Vom Glauben an politische Inhalte
Von Kai Köhler
Wer möchte nicht gerne einmal wissen, wie es wirklich zugeht, wenn die Mächtigen unter sich sind? In Romanen oder Filmen eignen sich für die Darstellung der Machtkorridore Per-spektivfiguren, die Zugang zum innersten Kreis haben, aber nicht ganz oben sind. Sie erfahren das Nötige, haben eine gewisse Distanz und sind zugleich immer davon bedroht, einer Laune des Herrschers zum Opfer zu fallen.
In Giuliano da Empolis Roman »Der Magier im Kreml« nimmt Wadim Baranow diesen Platz ein, dessen Karriere eng an die von Putins realem Berater Wladislaw Surkow angelehnt ist. Freilich konzentriert sich Baranow auf Medienpolitik und Propaganda. Er bastelt eine Welt, in der Wahrheit nicht zählt und Herrschaft mittels gezielter ideologischer Konfusion, Elemente von ganz links bis ganz rechts inklusive, ausgeübt wird. Nach seinem Rückzug ins Privatleben schildert er einem ausländischen Besucher sein Leben.
Das Buch ist nicht einmal schlecht erzählt, auch wenn von einer Romanhandlung nur bedingt die Rede sein kann. Eher werden historische Stationen abgehakt. Politische Einsichten im Detail stehen gegen Ideologietrümmer von Russland als dem ganz anderen, Barbarischen. Im einzelnen sind viele Szenen, viele Charakterisierungen gelungen – aber der Fehler des Ganzen ist, die Bedeutung von Propaganda absolut zu setzen. Keine Gruppierung bleibt ein Vierteljahrhundert an der Macht, wenn sie nicht auch die Interessen realer gesellschaftlicher Kräfte auszubalancieren vermag.
Der Roman erschien 2022, wurde also vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine geschrieben. Die Verfilmung von 2025 verschärft die politische Stoßrichtung nur an wenigen Stellen, etwa wenn nahegelegt wird, russische Akteure hätten 2014 auf dem Kiewer Maidan einhundert Demonstranten ermordet. Als letzter, grober Schlusseffekt wird Baranow, sobald er seinen Gast verabschiedet hat, erschossen. Immerhin sind Putins Schergen so zuvorkommend, dass sie geduldig in der Kälte warten, bis der Exmagier alle Geheimnisse ausgeplaudert hat.
Hauptproblem des Films ist indes, dass er dem Roman allzu treu folgt. Dadurch wird er mit seinen zweieinhalb Stunden zugleich zu lang und zu kurz. Zu lang ist er, weil kein dramaturgischer Spannungsbogen entsteht, und zu kurz, weil allzu viele Stationen allzu knapp abgehakt werden. Baranow unternimmt gegen Ende der Sowjetunion erste Gehversuche in der Künstlerszene. Er steigt als Organisator plattester Fernsehunterhaltung im Medienimperium des Oligarchen Boris Beresowski auf, der vermittelt ihn als Propagandisten an Putin, den er 1999 als neue politische Marionette installieren will, weil der Präsident Boris Jelzin zu hinfällig wird. Baranow wechselt auf die Seite Putins, hilft ihm, mit dem Tschetschenien-Krieg Eigenständigkeit zu gewinnen und schließlich Beresowski und andere Oligarchen zu entmachten. Die Abwehr von Farbrevolutionen, die von Baranow choreographierte Winterolympiade von Sotschi 2014, der ukrainische Maidan und die Vorgeschichte des Ukraine-Kriegs – das alles kommt vor und verschwindet ebenso schnell wieder wie Nebenfiguren, die im Buch plastisch werden, aber im Film nur eben auftreten, weil sie im Buch auch schon drinstehen. Breit ausgewalzt ist lediglich eine Liebesgeschichte. Wie Baranow immer wieder auf die faszinierende Ksenia (Alicia Vikander) trifft, war schon im Buch überflüssige Zutat. Vielleicht meinte der Politikwissenschaftler da Empoli, kein echter Roman komme ohne so was aus.
Die Zeit, die das kostet, fehlt dann für Wichtigeres. Die Maske hat ganze Arbeit geleistet, Jude Law putinähnlich zu machen. Körpersprachlich – beim charakteristischen Gang, beim raumgreifenden Sitzen usw. – überzieht Law. Bei da Empoli verfügt Putin immerhin über Bildung, kann beobachten und schon dabei still drohen. Der Film-Putin ist fast immer aggressiv und verfügt über weniger Tonlagen als der im Roman oder gar die reale Person. Gelungener ist Baranow. Paul Dano hat ohnehin Ähnlichkeit mit Surkow. Er spielt ihn geschmeidig, beinahe weich, jedenfalls ein offenkundiger Fremdkörper im männerbündlerischen Machtapparat Putins. Die deutsche Synchronstimme verstärkt diesen Eindruck noch.
Auch aus Beresowski (Will Keen) wird eine überzeugende Filmfigur, so wie er erst mit jungenhafter Freude im eigenen materiellen Interesse Jelzin manipuliert und dann, nachdem gleiches mit Putin nicht geklappt hat, im Exil den musterhaften Demokraten gibt. Er redet von Freiheit, aber das riesige Anwesen an der Mittelmeerküste, das er von seiner ins Ausland geretteten Milliarde gekauft hat, verrät indirekt auch, weshalb die Mehrheit der russischen Bevölkerung für zwei oder drei Generationen von westlichem Liberalismus genug haben dürfte. Interessant auch der kurze Auftritt von Jewgeni Prigoschin (Andris Keišs). Der war, als der Roman erschien, noch »Wagner«-Söldnerchef und ist inzwischen, nach seinem halbherzigen Putschversuch, bekanntlich abgängig. Assayas zeigt ihn als jemanden, der – verhöhnt von Baranow – wirklich an politische Inhalte glaubt. Derlei erhellende Widersprüche kommen immer wieder vor. Einen ganzen Film tragen sie nicht.
»Der Magier im Kreml«, Regie: Olivier Assayas, Frankreich/USA 2025, 152 Min., Kinostart: heute
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