Volk, steh auf!
Von Philip Tassev
Das alles bestimmende Thema in der deutschen Presselandschaft war am Dienstag – wie kann es anders sein – der in der Ukraine ausgetragene NATO-Stellvertreterkrieg gegen Russland. Selbstverständlich wird der Konflikt nie so bezeichnet, dafür wahlweise als »Überfall«, »Vollinvasion« oder der Klassiker: »völkerrechtswidriger Angriffskrieg«. Dass Russlands Präsident Wladimir Putin den Einmarsch in das Nachbarland aus reiner Bosheit befahl, traut sich aber auch in den treuesten NATO-Blättern kaum jemand zu behaupten. Also muss der Krieg eine Vorgeschichte haben.
Dennoch zeichnen die Kommentare zum Jahrestag der Eskalation des Krieges das Bild einer Ukraine, in der das Leben bis zum 24. Februar 2022 seinen normalen Gang ging – hätte es da nur nicht diesen »kleinteiligen Stellungskrieg« gegeben, der im Donbass vor sich hin »köchelte«, weil »dort Putins Vasallen und prorussische Abenteurer 2014 eine Diktatur errichteten«. Den von ukrainischen Faschisten durchgeführten Maidan-Putsch 2013/2014 erwähnt die Frankfurter Rundschau in diesem Zusammenhang lieber nicht. Auch auf Tagesschau.de nimmt man es mit der Wahrheit nicht so genau. Der ARD-Mann in Kiew darf dort behaupten: »Vom ersten Tag an führte Russland indes auch Krieg gegen die ukrainische Zivilbevölkerung.« Die Kiewer Propagandaerzählungen über »Vergewaltigungen« und »Massenerschießungen« durch russische Soldaten gibt es gratis dazu. Die vom Redaktionsnetzwerk Deutschland belieferten Zeitungen erwähnten zumindest die UN-Zahlen zu zivilen Todesopfern seit dem Einmarsch Russlands.
Den anderen Blättern sind die 15.000 toten Zivilisten offenbar zu wenig, um mit ihnen Putins angebliche »Vernichtungspläne« glaubhaft vermitteln zu können. Darum lässt man sie weg. So kann FAZ-Herausgeber Berthold Kohler völlig realitätsbefreit von einem »Vernichtungs- und Unterwerfungswahns Putins« fantasieren, der der Ukraine nur »Terror und kulturelle Auslöschung« zu bieten habe. Da bleibt dem Heldenvolk also nur der Kampf bis zum letzten Ukrainer. »Würden wir Deutschen so tapfer kämpfen wie die Ukrainer?« sorgt sich Kohler, der längst aus dem »wehrfähigen« Alter raus ist und nicht befürchten muss, in den Schützengraben gejagt zu werden. Das sollen bitte andere machen, denn: »Mit Defätismus schreckt man einen Aggressor wie Putin nicht ab.« Deswegen: »Nicht nur die Bundeswehr, die ganze Republik muss ihm zeigen, dass sie im Kriegsfall ihre Freiheit so tapfer verteidigen würde wie die Ukrainer.« Nun, Volk, steh auf, und Sturm brich los! (pt)
Probeabo
Sie lügen wie gedruckt. wir drucken, wie Sie lügen.
Jetzt 2 Wochen gratis lesen – das Probeabo endet automatisch!
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
-
Leserbrief von Christian Helms aus Dresden (26. Februar 2026 um 10:28 Uhr)FAZ-Herausgeber Berthold Kohler unterstellt Putin »Vernichtungs- und Unterwerfungswahn«. Er diskreditiert Putin damit als Wahnsinnigen, als Verrückten, dem alles zuzutrauen ist. Putin, vom »Vernichtungs- und Unterwerfungswahn« getrieben, wird für unberechenbar erklärt. Im Interesse der Rüstungs- und Kriegsgewinnler muss um jeden Preis an der Bedrohungslüge festgehalten werden. Vor allem, wenn sie angesichts der realen Kräfteverhältnisse zwischen Russland und der NATO nicht aufrechtzuerhalten ist. Doch zu den Fakten. Laut UN-Hochkommissar wurden vom 24.02.2022 bis zum 13.08.2025 in der Ukraine 2.960 Kinder getötet oder verletzt. In Gaza waren es laut UNICEF vom Oktober 2023 bis zum Oktober 2025 etwa 61.000 Kinder. Auf 100.000 Einwohner umgerechnet betraf es in der Ukraine (etwa 30 Millionen Einwohner) 12,3 Kinder. In Gaza (etwa 2,1 Millionen Einwohner) 2.900 Kinder auf 100.000 Einwohner. So schwer es fällt, unvorstellbares Leid gegeneinander aufzurechnen – angesichts dieser Zahlen trifft die Diagnose »Vernichtungswahn« eher auf Netanjahu zu. Doch der führt nach westlicher Lesart einen gerechten Verteidigungskrieg für die Existenz Israels. Putin dagegen, von imperialen Gelüsten getrieben, einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg.
-
Leserbrief von Jürgen Fleißner aus Seeheim - Jugernheim (27. Februar 2026 um 16:10 Uhr)Herr Christian Helm aus Dresden. Sie werfen dem Herausgeber der FAZ, Herrn Kohler vor, Putin zu diskreditieren, weil er Putin als Wahnsinnigen und Verrückten hält und weil Putin von einem Vernichtungs- und Unterwerfungswahn getrieben wird. Na dann betrachten Sie bitte mal, und das dürfte Ihnen als Dresdner ja nicht schwerfallen, den Wertegang Putins vom KGB-Agenten in Dresden bis hin zum Staatsoberhaupt von Russland. Ein blutiger Weg, denn die Befehle politische Gegner zu ermorden darf man dabei nicht vergessen. Was die toten Kinder betrifft. Sie gegeneinander aufzurechnen, halte ich für unpassend. Jedes, in einem politischen Konflikt getötete Kind ist eines zu viel. mfg J. Fleißner
-
-
Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (25. Februar 2026 um 10:06 Uhr)Was mich an der Berichterstattung vieler Leitmedien stört, ist nicht Haltung – sondern Einseitigkeit. Von Beginn an dominiert ein moralischer Trommelrhythmus, der komplexe geopolitische Zusammenhänge auf ein schlichtes Gut-gegen-Böse-Narrativ reduziert. Wer nach Vorgeschichte, Sicherheitsinteressen oder strategischen Motiven fragt, gilt schnell als Relativierer. Statt nüchterner Analyse erleben wir Dauerempörung. Schlagworte ersetzen Einordnung. Eine ernsthafte Debatte darüber, welche konkreten Interessen Deutschland und Europa verfolgen – und welchen Preis die eigene Bevölkerung dafür zahlt – bleibt weitgehend aus. Energiekrise, Inflation, Rüstungsprogramme in Milliardenhöhe: Das alles wird als alternativlos verkauft, nicht als politisch abwägbare Entscheidung. Auch militärisch bleibt vieles unausgesprochen. Russland führt keinen Blitzkrieg, sondern einen zermürbenden Abnutzungskrieg. Warum? Sind die Ziele begrenzt? Fehlen die Mittel? Oder ist genau diese Langwierigkeit Kalkül? Solche Fragen würden helfen, den Konflikt realistisch einzuordnen – doch sie stören das einfache Erzählmuster. Auffällig ist zudem: Moskau formuliert – ob glaubwürdig oder nicht – konkrete Forderungen und Zielvorstellungen. Die westliche Seite hingegen bleibt oft im Ungefähren. Geht es um vollständige Rückeroberung? Um Regimewechsel? Um dauerhafte Schwächung Russlands? Oder um ein strategisches Signal an andere Mächte? Klare Endziele sind kaum zu erkennen. Statt strategischer Ehrlichkeit erleben wir moralische Mobilisierung. Wer »Durchhalten!« ruft, sollte auch offen sagen, wohin der Weg führen soll – und was er kosten wird. Demokratie lebt von Transparenz, nicht von Dauerappellen.
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (25. Februar 2026 um 13:13 Uhr)Eine Frage, Herr Hidy: Wann genau begann 2013/2014 die Ukrainekrise? Vor oder nach 2007? Oder früher? 1992? 1979? Leider viel Text, wenig Info. Aber warum nicht immer einfach weitermachen?
-
Leserbrief von Istvan Hidy aus Stuttgart (25. Februar 2026 um 14:42 Uhr)Konflikte haben selten ein einzelnes Startdatum – genau das ist mein Punkt. Eine Analyse, die 2022 isoliert betrachtet, greift zu kurz. Ursachen zu benennen heißt nicht, Verantwortung zu relativieren, sondern Zusammenhänge zu verstehen. Ohne Kontext bleibt Politik moralische Empörung statt strategische Debatte.
-
Leserbrief von Onlineabonnent/in Torsten Andreas S. aus Berlin (25. Februar 2026 um 15:37 Uhr)Sehr hübsch, Herr Hidy. Ich verweise auf ein historisches Dilemma (1979), aber lerne, dass Politik was genau sein soll? Sie demonstrieren die Unsinnigkeit der elften Feuerbachthese exzellent – und zwar inhaltlich schon vorm Komma.
-
-
-
Ähnliche:
IMAGO/Dreamstime14.01.2026Spielball globaler Machtpolitik
Ukrainian Presidential Press Service/Handout via REUTERS29.12.2025Wenn drei sich streiten
jW27.12.2025Merkel wäre sofort im Flugzeug
Mehr aus: Ansichten
-
Rechte Agenda
vom 25.02.2026 -
Im Interesse der USA
vom 25.02.2026 -
Geiseln des Tages: Strausberger Wahlbriefe
vom 25.02.2026
