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Theater

»Verhüllen Sie Ihr Inneres und geben Sie Ruh«

Urlesung von Elfriede Jelineks »Unter Tieren« am Wiener Burgtheater

Foto: Tommy Hetzel/Wiener Burgtheater/dpa
Mavie Hörbiger (l.), Azaria Dowuona-Hammond, Sebastian Rudolph und Caroline Peters lesen Jelinek

Das Fleisch des Kälbchens muss weiß sein, so wie das unschuldig weiße (Hautfarbe egal) Fleisch der Kinder, in das die Herren der Welt ihre Geschlechtsorgane hineinstoßen.

»Wir suchen in den Bauruinen nach weggeworfenen Brezenfragmenten, Pizzaresten …, Kuchenbröseln … wir suchen, wir finden, wir essen, aus. Wir erhalten uns mit dem, was wir erhalten. Mehr können wir mit unserem kleinen Kapital, das aus jeweils einem Stück Leben besteht, nicht anfangen. Jeder hat seins, nur eins, die eine Kollegin ist versehrt, der andren fehlt auch irgendwas, weil sie zu viel Salz gefressen hat … der Verlierer muss halt immer alles nehmen.«

Ein Stück Leben, nur eins für jeden, »unser kleines Kapital«, wieviel ist das wert? Nicht von ungefähr sind es die Tauben, die in Elfriede Jelineks neuestem Text »Unter Tieren« das Fabelwerk anführen. Ein Stück Leben, ein unnützes, kann man doch diese Viecher nicht einmal verwerten, auffressen, sich um die Taille binden oder als Bommel an die Mütze nähen.

Und nicht von ungefähr klingt das Picken der Tauben wie »Piketty, Piketty«, ein Jelinek-Kalauer auf den französischen Wirtschaftswissenschaftler Thomas Piketty, der zu den negativen Konsequenzen drastischer Vermögenskonzentration und extremer Vermögensungleichheit, einer »Politik zur Aufrechterhaltung des Eigentums«, forscht und schreibt.

Das Kälbchen sieht weder Sonne noch Gras, damit das Fleisch weiß und verkaufbar bleibt; Tauben wird mit Stacheln jedes Plätzchen zur Hölle gemacht, »Füßchen abgerissen, Äuglein ausgestochen«; obdachlosen Menschen nimmt man die Bänke, selbst ehemals nützliche Arbeiter, nun Rentner – soll Opa mit 80 noch operiert werden? Wir können uns weder Geflüchtete noch Menschlichkeit leisten, wir leisten uns schließlich über 50 Milliardäre in Österreich und 156 in Deutschland, Spitzenreiter in Europa.

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Nicolas Stemann, Regisseur des Schauspiels, das im August bei den Salzburger Festspielen zur Uraufführung kommt, im September Wien-Premiere feiern wird, begrüßte am 27. Mai die Zuschauer zu 145 Seiten Elfriede Jelinek über den Handelswert Leben unter den ökonomischen Gesetzmäßigkeiten des kapitalistischen Finanzmarktes – fünf Stunden ohne Pause. Die Toilettenfrau hatte es zuvor bereits ausgeplaudert und auf dem Damenklo für Schockmomente gesorgt, aber es gibt Zuckerln: Individuelle Pausen ausdrücklich erlaubt, alle Türen weit geöffnet, im Pausenfoyer Stärkung plus Monitor mit Liveübertragung.

Zunächst bleibt das Durcheinander aber auf der Bühne. Es mischen sich mehrstimmiger Text und Musik – Anspruchsvolles nur zu hören, ist anstrengend, selbst wenn Mavie Hörbiger, Caroline Peters und Azaria Dowuona-Hammond sprechen.

Den Gegenpart zu den Ge- und Benutzten darf René Benko übernehmen, der als Pappnase von Nicolas Stemann spazieren geführt wird, der übrigens auch singt und musiziert. Die Tauben pfeifen es von den Dächern: »Als aber der letzte Dachboden ausgebaut, … das letzte Hotel ungefertigt, … und das letzte Geld gegessen war, da hatte er gesehen, … daß er zwar alles hat, Flieger und Boot, Mutter und Frau, Stift und Stiftung, daß ihm aber nichts gehört und daß er es daher auch nicht mehr essen kann. So ißt er halt was andres.«

Nach eher zähem Auftakt scheint sich der Text der Schauspieler zu bemächtigen, dringt in sie, macht sie wild, wütend und im besten Sinne zu den Tieren, die sie verkörpern. Wunderbar: Branko Samarovski (86) und Inge Maux (81) – forever young – als Stockentenpaar und immer wieder ein unglaublicher Sebastian Rudolph, tanzend, springend, der sich nahtlos in 1.000 Tiere verwandelt und am Ende selbst einen kleinen Unfall weglächelt.

»Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie ihre Tiere behandelt.« (Gandhi) Und an der Sprache: Nutztier, ein perverser Begriff, der Bewusstsein, Intelligenz und Einzigartigkeit eines Lebewesens leugnet. Das Schwein: »Unsere Männer hat man gar nicht erst aufwachsen lassen. … Auf meine letzten Worte haben Sie wohl keine Lust, was? … Ich werde doch nicht aus Redelust lästig, …, und ich werde sowieso entfernt werden wie ein Fettfleck, den ich auch noch selbst erzeugen muß. In der Jugend kann man, Sie sehen es ja an mir, überall zunehmen, und das war bei mir auch erwünscht. Abnehmen schwieriger, Bewegung unmöglich. … Hauptsache, ich habe überhaupt ordentlich zugelegt, damit Sie ordentlich zulangen können. Mein Bauch war mein Leben und ist mein Tod. … Die richtige Stelle für den Ansatz des Todesgeräts muß (mein Schlachter) allerdings erst mal finden. Das ist aber Routine und dauert nicht lang. So viele von uns sind doch schon tot, so daß ungelernte, unbelehrbare Menschen, die keine Sprache verstehen, das Gerät einfach irgendwo hinhalten und abdrücken können. Man fällt dann hin, lebt aber noch. Schmerzliches Leiden folgt unweigerlich.«

Die zu den Texten auf Leinwand projizierten Bilder von toten Schweinen im Schlachthof – steril und sauber, kein Blut – sind erträglich, zuckende, sterbende Kühe sind zuviel. »Ja, ein bißchen Glück, das wär schon fein. … Wer nur gutes Gras und Heu verträgt, dem tut zum Beispiel Tierisches in der Nahrung nicht gut, Schafmehl, Mehl aus Schafen! Lamm Gottes, wen hast du denn da befreit? Was mischst du dich ein? Schau auf das freundliche, folgsame Schaf in Pulverform! Schau auf die Folgen beim Rindvieh, bei uns: … Schreckhaftigkeit, Angst vor dem Übersteigen des Kotgrabens, Furcht … vor Durchgängen, … Das ist, was uns dann blüht. … Angst vor allem und … noch mehr Angst, bis man nicht mehr aufstehen kann, damit man nichts begegnen muß, das noch mehr Angst auslösen könnte. Ja, so sind wir, wenn wir diese böse Krankheit kriegen. Dann kriegen wir die Angst, und dann kriegen wir die Wut. Man bringt uns um den Verstand und dann ums Leben. Mensch, sieh dich vor! Mensch, schau hin! Dort siehst du uns liegen. Schau auf das Weiße in unsren Augen, wir schauen auf dich zurück, und du schaust immer noch nicht auf uns. Doch du weißt, daß es uns gegeben hat.«

Ich überlasse die Bilder denen, die aufs echte Wiener Kalbsschnitzel schwören, gönne mir die erlaubte Pause, die mit der durchs ganze Haus ziehenden Blasmusikkapelle Perchtoldsdorf aufgewertet wird, und kann am Ende einen sehr gelungenen, denkwürdigen Abend mit grandiosen Schauspielern und sehr verdienten Standing Ovations mitfeiern.

→ Premiere von »Unter Tieren« am Wiener Burgtheater ist der 24. September 2026

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Erschienen in der Ausgabe vom 30.05.2026, Seite 11, Feuilleton

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