Ganz dicke Freunde
Von Luca Schäfer
Die jüngste Veröffentlichung von Millionen Dokumenten aus den Epstein-Files enthält zahlreiche Verbindungen des verurteilten Sexualstraftäters zu Wirtschaftsbossen und Politikern – auch in den Nahen und Mittleren Osten. »In den letzten zwei Jahrzehnten seines Lebens fungierte der US-amerikanische Finanzier Jeffrey Epstein als informelle diplomatische Brücke zwischen Israel und den Vereinigten Arabischen Emiraten« (VAE), fasste es schon Mitte Januar eine Recherche von Drop Site News auf Basis geleakten E-Mail-Verkehrs zusammen. Mit der nun seit Freitag bekannten Lieferung an Epstein von heilig gehaltenen Stoffstücken, die während der Wallfahrt die Fassade der Kaba in Mekka zieren, ist eher ein Kuriosum hinzugekommen. Mittlerin ist die mutmaßlich aus Saudi-Arabien stammende Geschäftsfrau Aziza Al-Ahmadi, die in den Emiraten lebt und arbeitet. In einer am 22. März 2017 an Epstein verschickten E-Mail pries sie das Erworbene an: »Das schwarze Stück wurde von mindestens zehn Millionen Muslimen verschiedener Glaubensrichtungen, Sunniten, Schiiten und anderen, berührt.«
Aber auch weitere Details zu seiner Freundschaft mit dem einflussreichen emiratischen Geschäftsmann Sultan Ahmed bin Sulayem ergeben sich aus den neu veröffentlichten E-Mails, etwa mit Blick auf den unter Druck stehenden früheren britischen Botschafter in den USA, Peter Mandelson. So sollte der damalige Wirtschaftsminister unter Gordon Brown 2009 sicherstellen, dass sich London finanziell und mit Sicherheiten an Sulayems Zwei-Milliarden-Euro-Hafenprojekt in der britischen Hauptstadt beteiligt. Neben seinem Posten als CEO von DP World, einem der weltweit größten Hafen- und Logistikunternehmen und im staatlichen Besitz der VAE, sitzt Sulayem in Dutzenden staatlichen Gremien der Emirate.
Wie die Drop-Site-Recherche darlegt, intensivierte Epstein nach seiner Verurteilung und Haft ab 2010 seine Bemühungen, die Beziehungen zwischen israelischen Eliten und den VAE zu stärken – als Mittler zwischen dem früheren Premier Ehud Barak und Sulayem, allein in dem Jahr soll er mehrere Treffen arrangiert haben. Insbesondere soll sich Epstein – weit vor deren offizieller Unterzeichnung – um die später »Abraham-Abkommen« genannten Normalisierungsvereinbarungen arabischer Staaten mit Israel verdient gemacht haben. Sulayem gilt als Profiteur: Als Lohn für den Verrat an der palästinensischen Staatsidee folgte noch im Jahr 2020 ein Memorandum of Understanding zwischen DP World und israelischen Akteuren, darunter zum Hafen Haifa.
Laut dem in Brüssel sitzenden European Centre for Democracy and Human Rights deuteten die Dokumente ferner darauf hin, dass Epstein sein Netzwerk möglicherweise für »die Förderung israelischer Militär- und Überwachungstechnologien innerhalb der von den Emiraten kontrollierten Logistik- und Hafeninfrastruktur« genutzt hätte. Sie legen auch nahe, »dass Epstein neben der Verwendung kompromittierender Materialien dazu beigetragen habe, Investitionen von Eliten aus den Emiraten in israelische Technologieunternehmen mit Verbindungen zum Geheimdienst zu lenken, darunter das Cybersicherheitsunternehmen Carbyne«. Unter den mutmaßlichen Geldgebern befinden sich auch der Palantir-Paypal-Tycoon Peter Thiel und Nicole Junkerman, »eine führende Frühphaseninvestorin in Bereichen wie künstliche Intelligenz, Deep Tech, Biotechnologie und die Zukunft des Gesundheitswesens«, wie es bei der Lancaster-Universität in Ankündigung einer Gastprofessur heißt. Freigegebene Flugprotokolle belegen, dass Junkermann 2002 mehrfach Passagierin in Epsteins Privatjet war. Zudem liegt nun ein geschäftlicher E-Mail-Verkehr zwischen Junkermann, Epstein und Barak vor.
Am Montag meldete unter anderem Middle East Monitor mit Verweis auf einen Bericht des israelischen Senders Channel 12, dass die VAE »die vollständige Kontrolle über die zivilen Angelegenheiten im Gazastreifen anstreben«. Sie seien darüber mit den USA und Israel im Gespräch, ein Entwurf zu der Vereinbarung sei bereits ausgetauscht worden, Tel Aviv habe Zustimmung signalisiert. Konkret beabsichtigt Abu Dhabi demnach alle Märkte und den Handel in Gaza zu kontrollieren und mit eigenen bewaffneten Sicherheitskräften sowie privaten US-Sicherheitsfirmen zu »schützen«. Das Außenministerium der Emirate sprach daraufhin von einer »falschen und unbegründeten Behauptung«.
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