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Aus: Ausgabe vom 25.02.2026, Seite 2 / Ansichten

Volk, steh auf!

Von Philip Tassev
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Das alles bestimmende Thema in der deutschen Presselandschaft war am Dienstag – wie kann es anders sein – der in der Ukraine ausgetragene NATO-Stellvertreterkrieg gegen Russland. Selbstverständlich wird der Konflikt nie so bezeichnet, dafür wahlweise als »Überfall«, »Vollinvasion« oder der Klassiker: »völkerrechtswidriger Angriffskrieg«. Dass Russlands Präsident Wladimir Putin den Einmarsch in das Nachbarland aus reiner Bosheit befahl, traut sich aber auch in den treuesten NATO-Blättern kaum jemand zu behaupten. Also muss der Krieg eine Vorgeschichte haben.

Dennoch zeichnen die Kommentare zum Jahrestag der Eskalation des Krieges das Bild einer Ukraine, in der das Leben bis zum 24. Februar 2022 seinen normalen Gang ging – hätte es da nur nicht diesen »kleinteiligen Stellungskrieg« gegeben, der im Donbass vor sich hin »köchelte«, weil »dort Putins Vasallen und prorussische Abenteurer 2014 eine Diktatur errichteten«. Den von ukrainischen Faschisten durchgeführten Maidan-Putsch 2013/2014 erwähnt die Frankfurter Rundschau in diesem Zusammenhang lieber nicht. Auch auf Tagesschau.de nimmt man es mit der Wahrheit nicht so genau. Der ARD-Mann in Kiew darf dort behaupten: »Vom ersten Tag an führte Russland indes auch Krieg gegen die ukrainische Zivilbevölkerung.« Die Kiewer Propagandaerzählungen über »Vergewaltigungen« und »Massenerschießungen« durch russische Soldaten gibt es gratis dazu. Die vom Redaktionsnetzwerk Deutschland belieferten Zeitungen erwähnten zumindest die UN-Zahlen zu zivilen Todesopfern seit dem Einmarsch Russlands.

Den anderen Blättern sind die 15.000 toten Zivilisten offenbar zu wenig, um mit ihnen Putins angebliche »Vernichtungspläne« glaubhaft vermitteln zu können. Darum lässt man sie weg. So kann FAZ-Herausgeber Berthold Kohler völlig realitätsbefreit von einem »Vernichtungs- und Unterwerfungswahns Putins« fantasieren, der der Ukraine nur »Terror und kulturelle Auslöschung« zu bieten habe. Da bleibt dem Heldenvolk also nur der Kampf bis zum letzten Ukrainer. »Würden wir Deutschen so tapfer kämpfen wie die Ukrainer?« sorgt sich Kohler, der längst aus dem »wehrfähigen« Alter raus ist und nicht befürchten muss, in den Schützengraben gejagt zu werden. Das sollen bitte andere machen, denn: »Mit Defätismus schreckt man einen Aggressor wie Putin nicht ab.« Deswegen: »Nicht nur die Bundeswehr, die ganze Republik muss ihm zeigen, dass sie im Kriegsfall ihre Freiheit so tapfer verteidigen würde wie die ­Ukrainer.« Nun, Volk, steh auf, und Sturm brich los! (pt)

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