdem, für gewöhnlich die größten Momente seiner Gesangskarriere, mit der ganzen Zerbrechlichkeit zerbrochener Lieben – dem Hauptthema seines Lebens. Zu seiner Beerdingung auf dem Berliner Georgen-Parochial-Friedhof III lief eine Version der Ballade zum Abschied für ihn selbst.

»Meine Sterne fallen« ist ein düsteres Album, ein bleischweres, tiefschwarz-öliges, das durchaus an Nicos wohligste Gruftgesänge erinnert. Zusammen saßen die beiden einst am Tresen des »Ballhaus Barmbek« (Christel Buschmann, 1988). Kiev allerdings zieht es nicht in den Sandsturm von »Desertshore« (Nico/John Cale, 1970). Er klagt gegen sich selbst und andere, vor allem Frauen, aber er klagt nicht gen Himmel, eher gegen Hamburg. »Tränen in Kissen« ist der tiefste Punkt seiner Einsamkeit in diesen zehn Tracks des eigenen Nachrufs. Der Autor, Musiker und Freund Kolja Nixdorf (Maschineller) hat dazu ein lakonisches Musikvideo aus Werner Hochbaums Proletarierelegie »Brüder« (1929) montiert. Kiev bekennt es hier selbst und bekannte es auch sonst oft, wenn er in seinem letzten Bett lag: Er »konnte niemals allein sein«, aber wollte immer frei sein. Dazu montiert Produzent David akustisch passend Moby-artiges, zerbrechliches Porzellan. Wie der bayerische Anarchist Hans Söllner einst feststellte: Freiheit muss wehtun.

Am Schmerz des richtigsten aller deutschen Popstars Kiev Stingl, an seine absurden, kuriosen Momente, an seine brachiale und zarte Poesie sowie seine neue und alte Musik wird zum Albumrelease am 20. Februar in der Schankwirtschaft Laidak eine Revue stattfinden. Wegbegleiter des »Westeuropa Sohn« lesen, zeigen, performen.

Kiev Stingl – »Meine Sterne fallen« (Klangbad/Moloko Plus)

»Revue für Kiev Stingl«, 20. Februar, 20 Uhr, Schankwirtschaft Laidak, Boddinstr. 42, Berlin-Neukölln

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