The Show Must Go On
Von Gisela Sonnenburg
Tief im Westen beginnt unsere Frühjahrsreise durch die Ballettwelt. Gleich erwartet uns Unerwartetes. Eine Warnung ist angebracht: Tänzerische Experimente können toll sein, aber auch ein wenig nerven. Das Ballett Dortmund riskiert viel, wenn es im neuen Programm »Tribute to Mozart« (»Huldigung an Mozart«) zwei international erprobte Stücke von außerordentlich renommierten Choreographen – nämlich »Petite Mort« (»Kleiner Tod«) von Jiří Kylián und »Jeunehomme« (»Junger Mann« in einem Wort) von Uwe Scholz – mit eher magerer Kost verbindet. Sei’s drum: Die choreographische Nachwuchskraft Tess Voelker kommt aus den USA und war einige Jahre Tänzerin, bevor sie zur Choreographie und zu Soloauftritten darin wechselte. Ihr für Dortmund kreiertes Stück »Get home safe« (»Komm gut heim«) lässt die Auftretenden mehr gehen und stehen als tanzen, manchmal auch posieren und improvisieren. Eine Choreo im eigentlichen Sinn ist es nicht. Musikalisch wurden fünf Minuten aus Mozarts »Requiem« am Computer auf zwanzig Minuten gedehnt, was Mozart komplett entseelt. Vielleicht ist das eher eine Versuchsanordnung als absichtsvolle Kunst.
Wem das zuviel des Neuartigen ist, für den gibt es ab dem 8. Mai in Dresden, also tief im Osten der Republik, die Möglichkeit, mit »Parts and Pieces« (»Teile und Stücke«) die jüngste Uraufführung vom Semperoper-Ballett zu erleben. Ballettchef Kinsun Chan, der für ein exzellent gemischtes Programm seiner Truppe zeichnet, legte hier selbst Hand an und entwarf eine tänzerische Reflexion der japanischen Technik des Kintsugi. Dabei wird zerbrochene Keramikware mit Goldlack repariert, um die Bruchstellen gleichsam zu vergolden. Individualität und Verletzlichkeit, Heilung und Mut zu neuer Ästhetik klingen hier an.
Mut braucht auch das Hamburg-Ballett, und zwar im Hinblick auf seine kürzlich bekanntgegebene kommende Spielzeit. Denn 2027 wird es den berühmten »Sommernachtstraum« von John Neumeier statt im Opernhaus in der »Kuppel« tanzen, also in einem Vergnügungszelt im Stadtteil Bahrenfeld. Grund ist die Sanierung inklusive Umbau der Oper, wobei deren künftige Nutzung noch nicht klar ist. Immerhin lockt man mit der Neuinszenierung von »Ein Sommernachtstraum«, frei nach Shakespeare, ins Zelt. Es ist anzunehmen, dass es dort mehrere Plattformen statt nur einer Bühne gibt. Man muss halt nur noch ein Jahr warten.
Das Wiener Staatsballett steht 2026/27 weniger spektakulär, dafür vorausschaubar sicher da: Mit Stücken wie »Onegin« von John Cranko (nach Puschkins »Eugen Onegin«), mit »Nijinsky« von John Neumeier über den Titelhelden zwischen Genie und Wahnsinn, mit »Woolf Works« von Wayne McGregor über die britische Literatin Virginia Woolf sowie mit einer dem Topchoreographen Jerome Robbins gewidmeten Gala zeigt die Ballettchefin, Starballerina Alessandra Ferri, dass sie ihr Fach beherrscht.
Das Stuttgarter Ballett begeistert derweil ab dem 25. April mit einer lang ersehnten Show: mit »Tribute to Tetley«, der »Huldigung an Tetley«. So wird das sonst zu selten getanzte Werk von Glen Tetley geehrt. Er, der dieses Jahr seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hätte, wäre er nicht 2007 verstorben, war vorübergehend Ballettboss in Stuttgart, wirkte aber vor allem als Tanzschöpfer nachhaltig. Drei Stücke, darunter Tetleys berührende Version von »Le sacre du printemps« (»Das Frühlingsopfer«) zur erschütternden Musik von Igor Strawinsky, stehen auf dem Plan. Ein Highlight, zweifelsohne.
Das Staatsballett Berlin hat derweil ein stetig ausverkauftes Haus mit »Nurejew« von Kirill Serebrennikov und Yuri Possokhov (jW berichtete). Es ist derzeit wirklich schwer, hierfür Tickets zu bekommen. Aber es gibt eine willkommene Konkurrenz, diese wird im Berliner Admiralspalast zu sehen sein, ab dem 9. Mai: Der rundum traditionelle »Schwanensee« von Franceconcert, der aus Frankreich anreist, bietet pure Klassik, zudem ein hervorragendes, mit viel Herz live spielendes Orchester.
Vor einigen Jahren gastierte diese Truppe schon einmal in Deutschland – und rührte alle, die sich dem Zauber des historischen Balletts nicht verschließen. Wer dieses Mal ganz schnell dabei sein will, kann die Truppe schon am 1. Mai in Duisburg in der Mercatorhalle sehen, danach in Dortmund und Hannover. Wetzlar, Frankfurt (am Main) und Stuttgart folgen als Spielorte. Wer in der Lage ist, sollte keine Hemmungen haben, diesen Künstlern hinterherzureisen, um den »Schwanensee« öfter zu genießen und gleichzeitig verschiedene Städte zu besuchen. Das wäre dann eine Frühjahrsreise mit Tanz im wörtlichen Sinn.
Wieder im Westen gelandet, erblickt man ein kürzlich uraufgeführtes Märchenballett, das fast ein Geheimtipp ist: »Vom Fischer und seiner Frau« von Katharina Torwesten wird zur impressionistisch geprägten, poetischen Musik von Robert Lillinger vom Ballett am Landestheater Detmold getanzt. Fantasievolle Kostüme und Torwestens expressive Handschrift machen das Stück zu einem Hochgenuss für die ganze Familie, wie es der »Schwanensee« übrigens auch ist. Kunst, die generationenübergreifend wirkt, hat eben auch im Frühling einen besonderen Nimbus.
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