Ritterschlag für Neonazis
Von Susann Witt-Stahl
Männer in Flecktarn halten eine Fahne mit der Schwarzen Sonne und dem Leitspruch der SS »Meine Ehre heißt Treue« vor dem »Mutter-Heimat«-Nationaldenkmal in Kiew in die Höhe. Die 1981 errichtete und 102 Meter große Statue ist derzeit eine Pilgerstätte für Neonazis. Hauptanziehungspunkt ist aber das zur Anlage gehörende »Nationale Museum der Geschichte der Ukraine im Zweiten Weltkrieg«, international auch »WW II Museum« genannt. Dort wurde Anfang März die Ausstellung »Waage des Schicksals« über das auf ukrainischer Seite kämpfende »Russische Freiwilligenkorps« (RDK) eröffnet. Zu sehen sind Heldenporträts und »einzigartige Artefakte« etwa von den »Angriffen in den Regionen Brjansk und Belgorod, die das Kreml-Regime schockierten«, so RDK-Kommandeur Denis »White Rex« Kapustin.
Die ukrainischen Streitkräfte haben ihre Kooperation mit dem 2022 gegründeten RDK, dem bis März 2025 auch das »Deutsche Freiwilligenkorps« aus dem Umfeld der Neonazipartei »Der III. Weg« angeschlossen war, unbestätigt gelassen. Mittlerweile ist das RDK offiziell in die Spezialeinheit »Tymur« des Militärgeheimdienstes eingegliedert. Es rekrutiert sich vorwiegend aus organisierten Nazis und anderen Ultrarechten, darunter viele Kriminelle und Anhänger der »Asow«-Bewegung, die aus Russland emigriert sind. Chef der ideologischen Abteilung des RDK ist Alexej Lewkin, Frontmann der »National Socialist Black Metal«-Band »M8L8TH« (Hitlers Hammer) sowie »Adolfkvlt« und Gründer der Organisation »Wotanjugend«. Diese veranstaltete 2019 in Kiew eine »Führer-Nacht« mit einem Altar für Adolf Hitler und Hakenkreuzfahnen, wie die Journalisten Michael Colborne und Alexej Kuzmenko damals berichteten. In Lyrics von Lewkins Band wird der »Rassenkrieg« gepredigt und es ist von »schmutzigem Blut der Juden« die Rede.
Dank der Leitung des »WW II Museums« präsentiert das RDK, für das Alexej Lewkin als Kurator agiert, nun in einer Erinnerungsstätte für die Gefallenen der Roten Armee und die Opfer des Holocausts unter anderem Symbole von Hitlerkollaborateuren: Das RDK hat sein Verbandskennzeichen nach dem Emblem der Bewegung »Weiße Idee« des Faschisten Viktor Larionow der 1930er Jahre gestaltet, aus der sich später ein Großteil von Hitlers »Wlassow-Armee« rekrutierte. »Das Russische Freiwilligenkorps schützt die Ukraine, Freiheit, Demokratie und kämpft gegen das tyrannische Regime von Wladimir Putin«, schwärmte Museumsdirektor Jurij Sawchuk bei der Eröffnung der Ausstellung.
Dieser Ritterschlag für russische Nazis ist nur ein nächster Schritt der geschichtsrevisionistischen Offensive in der Ukraine mit fortschreitender Faschisierung des nationalen Gedächtnisses, an der das »WW II Museum« mitwirkt. 2023 wurde im Zuge der »Dekommunisierung« das Staatswappen der Sowjetunion von der »Mutter Heimat«-Statue entfernt und durch den ukrainischen Dreizack ersetzt. »Das ist unser Sieg«, verkündete 2025 Sawchuk anlässlich einer Ausstellung zum 80. Jahrestag des 8. Mai. Vorher hatte er den Großen Vaterländischen Krieg zum »Mythos« und den deutschen Überfall auf die Sowjetunion zum »Krieg gegen die Ukraine« erklärt, der durch »die beispiellosen Greueltaten des Hitler- und Stalin-Regimes verschärft« worden sei. Die Ukrainische Aufständische Armee (UPA) des Bandera-Flügels der faschistischen Organisation Ukrainischer Nationalisten (OUN-B), die zeitweise für Hitlerdeutschland gekämpft und gemordet hat, wurde kurzerhand zum »Widerstand« umgemünzt. 2025 veranstaltete das Museum eine Vortragsreihe über Stepan Bandera, Jaroslaw Stezko sowie andere Führer dieser »Befreiungsbewegung«.
Das »WW II Museum« erhält umfangreiche Unterstützung aus der EU und Deutschland. Es ist Mitglied im Trägerverein des Museums Berlin-Karlshorst, mit dem es eine enge Zusammenarbeit pflegt. Die Botschaft der BRD und das Goethe-Institut fungierten häufiger als Kooperationspartner. Laut dem Kriegsmuseum beklagten deren Vertreter bei einem offiziellen Besuch im vergangenen Jahr, Russland würde »pseudohistorische Narrative« verbreiten und versuchen, »die Opfer als Täter darzustellen« und »Schuldgefühle in der deutschen Gesellschaft zu schüren«, obwohl die Ukrainer die Hauptlast im Zweiten Weltkrieg zu tragen gehabt hätten.
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