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Musik

Erfahrung ist nicht Wiederholung

Herbert Blomstedt dirigiert Bruckners 7. Sinfonie bei den Berliner Philharmonikern

Foto: Stephan Rabold/Berliner Philharmoniker
Herbert Blomstedt benutzt keinen Taktstock, die Hände genügen ihm, den Berliner Philharmonikern seine Absichten zu übermitteln

Unter Anton Bruckners Sinfonien dürfte die Siebte die zugänglichste sein. Sie war bei der Uraufführung 1884 sein erster großer Erfolg und blieb es, während ihre beiden unmittelbaren Vorgängerinnen noch jahrelang warten mussten, bis sie endlich – und in verstümmelter Form – zu Gehör kamen. In der Siebten ist die schroffe Instrumentierung abgemildert. Das Melodische tritt in den Vordergrund, rhythmische Überlagerungen, die den Verlauf verkomplizieren, kommen hier ebenso vor wie in den Schwesterwerken, doch sind sie viel unauffälliger.

In der vergangenen Spielzeit dirigierte Herbert Blomstedt bei den Berliner Philharmonikern Bruckners Neunte und hob die klangliche Radikalität des Spätwerks, das der Komponist nicht mehr abschließen konnte, hervor. Nun stand die Siebte allein auf dem Programm, was ungewöhnlich ist, denn mit etwa 65 Minuten Spieldauer zählt sie sonst nicht zu jenen großangelegten Sinfonien, die an einem Konzertabend keine Trabanten um sich dulden. Die erste Vermutung war natürlich, dass Blomstedts Alter allmählich doch Tribut fordert. Mit immerhin 98 Jahren überhaupt ein Konzert durchzustehen schaffen die meisten Leute kaum als Hörer. Nicht so Blomstedt: Hat er erst einmal mit Unterstützung das Podium erreicht und sitzt dort, weiß er mit dem Orchester konzentriert zu kommunizieren. Er benutzt keinen Taktstock, die Hände genügen ihm, seine Absichten zu übermitteln.

Wenn drei Konzerte in der Berliner Philharmonie (vom 23. bis 25.4.) nahezu ausverkauft sind, obwohl es nicht zusätzlich einen Klavierstar zu hören gibt und stattliche Preise verlangt werden, ist dies sicher auch der Neugier geschuldet, »ob’s der Alte immer noch schafft«. Zugleich aber ist dies mit einer musikalischen Erwartung verknüpft, die dann auch erfüllt wird.

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Erfahrung mit den Werken bedeutet für Blomstedt nicht die Wiederholung des einmal Angeeigneten. Das wird besonders bei seinen Aufführungen der Sinfonien Bruckners deutlich, die oft im Zentrum seiner späten Konzerte stehen. Die Interpretation der Siebten überraschte dadurch, dass Blomstedt die Tempi innerhalb der Sätze flexibler nahm als früher. Das ist bei Bruckner historisch herleitbar: Arthur Nikisch, der Uraufführungsdirigent der Siebten, nutzte die Rubati ebenso wie in der folgenden Generation so gegensätzliche Dirigenten wie Wilhelm Furtwängler und Carl Schuricht.

Um so mehr spricht es für Blomstedts frischen Umgang mit Bruckners Siebter, dass ihn der ungewohnte Ansatz überzeugt hat. Blomstedt variiert das Tempo nicht an formalen Nahtstellen, um gleichsam Ausrufezeichen zu setzen (Seht her, hier gibt’s was Neues!), sondern er wird breiter dort, wo es für einen neuen Anlauf Atem zu holen gilt.

Diese Aufführung wirkte ungewöhnlich lang. Blomstedt brauchte 72 Minuten für die Sinfonie, was deutlich über dem Durchschnitt ist, aber immer noch nicht begründet, weshalb diese Siebte allein auf dem Programm stand. Die Notwendigkeit ergibt sich erst aus der Fülle dessen, was zu hören war. Das betrifft (mit Blick auf die Partitur) die Horizontale, also den Ablauf in der Zeit und die Vielzahl miteinander verbundener Klangereignisse. Fast mehr noch kennzeichnet es die Vertikale, die Gleichzeitigkeit des Erklingenden. Hier löste Blomstedt ein, was seit je die Qualität seiner Bruckner-Interpretationen ausmacht: dass es bei ihm keine bloßen Begleitstimmen gibt. Er arbeitet heraus, wie jeder Teil thematisch wichtig ist und dadurch zum Ganzen beiträgt, aber dies in Abstufung der Stimmen, die sich in der Führung ablösen.

Die Berliner Philharmoniker setzten all dies um. Bruckners scheinbar einfachste Sinfonie wirkte so als Wechselspiel abgründiger Verzweiflung und großer Freude. Am Ende war kaum vorstellbar, dass neben ihr noch ein anderes Werk Platz finden könnte.

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Erschienen in der Ausgabe vom 27.04.2026, Seite 11, Feuilleton

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