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23.03.20261 Leserbrief
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Handwerker des Geistes
Dem marxistischen Philosophen und langjährigen Argument-Herausgeber Wolfgang Fritz Haug zum 90. Geburtstag
Es waren Tausende, die seit 1971 den »Kapital«-Kurs des damals noch als Privatdozent an der FU Berlin lehrenden WFH – so das Namenskürzel Wolfgang Fritz Haugs – besuchten. Montags von zehn bis 13 Uhr im Hörsaal 1 a, dem größten in der Rostlaube, konnte man lernen, dass Ware und Geld nichts sind, was es schon immer gegeben hat. Das Alltägliche, dass jedes Ding »seinen Preis hat«, erwies sich als gar nicht so Selbstverständliches. Warum dieser Kurs so erfolgreich war? Da war einer, der das Erklären beherrschte und zu den Hörenden durchdrang. Was er sagte, kam an, weil er seine Vorlesung nutzte, nicht um »in die fertigen Lehren, sondern ihre Verfertigung« einzuführen. So heißt es im Vorwort zu den »Vorlesungen zur Einführung ins ›Kapital‹« (1974). Doch die Verfertigung konnte nur nachvollziehen, wer sich das Motto des Vorworts zu eigen machte: »Nur für ›Kapital‹-Leser geeignet!« Man war als aktiv Denkender und Handelnder gefragt. Man merkte, dass das Lernen etwas mit einem selbst zu tun hatte, mit der Gesellschaft, in der man lebte, und also auch mit der Frage, was eigentlich anders sein müsste in dieser Gesellschaft, worin – so im ersten Satz des »Kapitals« – »kapitalistische Produktionsweise herrscht«. Auf diese Art erlebten Unzählige, dass »Das Kapital« tatsächlich das war, was WFH in seinem Vorwort behauptete: »eines der spannendsten Bücher, die je geschrieben worden sind«.
Wer sich nach dem »Kapital«-Kurs weiter im Umfeld von WFH bewegte, kam unweigerlich mit der Zeitschrift in Kontakt, die er 1959 gegründet hatte und deren Herausgeber er bis 2025 (also sechsundsechzig Jahre lang!) war. Wie der »Kapital«-Kurs eine Schule des Denkens, so war Das Argument eine Schule des Schreibens – und wird es auch in Zukunft bleiben. Meist begann man mit Rezensionen, deren Erst- und nicht selten auch Zweit- und Drittfassungen in einem Kreis Interessierter diskutiert wurden. Das war langwierig und konnte nerven, war aber hoch produktiv. Das heute neoliberal verkommene Fördern und Fordern hatte hier einen guten Sinn. Wer sich darauf einließ, machte die Erfahrung, dass Schreiben zwar kreative Einfälle braucht, dass es aber auch ein Handwerk ist, das man lernen kann.
Die Forschungsprojekte, die der seit 1979 als Professor für Philosophie berufene WFH initiierte, boten vielfältige Aktivitätsräume, in denen man eigene Schreib- und Forschungsprojekte umsetzen konnte. So war es vielen seiner Schülern möglich, schon während der Studienzeit Aufsätze und Bücher zu veröffentlichen. Zu nennen sind hier z. B. das »Projekt Ideologie-Theorie« (PIT), dessen Leistung unter anderem darin besteht, die auseinandergetretenen Ansätze der Ideologietheorie und der Ideologiekritik wieder zusammenzuführen; die fortgesetzten argumentmarxistischen Faschismustheorien jenseits des »hilflosen Antifaschismus« (WFH) der Liberalen; die »Berliner Volksuni«, der es über Jahrzehnte gelang, die oft zerstrittenen Richtungen der Linken sowie der sozialen Bewegungen in einen fruchtbaren Dialog zu bringen; die Übersetzung von Gramscis »Gefängnisheften« ins Deutsche und schließlich das monumentale, inzwischen beim Buchstaben N angekommene »Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus« (HKWM), das unlängst seinen 30. Geburtstag gefeiert hat und mittlerweile auch im Chinesischen und als Teilausgabe im Englischen und Spanischen veröffentlicht wird. WFH selbst, der all diese Projekte angestoßen, begleitet und moderiert hat, ist ein nimmermüder Produzent – den für die »Gefängnishefte« zentralen Band 6 etwa hat er allein übersetzt.
Wolf ist ein großartiger Lehrer, der junge Leute begeistern kann. Er hat die außerordentliche Fähigkeit, Studierende und Mitarbeiter an ihrem Willen zum Wissen zu packen und ihre Energien zur Selbsttätigkeit zu mobilisieren. Nichts davon freilich war konfliktfrei. Wolf war auch ein harter Leiter, dessen Kritik verletzen konnte. Manche gingen im Streit. Arbeitszusammenhänge und Freundschaften zerbrachen. Die fragwürdige Tradition der Linken, sich auseinanderzudividieren, lastet auch auf dieser Schule des widerständigen Denkens. Und doch ist selten so viel mit so wenigen finanziellen Mitteln geschaffen worden. Die von WFH mobilisierten Schübe an Produktivität sind eine historische Errungenschaft nicht nur seines Werks, sondern auch seiner Persönlichkeit. Geschaffen wurde ein pluraler Marxismus, der sowohl gegen Bequemlichkeiten des Dogmatismus als auch gegen jede theoretische Beliebigkeit eine spezifische Verbindung von Kontinuität und permanentem Wandel aufweist: festhaltend an einem Marxismus, der – wie jede Theorie, die es mit der eigenen Geschichtlichkeit ernst meint – offen ist für die immer erneut notwendige Aneignung der nie abgeschlossenen Wirklichkeit.
Inmitten unserer gefährlich bedrohten Welt wollen wir zu Gramscis Optimismus des Willens anstiften, indem wir diesen Impuls in neuer Folge fortführen. – Herzlich gratulieren wir unserem Impulsgeber Wolf zu seinem 90. Geburtstag.
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Onlineabonnent*in Franz S. aus R. 27. März 2026 um 11:04 Uhr»Geschaffen wurde ein pluraler Marxismus.« Wohin dieser plurale Marxismus führt, sieht man an »WFH«, dem »Handwerker des Geistes« selbst. In einem Interview (Utopie kreativ, He 126 vom April 2001) sagte er: »Der ›real existierende Sozialismus‹ hatte die Idee am Ende als Geisel genommen. Zuerst war er zur Festung, dann die Festung zum Gefängnis geworden. Der Fall der Mauer, so bitter seine Begleiterscheinungen und Folgen in vieler Hinsicht sind, hat auch für die Sozialisten der Welt den Horizont neu geöffnet (…).« Tatsächlich wurde 1989 für ganz andere Kräfte ein neuer Horizont geöffnet: Nachdem der antifaschistische Schutzwall niedergerissen wurde, bevölkerten Nazigruppen und -parteien aus Westdeutschland das einverleibte Ostdeutschland. Weiteres Beispiel, Video »Wolfgang Fritz Haug (2012) Hightech-Kapitalismus in der großen Krise«, 20.11.2012: »(…) Empires erkennt man daran, dass sie Weltordnung stiften. Es gibt eine Art von Weltordnung. Ich hoffe, ihr verachtet mich nicht, wenn ich hoffe, dass diese Weltordnung nicht explodiert. Denn wenn sie explodiert, ist die Zerstörung so ungeheuerlich, da ist der erste Weltkrieg, ein Kinderspiel (…) Deswegen ist das Imperium des Hightech-Kapitalismus nicht eo ipso das Reich des Bösen für Linke, sondern das ist auch ein zivilisatorisches Projekt (…) Und dann hätten wir so etwas wie ein zivilisatorische Umrisse habendes Projekt des transnationalen Kapitals, es ist nicht einfach böse, es ist eine Art von Zivilisation, mit individueller Freiheit (…).« Aus der Schreibtischperspektive des Philosophen kann man das so sehen. Das Volk im Iran, oder die Menschen in Korea und in Vietnam werden dieses »zivilisatorische Projekt« mit ganz anderen Augen betrachten. Im übrigen scheint es für WFH den deutschen Imperialismus, der schon zweimal die Welt in Brand gesetzt hat, im sogenannten Hightech-Kapitalismus nicht zu geben. Verschwunden bzw. versteckt im »transnationalen Kapital«. Wie so oft, lohnt auch hier die Frage: Wem nützt es?
Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.
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