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Gestern Heute Morgen

Foto: Mike Schmidt/imago
Sowjetfahne verboten, NATO-Fahne erlaubt

Tag der Befreiung. Tag der Kapitulation. Zwei Narrative. Als der Generalfeldmarschall Keitel am 8. Mai 1945 in Karlshorst die Kapitulation gegenzeichnete, war es in Moskau nach Mitternacht. Den Sieg der Sowjetunion feiert man daher am 9., die Befreiung am 8., die Kapitulation naturgemäß gar nicht. Im Zuge der sehr späten, nachgeholten Wiedergutwerdung hat die Bundesrepublik heute das Befreiungsnarrativ angenommen. Besser gewiss, als sich weiterhin dem besiegten Reich anzufühlen, doch ganz ohne ist auch das nicht.

Die Saarbrücker Zeitung weist zum Jahrestag darauf hin: »Man jubelte nicht, weil man sich eben nicht befreit fühlte. Und man nahm keine Rache an den Nazis, weil man diese eben nicht als Feinde sah.« So richtig, dass auch die deutsche Bevölkerung unter der Herrschaft der Nazis zu leiden hatte, so zutreffend, dass sie gleichwohl von ihr profitierte. Oder besser: zu ihr hielt, weil die ein Versprechen enthielt. Repression und Staatsterror, im Alltag an sämtlichen Stellen zu spüren, wurden nicht als das Ganzandere genommen, man identifizierte sich mit dem System auch deswegen, weil man als Herrenvolk an der Ausbeutung östlicher Landstriche, den Erträgen von Zwangsarbeit, den Gewinnen durch Kriegskonjunktur, den Erlösen aus der Arisierung beteiligt war. Die Nazirackets und ein großer Teil der Bevölkerung bildeten durchaus eine Art Beutegemeinschaft.

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»Nichts relativiert die deutsche Schuld«, schreibt die Märkische Oderzeitung entsprechend. Um gleich im Anschluss eben das zu tun: »Deutschland war der Aggressor und Vernichter. Die West­alliierten und die Sowjetunion haben Europa von der deutschen Pest erlöst – die Sowjetunion, nicht Russland.« Noch richtig, insofern der fundamentale Unterschied zwischen dem heutigen Russland und der Sowjetunion von beiden Seiten, den Putinisten wie den Transatlantikern, mit Vorsatz vergessen wird. Relativierung aber folgt sogleich: »Heute bedroht Russland die Nachbarstaaten und führt einen brutalen Krieg gegen die Ukraine. Europa braucht eine neue Befreiung.« Subtil sind Putins Russland und Hitlers Deutschland zusammengebracht, ohne sie explizit gleichgesetzt zu haben. Der Zeitung gelingt das Kunststück, die Hände zu heben und dabei mit dem Finger auf was zu zeigen.

»Die Nazis darf man nicht vergessen«, schreibt die Frankfurter Rundschau. Autor und erwähnte Randgruppe können beruhigt werden. Im Diskurs sind die Nazis ziemlich lebendig. Keine Richtung, die nicht nach kurzer bis sehr kurzer Zeit in der je anderen den neuen Faschismus heraufziehen sieht. Die Grünen, die Linken, AfD, Antifa, Merz, Putin, Netanjahu, Trump, der Ajatollah, Bill Gates, Epstein, die WHO – sie alle sind der neue Hitler. Mindestens. (fb)

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Erschienen in der Ausgabe vom 09.05.2026, Seite 2, Ansichten

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