Und wo bleibt das Glück?
Melancholisch auf der Wiese mit den Slow Leaves und ihrem neuen Album »The Ruins of Things Unfinished«
Ich habe etwas zu sagen, aber hört jemand zu? »I had a voice / But no one to tell« heißt es im ersten Song des neuen Slow-Leaves-Albums »The Ruins of Things Unfinished«. Es ist die letzte Zeile vor dem abschließenden Refrain, der sich wie Blei aufs Gemüt legt. »Tired« heißt das Stück, in dem der Erzähler so vieler Sachen müde ist, dass er kaum mit dem Aufzählen hinterherkommt. Er hat genug vom Träumen, dem Glauben, dem »Mir geht’s gut«, all den Enttäuschungen, der Suche nach dem Sinn. Tja, und nun? Alles gesagt? Nicht bei Slow Leaves, dem Bandprojekt des kanadischen Musikers Grant Davidson. Es schwingt immer noch eine Menge mehr zwischen den Zeilen mit. Häufig ist da ein Twist, der die »Wahrheiten« in Frage stellt: Am Ende des Songs ist der Erzähler, müde zu glauben, aufgeben zu müssen.
Wenn die Stücke nicht so bittersüß und schön klängen, wären Davidsons existentialistische Überlegungen bisweilen schwer auszuhalten. Er weiß es ja selbst: Sein Album »Meantime« von 2023 widmete er seiner Frau – ein großes Sorry, weil er immer wieder mal so unzugänglich war. Bei »Shelf Life« aus dem Jahr 2020 ist auf dem Cover ein Regal (shelf) mit allerlei Gegenständen zu sehen, sie setzen inzwischen Staub an, Davidson mittendrin. Auf »Holiday« von 2021 verordnete er sich eine Auszeit von dieser Form der Selbstreflexion, Urlaub von sich selbst. Was ihm nicht so recht gelang, denn die Zweifel reisten mit.
Sechs Alben haben die Slow Leaves eingespielt, die Schwermut ist folkpoppig gekleidet, transparent und halbakustisch instrumentiert. Die melancholischen Melodien, 70er-Jahre-Arrangements, Davidsons betörender Gesang (zwischen Roy Orbison und Bryan Ferry) – all das klingt lässig, ein bisschen träge, zeitlos, wie immer schon dagewesen, wie, nun ja, ein guter alter Freund. Keiner, der dir Vertrautheiten zuraunt, darüber seid ihr hinaus. Eher einer, der mit dir auf der Wiese liegt und Ungesagtes wie selbstverständlich teilt.
Philosophie der Vergeblichkeit ist nicht neu. Der Titel des aktuellen Slow-Leaves-Albums zitiert den portugiesischen Autor Fernando Pessoa (»Buch der Unruhe«). Ruinen aus unfertigen Dingen also. Zu Kunst werden solche und andere Gedanken nicht zuletzt in ihrer Gestalt als luftige, eingängige Songs, durch die Poesie und Originalität ihrer Sprache.
Und so beginnt das eingangs erwähnte »Tired« mit der Erinnerung an eine nicht so schöne Begebenheit, irgendwann »last December«: »Another year / Was coming up / Another one / Is never enough.« In »Don’t Fret« geht es um den Abgleich eigener Ideale und Träume mit der Realität: »Don’t fret, your dreaming was too bold / More than this life was meant to hold.« Halt’ dich nicht zu lange damit auf, don’t fret, rät Davidson. Im Grunde schreibe er immer den gleichen Song, sagt der Musiker, aber so sehe es nun mal in ihm aus. Bereits auf dem Album »Shelf Life« seufzte er: »You wake up with wishes / And a sink full of dishes.«
Bleibt die Frage nach dem Glück, wenn es doch so sehr mit dem Sinn hapert. Slow Leaves’ einfache Antwort darauf wird in »Don’t Fret« beiläufig fallengelassen: »Lucky if you fall in love / Lucky if you’re needed / All the rest is killing time.«
→ Slow Leaves: »The Ruins of Things Unfinished« (Make My Day Records)
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