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Signale aus Moskau

Putin betont Gesprächsbereitschaft

Foto: Alexander Nemenov/Pool AFP/AP/dpa
Zeremonie am »Grabmal des unbekannten Soldaten« mit Präsident Putin (9.5.2026)

Fangen wir mit dem schlechtesten Argument an, das Wladimir Putin am »Tag des Sieges« geäußert hat. Gefragt, warum die alljährliche Parade diesmal ohne das Vorzeigen schwerer Militärtechnik verlaufen sei, antwortete er, die russischen Streitkräfte seien damit beschäftigt, in der Ukraine den Sieg zu erkämpfen. Das Argument überzeugt in keiner Weise: Ein paar Panzer hätte Russland wohl für ein paar Tage entbehren können. Die wahrscheinlichere Erklärung ist: Moskau wollte ein Signal senden. Ein Signal der Angst vor ukrainischen Drohnenattacken wohl eher nicht, denn solche hätten die zu Fuß marschierenden Soldaten ebenso gefährdet wie Panzerbesatzungen. Sondern eines der Entspannungsbereitschaft.

Offensichtlich ist man in Moskau zu der Einschätzung gekommen, dass das schnelle und siegreiche Ende des Ukraine-Kriegs zu den ursprünglichen russischen Konditionen nicht in Sicht ist. Kein Wort von Putin zu den Zielen der »Entnazifizierung« und »Entmilitarisierung« der Ukraine; nichts über die vollständige Eroberung der Bezirke Saporischschja und Cherson, um die es schon seit Monaten still geworden ist. Statt dessen war ein Großteil seiner Ansprache auf dem Roten Platz der »Einheit von Front und Hinterland« gewidmet. Ist diese Einheit am Ende strapaziert?

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Am Abend wurde Putin noch deutlicher: Er betonte wiederholt die Vermittlerrolle von US-Präsident Donald Trump beim Zustandekommen der Feiertagswaffenruhe und für den – bis zum Sonntag ausgebliebenen – Gefangenenaustausch. Ausdrücklich formulierte er diese Bereitschaft zur Entspannung in seiner abendlichen Pressekonferenz: Auch in Europa wachse wieder die Zahl derjenigen, die die Beziehungen zu Russland wiederherstellen wollten; hierzu sei man bereit, wenn russische Interessen berücksichtigt würden. Beiläufig räumte Putin noch ein zentrales Argument vom Tisch, mit dem Russland seit 2024 direkte Gespräche mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodimir Selenskij abgelehnt hatte: Dieser sei »illegitim«, weil er derzeit ohne demokratisches Mandat amtiere. Jetzt hieß es: Bitte, wer mit ihm sprechen wolle, wisse, wo er anzutreffen sei. Und wenn nicht in Moskau, dann halt irgendwo sonst. Voraussetzung sei nur, dass ein belastbares Friedensabkommen vorher ausgehandelt sei – so verbindlich, wie die Istanbuler Vereinbarungen mit der Ukraine von 2022, auf die sich Putin ausdrücklich bezog. Auf leere Versprechungen aber werde sich Russland nicht mehr einlassen.

Bemerkenswert ist auch, wen Putin als möglichen Vermittler bei russisch-ukrainischen Verhandlungen ins Gespräch brachte: den ehemaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder. Aus dessen Büro kam keine Stellungnahme, also auch kein Dementi. Nur die Bundesregierung äußerte sich sofort ungefragt – denn Schröder ist inzwischen Privatmann und Kanzler Merz zu nichts verpflichtet – und wies den Gedanken augenblicklich als »Scheinangebot« zurück. Scheinangebot soll heißen: An einem Ende des Ukraine-Konflikts sind wir nicht interessiert.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.05.2026, Seite 3, Ansichten

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  • Istvan Hidy aus Stuttgart 11. Mai 2026 um 12:06 Uhr
    Warum die EU Putins bekundete Dialogbereitschaft nicht ernst nimmt, erklärt La Repubblica so: »[Putins] Botschaft hat in Brüssel viele Zweifel und Bedenken ausgelöst. … Die institutionellen Spitzen der EU sind überzeugt, dass dies noch nicht der richtige Zeitpunkt ist, um mit Putin zu sprechen.« In den europäischen Kanzleien überwiegt offenbar die Ansicht, Russland wolle mit solchen Signalen vor allem Zeit gewinnen – angesichts wachsender innenpolitischer und militärischer Probleme. Gerade darin liegt jedoch ein Widerspruch: Beide Seiten scheinen auf Zeit zu spielen, doch eine von ihnen wird sich dabei gewaltig verkalkulieren. Vor allem die Ukraine hat kaum noch Zeitreserven; das Land ist militärisch, wirtschaftlich und gesellschaftlich erschöpft. Dennoch setzt man in der EU weiterhin darauf, dass am Ende Russland stärker ermüdet sein werde. Dieses Wunschdenken halte ich für gefährlich. Der Konflikt im Nahen Osten und insbesondere der Irankrieg haben Russland eher wirtschaftlich entlastet und geopolitisch Luft verschafft, während Europa wirtschaftlich und strategisch zunehmend unter Druck gerät.
  • Onlineabonnent*in André M. aus B. 11. Mai 2026 um 09:43 Uhr
    Es scheint, als würde Russland den kontrollierten Rückzug antreten. Das würde kaum gut ausgehen – innen- wie außenpolitisch. Die russische Armee ist offenbar nicht in der Lage, ein akzeptables Ergebnis auszufechten. Ein geopolitisch akzeptables und notwendiges Ergebnis ist das zuverlässige Ausschalten des ukrainischen Staates als Basis eines »Anti-Russland«. Dazu gehört die Kontrolle bis zum Dnepr und Odessas. Die konzertierten Drohnenangriffe der NATO/Ukraine auf die Flotte, die russische Rohstoffbasis, Rüstungsindustrie und Infrastruktur zeigen offenbar Wirkung. Die dauernden Angriffe auf Handelsschiffe, die russische Waren transportieren, sind eigentlich nach russischem Selbstverständnis nicht hinnehmbar. Präsident Putin hat offenbar die notwendigen politischen Ziele der Operation aufgegeben und sucht nach einem gesichtswahrenden Ausweg. Das Problem, zu dessen Lösung man sich umfassender kriegerischer Mittel bediente, bleibt also bestehen. Das ist meine Momentaufnahme, vielleicht steckt ja mehr dahinter. Möglicherweise könnten nach dem Scheitern politischer Verhandlungen gröbere Mittel angewandt werden. Das Problem ist ebenso, dass Russland mehrere rote Linien hat passieren lassen, ohne dass es entsprechend reagiert hätte. Es sieht so aus, als ob man mit Russland umspringen kann, ohne dass die Sponsoren der ukrainischen Volksvernichter mit ernsthaften Konsequenzen rechnen müssten. Die Beweggründe der Moskauer Administration erscheinen mir daher nebelhaft und inkonsequent.
  • Turtenwald 11. Mai 2026 um 09:12 Uhr
    Hallo Herr Lauterbach! … und Exkanzler Schröder hat ja mal dereinst behauptet, dass Putin ein »lupenreiner Demokrat« ist. Na dann muss man ja überzeugt sein, dass Putin ein großes Interesse an einem Frieden in der Ukraine hat (schon seit über vier Jahren?!) und Deutschland daran total desinteressiert ist. Dass Putin, Lawrow und die übrige Entourage seit Jahr und Tag chronisch lügen, spielt natürlich keine Rolle. Gruß Klaus Turtenwald
    • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 11. Mai 2026 um 17:33 Uhr
      Das russische Interesse daran, endlich dauerhaft im Frieden leben zu können, kann man wirklich nur ermessen, wenn man mitfühlen kann, was 27 Millionen Tote für ein dauerhaft nachwirkendes Trauma für die Völker der Sowjetunion waren. Wer unwillig ist, sich dort hineinzufühlen, wird die Völker Russlands und die russische Politik nie richtig interpretieren können. Das sollte ein Grund sein, sich zu schämen, statt ihre Führer der Lüge zu bezichtigen, Herr Turtenwald!
  • Holger 10. Mai 2026 um 20:15 Uhr
    »Scheinangebot soll heißen: An einem Ende des Ukraine-Konflikts sind wir nicht interessiert.« – Was soll denn das? Also daran, dass Arnold Schölzel schnell mal herbeifabuliert, dass wir alle gleich gen Moskau marschieren, hat man sich ja als Leser leider gewöhnt. Aber ein Reinhard Lauterbach hat solche freien Interpretationen nicht nötig. Er kann doch nicht pauschal unterstellen, dass »wir« an einem Ende des Ukraine-Konflikts nicht interessiert seien? Dass dieses Ende allerdings nicht um jeden Preis zu haben ist, wäre eine Nuance, die er bestimmt herausarbeiten könnte.
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