Handwerker des Geistes
Von Peter Jehle, Lukas Meisner und Jan Rehmann
Es waren Tausende, die seit 1971 den »Kapital«-Kurs des damals noch als Privatdozent an der FU Berlin lehrenden WFH – so das Namenskürzel Wolfgang Fritz Haugs – besuchten. Montags von zehn bis 13 Uhr im Hörsaal 1 a, dem größten in der Rostlaube, konnte man lernen, dass Ware und Geld nichts sind, was es schon immer gegeben hat. Das Alltägliche, dass jedes Ding »seinen Preis hat«, erwies sich als gar nicht so Selbstverständliches. Warum dieser Kurs so erfolgreich war? Da war einer, der das Erklären beherrschte und zu den Hörenden durchdrang. Was er sagte, kam an, weil er seine Vorlesung nutzte, nicht um »in die fertigen Lehren, sondern ihre Verfertigung« einzuführen. So heißt es im Vorwort zu den »Vorlesungen zur Einführung ins ›Kapital‹« (1974). Doch die Verfertigung konnte nur nachvollziehen, wer sich das Motto des Vorworts zu eigen machte: »Nur für ›Kapital‹-Leser geeignet!« Man war als aktiv Denkender und Handelnder gefragt. Man merkte, dass das Lernen etwas mit einem selbst zu tun hatte, mit der Gesellschaft, in der man lebte, und also auch mit der Frage, was eigentlich anders sein müsste in dieser Gesellschaft, worin – so im ersten Satz des »Kapitals« – »kapitalistische Produktionsweise herrscht«. Auf diese Art erlebten Unzählige, dass »Das Kapital« tatsächlich das war, was WFH in seinem Vorwort behauptete: »eines der spannendsten Bücher, die je geschrieben worden sind«.
Wer sich nach dem »Kapital«-Kurs weiter im Umfeld von WFH bewegte, kam unweigerlich mit der Zeitschrift in Kontakt, die er 1959 gegründet hatte und deren Herausgeber er bis 2025 (also sechsundsechzig Jahre lang!) war. Wie der »Kapital«-Kurs eine Schule des Denkens, so war Das Argument eine Schule des Schreibens – und wird es auch in Zukunft bleiben. Meist begann man mit Rezensionen, deren Erst- und nicht selten auch Zweit- und Drittfassungen in einem Kreis Interessierter diskutiert wurden. Das war langwierig und konnte nerven, war aber hoch produktiv. Das heute neoliberal verkommene Fördern und Fordern hatte hier einen guten Sinn. Wer sich darauf einließ, machte die Erfahrung, dass Schreiben zwar kreative Einfälle braucht, dass es aber auch ein Handwerk ist, das man lernen kann.
Die Forschungsprojekte, die der seit 1979 als Professor für Philosophie berufene WFH initiierte, boten vielfältige Aktivitätsräume, in denen man eigene Schreib- und Forschungsprojekte umsetzen konnte. So war es vielen seiner Schülern möglich, schon während der Studienzeit Aufsätze und Bücher zu veröffentlichen. Zu nennen sind hier z. B. das »Projekt Ideologie-Theorie« (PIT), dessen Leistung unter anderem darin besteht, die auseinandergetretenen Ansätze der Ideologietheorie und der Ideologiekritik wieder zusammenzuführen; die fortgesetzten argumentmarxistischen Faschismustheorien jenseits des »hilflosen Antifaschismus« (WFH) der Liberalen; die »Berliner Volksuni«, der es über Jahrzehnte gelang, die oft zerstrittenen Richtungen der Linken sowie der sozialen Bewegungen in einen fruchtbaren Dialog zu bringen; die Übersetzung von Gramscis »Gefängnisheften« ins Deutsche und schließlich das monumentale, inzwischen beim Buchstaben N angekommene »Historisch-kritische Wörterbuch des Marxismus« (HKWM), das unlängst seinen 30. Geburtstag gefeiert hat und mittlerweile auch im Chinesischen und als Teilausgabe im Englischen und Spanischen veröffentlicht wird. WFH selbst, der all diese Projekte angestoßen, begleitet und moderiert hat, ist ein nimmermüder Produzent – den für die »Gefängnishefte« zentralen Band 6 etwa hat er allein übersetzt.
Wolf ist ein großartiger Lehrer, der junge Leute begeistern kann. Er hat die außerordentliche Fähigkeit, Studierende und Mitarbeiter an ihrem Willen zum Wissen zu packen und ihre Energien zur Selbsttätigkeit zu mobilisieren. Nichts davon freilich war konfliktfrei. Wolf war auch ein harter Leiter, dessen Kritik verletzen konnte. Manche gingen im Streit. Arbeitszusammenhänge und Freundschaften zerbrachen. Die fragwürdige Tradition der Linken, sich auseinanderzudividieren, lastet auch auf dieser Schule des widerständigen Denkens. Und doch ist selten so viel mit so wenigen finanziellen Mitteln geschaffen worden. Die von WFH mobilisierten Schübe an Produktivität sind eine historische Errungenschaft nicht nur seines Werks, sondern auch seiner Persönlichkeit. Geschaffen wurde ein pluraler Marxismus, der sowohl gegen Bequemlichkeiten des Dogmatismus als auch gegen jede theoretische Beliebigkeit eine spezifische Verbindung von Kontinuität und permanentem Wandel aufweist: festhaltend an einem Marxismus, der – wie jede Theorie, die es mit der eigenen Geschichtlichkeit ernst meint – offen ist für die immer erneut notwendige Aneignung der nie abgeschlossenen Wirklichkeit.
Inmitten unserer gefährlich bedrohten Welt wollen wir zu Gramscis Optimismus des Willens anstiften, indem wir diesen Impuls in neuer Folge fortführen. – Herzlich gratulieren wir unserem Impulsgeber Wolf zu seinem 90. Geburtstag.
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