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09.05.2026
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Spiel mit dem Feuer
Ukraine-Krieg. Angriffe am Tag des Sieges?
In der Antike galt eine eiserne Regel: Während der Olympischen Spiele waren alle die Kriege, die Athen, Sparta, Theben und welcher der griechischen Stadtstaaten auch immer gegeneinander führten, ausgesetzt. Die Spiele standen unter dem Schutz der gemeinsam verehrten Götter. Über solchen Aberglauben sind die Parteien des Ukraine-Krieges hinaus. Gemeinsame Werte wie in der Antike gibt es nicht mehr. Beide einseitig ausgerufenen Waffenruhen dieser Woche sind innerhalb von Stunden gebrochen worden. Am Freitag missachtete auch die Ukraine die entsprechende Aufforderung von russischer Seite. Mehr noch: Sie intensivierte ihre Drohnenangriffe auf Ziele in Russland, um wahrscheinlich auch mindestens als Nebeneffekt zu beweisen, dass Russlands Luftabwehr nicht so lückenlos ist, wie behauptet.
Das lässt für den Verlauf des heutigen Feiertags in Russland nichts Gutes erwarten. Denn überragendes propagandistisches Ziel der ukrainischen Führung ist der Nachweis, dass es sich nicht lohne, Russland zu fürchten – womit europäische Alliierte Kiews in den vergangenen Jahren immer wieder eine gewisse Zurückhaltung begründet haben, etwa bei der Lieferung von »Taurus«-Marschflugkörpern aus Deutschland. Wolodimir Selenskij fürchtet sich erkennbar nicht vor der von Russland für den Fall von Angriffen auf die Moskauer Parade zum Siegestag angedrohten flächendeckenden Zerstörung wenigstens des Kiewer Regierungsviertels. Vielleicht sehnt er sie sogar insgeheim herbei. Denn wenn Russland seine Drohungen wahrmachen sollte, kann er sich als Opfer darstellen und damit womöglich Donald Trump beeindrucken; kommt die Vergeltung aber nicht oder bleibt sie unter dem Angedrohten, hat Selenskij auch seinen propagandistischen Punkt: Die Drohungen aus Moskau seien leer geblieben, weiterer Eskalation stehe also kein Risiko gegenüber.
Der Widerspruch solcher Rhetorik – wie sie auch von deutschen Kiesewetters und Nouripours geübt wird – ist immer derselbe: Man unterstellt dem Gegner, dass er letztlich doch vor den Taten zurückschrecken werde, die er vorher angedroht hat. Dass also Wladimir Putin genau nicht der ruchlose Kriegstreiber sei, als der er ansonsten dargestellt wird. Diese Kalkulation spielt mit dem Feuer. Wenn sich die Überlegungen, die in diesem Text angestellt werden, im Verlauf des Wochenendes als irrig herausstellen sollten, wäre es besser für alle Beteiligten. Aber es sieht nicht danach aus.
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