Hinter den Mülltonnen
Von Maximilian Schäffer
In dem britisch-irischen Melodram »Pillion« geht es um die Beziehung eines schüchternen Langweilers zu einem anderen schüchternen Langweiler. Colin und Ray lernen sich unter den Bedingungen des schwulen Sadomasochismus kennen. Was für Außenstehende als unwahrscheinliche Begegnung daherkommt, ist Anziehung durch Polarität, und eigentlich nur logisch. Colin (Harry Melling) ist hager, hat englische Zähne und prüft mit seinem Silberblick im Alltag das Falschparken von Autos für das Äquivalent des Ordnungsamts. Die Abende verbringt er zu Hause am elterlichen Esstisch oder als Sänger einer nostalgischen A-Capella-Truppe. Ray (Alexander Skarsgård) hingegen hat sein Motorrad auf dem Privatgelände der Fetischformeln abgestellt. In hautengen Lederoveralls reitet er seine Rennmaschine. Über seinen Beruf ist nichts bekannt, er trainiert einsam seine Muskeln, Tattoos weisen auf eine mögliche Parallelexistenz als Vater hin. So romantisch wie möglich lernen sich Plus- und Minuspol am Weihnachtsabend kennen: Blowjob hinter Mülltonnen.
Langsam entwickelt sich ein oberflächliches Lustverhältnis zwischen den beiden, dessen Tempo und Regeln Ray alleine bestimmt. Colin muss sich verkleiden, so wie es den Abbildern der Szene entspricht. Haare ab, Eigentumskettchen mit Vorhängeschloss um den Hals und immer wieder das gewichste Leder. Ästhetisch zwischen Strafkolonie und Judas Priest – so darf er vor seinem Herrchen knien. Jeden Tag nach der Arbeit begeben sich beide in diese Scharade, ein Spiel mit den eigenen Schatten. Colin kocht für Ray, schläft neben dessen Bett auf dem Boden. Bekommt zum Dank ab und zu etwas Speichel in den Mund gespuckt, noch seltener Sperma ins Rektum. Beide Neurotiker sprechen wenig, um die Körperübung aus der Schauspielschule nicht ins Lächerliche verkommen zu lassen.
Regisseur Harry Lighton hat diese Begegnung zweier Einsamkeiten ideal besetzt. Skarsgård und Melling passen mimisch und körperlich wie Faust in den Arsch. Und sicherlich ist das Reinschnuppern in solche sexuellen Subkulturen mit ihren strengen Regeln und Codes, mit ihren absurd wirkenden Praktiken für Außenstehende ein Abenteuer. Genauso wie es Filme und Serien über Motorradgangs und Mafiafamilien sind. Alle diese Mikrofreiheiten als Abkehr von der »normalen« Gesellschaft, als Flucht ins strikt Perverse führen doch wieder zu ihrer eigenen Spießigkeiten (man erinnere sich an die »Sopranos«). Spätestens dann, wenn Master Ray – eingebettet in Disziplin und Speiseplan, Motorradpflege und SM-Zeltlager – seine Komfortzone verlassen muss, entlarvt sich dessen Unflexibilität als Angst vor sich selbst. Der Sklave verlangt einen »Urlaubstag« pro Woche. Urlaub heißt in diesem Fall, die Zügel zu lockern, die Maske abzulegen, des Partners Menschsein zu akzeptieren. Ray schwitzt Blut und Wasser.
Das führt zur traurigsten Szene des Films, es ist gleichzeitig die letzte von Colin und Ray miteinander. Sie verbringen ein Tag im Leben eines normal langweiligen schwulen Pärchens. Im Kino, im Einkaufsviertel, im Park tollen sie herum, halten Händchen und knutschen wie Welpen, haben sich streng genommen nichts zu sagen. Schön fürs erste Date, etwas sehr banal nach mehreren Monaten intimstem Abhängigkeitsverhältnis. Ob »Pillion« (auf Deutsch »Beifahrer« oder »Sozius«) als Film auch zu diesem Schluss kommt, ist schwer zu sagen. Es ist doch ein Szenefilm, der von dieser dankbar aufgenommen werden wird, alleine weil er existiert. Pünktlich zum ersten Doggy-Weekend in Berlin ist er angelaufen, sich zu sexuellen Zwecken zu Verkleiden hat Hochkonjunktur. Stellung nimmt dieser Film höchstens als Sozialarbeiterratschlag: Definiere deine Grenzen, hör auf deine Gefühle, dann ist alles erlaubt. Das lässt ihm wiederum auch nur seine eigene Pornographie. Während die Schmuddelszenen aufregend sind, bewegt sich das Melodram drumrum eher auf dem Niveau einer Rosamunde-Pilcher-ZDF-Herzkino-Verfilmung. Auch das entspricht der Lederszene.
»Pillion«, Regie: Harry Lighton, GB/Irland 2025, 106 Min., bereits angelaufen
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