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Karre im Dreck

Nach Wahlen in Großbritannien

Foto: International Pool/PA Wire/dpa

Ein Gespenst, nein, ein klappriges Skelett spukt seit Sonnabend durch Westminster; es heißt Gordon Brown. Aus der Grube, pardon: aus der Versenkung geholt und zu seinem Berater ernannt hat den Expremierminister sein Nochnachfolger Keir Starmer, der nach der Wahlkatastrophe vom Donnerstag seine allerletzten Reserven mobilisiert, um sein Amt zu retten. Die Forderung, einzupacken und sich endlich vom Acker zu machen, wurde am Wochenende stets lauter; sie kam nicht mehr nur aus der entnervten Bevölkerung; sie kam auch aus den Gewerkschaften, ja sogar aus der Labour-Fraktion. Bleibt nur abzuwarten, ob Starmer sich am Montag in Downing Street No. 10 am Boden festklebt wie andernorts die Letzte Generation.

Das Tempo, mit dem Starmer Labour zugrunde gerichtet hat, ist atemberaubend. Keine zwei Jahre ist es her, dass die Tories ihre Regierung und sich selbst so umfassend ruiniert hatten, dass es Starmer leichtfiel, bei der Parlamentswahl im Juli 2024 einen Kantersieg einzufahren. Der Mann hat allerdings, so muss man konstatieren, keinen Moment gezögert, es in puncto Selbstzerstörung den Konservativen gleichzutun. Die jüngste Quittung verpassten ihm nicht nur die Wähler in einer Vielzahl britischer Kommunen, die Labour fast drei Fünftel der bisherigen Mandate abnahmen, sondern auch die Menschen in Schottland und Wales in den Regionalwahlen dort. In Schottland, wo noch vor kurzem manche auf einen Aufschwung für Labour gehofft hatten, fuhr die Partei herbe Verluste ein; in Wales verlor sie sogar ihre Hochburgen in früheren Bergarbeiterregionen an die Regionalisten von Plaid Cymru und an die ultrarechte Partei Reform UK. Letzteres galt vor kurzem noch als undenkbar.

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Die Ursache für den verheerenden Absturz? Die meisten Stimmen konnte Labour in den vergangenen Jahren unter Jeremy Corbyn erzielen, der für einen linkssozialdemokratischen Kurs steht. Seit der Neoliberale Starmer Corbyn entmachtet hat und die Partei kontrolliert, geht es mit ihr rasant bergab. Dass Starmer nun auch noch den New-Labour-Protagonisten Brown angeheuert hat, um den Karren aus dem Dreck zu ziehen, spricht für sich. Die Times zitierte am Sonntag eine Labour-Quelle: Das sei »das größte Labour-Comeback seit Mandelson«. Vermutlich war das ernst gemeint. Die Quelle könnte trotzdem richtig liegen. Peter Mandelson trug, als seine Freundschaft mit Jeffrey Epstein bekannt wurde, kräftig zum Absturz von Labour bei.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.05.2026, Seite 1, Ansichten

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  • Istvan Hidy aus Stuttgart 11. Mai 2026 um 10:59 Uhr
    Britannien erlebt derzeit eine historische politische Neuordnung. Die alten Bindungen aus Klassenpolitik, Empire-Zeit und Nachkriegsordnung zerfallen. Brexit beschleunigte diese Entwicklung massiv. Gleichzeitig verschärfen wirtschaftliche Probleme und kulturelle Konflikte die Polarisierung. Labour und Tories wirken ideologisch erschöpft. Das Wahlsystem passt nicht mehr zur Realität. Das britische Mehrheitswahlrecht (»First Past The Post«) wurde für zwei große Parteien geschaffen. Das Ergebnis: immer volatilere Wahlen, schwächere Regierungen, Aufstieg kleinerer Parteien, Krise des traditionellen Westminster-Systems. Viele Beobachter sprechen inzwischen von einer »Fünf-Parteien-Ära« statt eines Zwei-Parteien-Systems.
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