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02.05.2026
- → Feuilleton
Bestialisch schön
Mit »Tribute to Tetley« trifft das Stuttgarter Ballett den Nerv des Zeitgeists
Menschen sind nicht immer freundlich zueinander, aber auch nicht nur fies. Die ganze Palette von Zärtlichkeit, Fürsorge und Liebe bis hin zu Ablehnung, Aggression und brachialem Lynchen zeigen die modernen Ballette von Glen Tetley. Allerdings: All das geht bei ihm auf stilisierte, ästhetische Weise vor sich. Er wollte zunächst Zahnarzt werden und kam erst mit 20 Jahren zum Tanz. Aber er folgte seiner Berufung. Anlässlich des hundertsten Geburtstags des 1926 in den USA geborenen und dort 2007 verstorbenen Choreographen zeigt das Stuttgarter Ballett jetzt ein über jede Kritik erhabenes Programm: »Tribute to Tetley« (Huldigung für Tetley). Es umfasst die Stücke »Voluntaries« (Freiwillige), das eines seiner berühmtesten ist, sowie das weniger bekannte Frühwerk »Ricercare« (italienisch für »Suche«) und dann noch Tetleys exzessiv-rasante Version von »Le sacre du printemps« (Das Frühlingsopfer).
Die Stücke entstanden in den 60er und 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, aber sie treffen den Zeitgeist von heute. Die Coaches Alexander Zaitsev und Bronwen Curry erbrachten Höchstleistungen. Dass es inhaltlich mal im Adagiotempo um die Hölle der Ehe geht, dann wieder um elegante Erotik und Transzendenz sowie – im »Sacre« – um destruktive Gruppendynamik, macht den Dreierpack zu einer Wundertüte der Emotionen.
Elisa Badenes, ungebrochen stark und mädchenhaft zugleich, und Martí Paixà als souveräner Galan tanzen die Hauptpersonen in »Voluntaries«. Sie beginnen zunächst ohne Musik, doch schon zur ersten Hebung – Paixà hebt Badenes hoch über seinen Kopf, während sie den Rücken durchbiegt – erklingt der erste Orgelton des Konzerts für Orgel, Streicher und Pauke in g-Moll von Francis Poulenc. Christian Schmitt ist eine Offenbarung an der Orgel, die weiteren Instrumentalisten werden von Ermanno Florio zurückhaltend dirigiert.
Die Tanzenden tragen leuchtend weiße Leotards mit buntem Tüpfelmuster, das sich an der Rückwand des Guckkastens wiederholt. Schon diese Ausstattung von Rouben Ter-Arutunian macht das Stück so prägnant. Das Licht von John B. Read bewirkt etwas Metaphysisches, taucht die Szenerie in wolkenlose Sci-Fi-Schönheit. So könnten die Wesen auf einem unbekannten, aber begehrenswerten Planeten leben.
Im Verlauf des Stücks tauchen weitere Tänzerformationen auf, das Hauptpaar profitiert von der Öffnung für Neues. Der nachrückende Solist Satchel Tanner besticht mit Armbewegungen, die bei jeder Veränderung die ganze Welt zu umarmen scheinen. Schließlich wiederholt sich am Schluss die spektakuläre Hebung vom Anfang – man ahnt Überirdisches. Tanzt man hier im Paradies?
Die Hölle der Zweierbeziehung zeigt sich dann in »Ricercare«, nach der Musik des russisch-israelischen Komponisten Mordecai Seter benannt. Anna Osadcenko und Friedemann Vogel zelebrieren, vom extravaganten Ehebett in Form einer wellenförmigen Muschel ausgehend, die Spannungen von Liebenden, die umeinander ringen, um sich nicht zu trennen. Die Beziehungsarbeit mit Sehnsuchtsgesten gelingt.
Mit Tetleys »Sacre« kommt dann eine Kreation, die aufwühlt, weil sie zugleich fasziniert und abstößt. Der »Auserwählte«, der den Tanz beginnt – also das Opfer –, wird mitten im Stück gelyncht. Dank der Kraft des Frühlings tanzt er später erneut bis zur Ekstase. Als Schlusspointe wird er an einem Trapez in seine unbekannte Zukunft gehievt.
Henrik Erikson stellt sich hin und ist das geborene Opfer dieses Stücks. Sensibel und rückhaltlos, akkurat, aber so ausgeflippt, dass man sich fast Sorgen um ihn macht. So durchquert er die unregelmäßigen Rhythmen von Igor Strawinskys Partitur. 1913, bei der Uraufführung in Paris, war »Le sacre du printemps« ein Skandal. Heute wäre es einer, wenn man dieses Stück nicht mehr spielen und tanzen würde.
Anna Osadcenko und Jason Reilly sind darin ein energetisch aufgeladenes Paar, das seine Geilheit offen zeigt. Bestialisch schön. Aber auch der Corps de Ballet verdient Lob und Bewunderung für exzessives Zucken, Stampfen, Springen. Da sprechen die Körper der Ur-horde – immer mit Stil.
Nächste Aufführungen: 2., 3., 8.5.
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