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Ausstellung

Den Tod gewählt

Vor sechzig Jahren opferten sich zwei sowjetische Piloten für Berliner Zivilisten, daran erinnert die Ausstellung »Der unendliche Himmel« im Russischen Haus

Foto: picture alliance / dpa
»Boris, ich bleibe bei dir.« – Juri Janow (r.) zu Boris Kapustin (l.) am 6. April 1966

Porträts, Landkarten, Zeitungsartikel: Sie könnten nichtssagend wirken, wäre der Inhalt, den sie transportieren, nicht so brisant. In der Ausstellung »Der unendliche Himmel« im Foyer der ersten Etage im Russischen Haus in Berlin geht es um zwei Militärpiloten, die ihr Leben opferten, damit Hunderte von Zivilisten leben können. Man schrieb den 6. April 1966, als am Nachmittag ein Düsenjäger der Sowjetarmee an seinem Stationsort Finow in Brandenburg losflog. Er steuerte Richtung Köthen, im Bezirk Halle gelegen. Die Route führte den Flieger über Berlins Westen. Die Besetzung bestand aus den Piloten Boris W. Kapustin und Juri N. Janow. Sie kannten sich gut, waren beide Jahrgang 1931 und privat Nachbarn. Ihre Kinder spielten miteinander, und sie feierten zusammen, wenn es damals etwas zu feiern gab.

An ihrem Todestag gab es nichts zu feiern. Nur sie selbst. Denn als ihre Maschine, eine Jak-28P, an Höhe verlor, war das nicht gewollt. Der Absturz stand kurz bevor, die Kommunikation mit der Bodenstation brach ab, nur ein Magnetband zeichnete noch Geräusche auf. »Jura, wahrscheinlich musst du jetzt springen«, sagte Hauptmann Kapustin zu Oberleutnant Janow. Der antwortete: »Boris, ich bleibe bei dir.« Damit hatten sich beide gegen die Rettung mit dem Schleudersitz entschieden – und dafür, das Flugzeug auf den nahegelegenen Stößensee in Berlin-Spandau zu lenken.

Viel Zeit hatten sie nicht, darüber nachzudenken, ob sie das wirklich wollten. Den eigenen Tod wählen, statt die Chance des Überlebens. Für unbekannte Menschen, die einem aus der Geschichte heraus vielleicht nicht nur sympathisch waren. Wie viele Kinder verdankten Kapustin und Janow ihr Leben? Wäre das Flugzeug ohne ihre Lenkung niedergegangen, wäre es in dicht besiedeltes Gebiet gestürzt. Es hätte Dächer und Balkone mitgerissen, Feuer in Wohnungen entzündet, vielleicht eine Schule oder Behörde getroffen. Busse und Fahrräder. Man kann keine Zahlen nennen. Man weiß nur, viele Einwohner Westberlins wären verletzt worden, und viele wären verstorben.

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Die Reaktion auf das Geschehnis war gespalten. Manche rügten die sowjetische Armee für die Flüge über städtisches Gebiet. Doch dann setzte sich der Respekt vor der Heldentat durch. Willy Brandt, damals Regierender Bürgermeister von Berlin, sprach im Fernsehen von »dankbarer Anerkennung«. Weil »eine Katastrophe vermieden wurde«. Für die Angehörigen der Toten war es indes traurig genug. Brandt und viele ranghohe Sowjets sprachen ihnen ihr Beileid aus. Queen Elizabeth II. entsandte eine Ehrenwache für die Zeremonie der Übergabe der Leichname.

Bestattet wurden sie in ihren Heimatorten Rostow am Don (Kapustin) und Wjasma (Janow). Ein russisches Chanson machte ihre Geschichte ab 1967 bekannt, befreite diese allerdings vom Berliner Kontext. »Der unendliche Himmel« heißt der Song auf deutsch, wie die Ausstellung. Übrigens halfen etliche Institute und Archive, hierfür das Material zusammenzutragen. Doch ausgerechnet der RBB verweigerte jedwede Unterstützung. Man schämt sich fremd.

→ »Der unendliche Himmel«, Russisches Haus, Friedrichstr. 176–179, 10117 Berlin, bis 31.12.2026

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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  • Onlineabonnent*in Hans-Jörg R. aus L. 11. Mai 2026 um 07:09 Uhr
    Herzlichen Dank für diesen Artikel, welcher die humanistische Gesinnung dieser Soldaten widerspiegelt und damit im krassen Gegensatz zur heutigen Kriegstüchtigkeitspropaganda steht. Allerdings noch ein Hinweis: Die Stadt Köthen lag ursprünglich in Anhalt, nach dem Zweiten Weltkrieg im Land Sachsen-Anhalt, dann im Bezirk Halle und jetzt wieder in Sachsen-Anhalt. Ansonsten weiter so Jörg Riemann
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