Welche Blockade?
Von Jörg Kronauer
Sie ist in Kraft, die Seeblockade, die Donald Trump aka Doctor Jesus über die Gewässer des Mittleren Ostens mit großer Geste verhängt hat. Unklar ist nur noch, was sie blockiert. Schien die Frage am Montag zunächst geklärt, nachdem die US-Streitkräfte Trumps Anweisung, die gesamte Straße von Hormus für alle komplett zu sperren, ignoriert und mitgeteilt hatten, sich lieber auf die Blockade iranischer Häfen zu beschränken, so erweckten die Operationen der US-Militärs bis zum Dienstag mittag den Eindruck, die U. S. Navy blockiere erst einmal sich selbst. Jedenfalls konnten diverse Schiffe die Straße von Hormus passieren, und zwar nicht bloß solche, die nichts mit Iran zu tun hatten, sondern auch Tanker, die aus iranischen Häfen kamen oder von den USA schon zuvor mit Sanktionen belegt worden waren. Ein Beispiel: Die »Rich Starry«, ein chinesischer, wenn auch unter anderer Flagge fahrender Spezialtanker, seit 2023 auf einer US-Sanktionsliste, durchquerte die Meerenge unbehelligt.
Was ist da los? Schiffahrtsexperten weisen darauf hin, dass im Persischen Golf Tausende Schiffe, darunter Hunderte große Handelsschiffe, kreuzen, von denen viele zudem ausgefeilte Täuschungsmanöver aller Art anwenden. Mit nur 15 Kriegsschiffen vor Ort sei die US-Marine womöglich heillos überfordert. Andere spekulierten, die USA würden Schiffe vielleicht erst lange nach dem Verlassen des Persischen Golfs abfangen – in sicherer Entfernung von iranischen Drohnen und Raketen. Unabhängig davon drängte sich aber eine andere Frage auf: Würden die USA es wagen, chinesische Schiffe wie die »Rich Starry« zu kapern? Die Frage liegt nahe, denn China ist seit längerer Zeit der mit Abstand wichtigste Käufer iranischen Öls. Brächte die U.S. Navy chinesische Tanker auf, dann entfachte sie damit einen neuen Konflikt, und zwar einen mit der Weltmacht China. Unterließe sie es aber, dann bliebe die Blockade wohl so löchrig, wie sie es bis Dienstag mittag zu sein schien – sehr peinlich für den Menschen- und Weltenretter im weißen Kittel, pardon: im Weißen Haus.
Neuer US-Zoff mit China wäre dabei auch aus einem anderen Grund fatal. Beijing betätigt sich zur Zeit äußerst aktiv als Mittler zwischen den arabischen Golfstaaten und Iran. Soll der Krieg irgendwann in einen halbwegs verlässlichen Frieden überführt werden, dann werden beide Seiten irgendwie miteinander auskommen müssen. Die Volksrepublik hat bereits vor drei Jahren die Annäherung zwischen Riad und Teheran diplomatisch begleitet. Nach Beginn des Waffenstillstands bat Saudi-Arabien China ausdrücklich, auch im jetzigen Konflikt mit Iran zu vermitteln. Als Präsident Xi Jinping am Dienstag forderte, in der Welt dürfe nicht das Gesetz des Dschungels gelten, saß neben ihm der Kronprinz von Abu Dhabi, der Sohn des Präsidenten der Vereinigten Arabischen Emirate. Ob Doctor J. es sich mit Blick darauf wirklich leisten kann, Schiffe aus China zu kapern? Nun, bei Trump weiß man freilich nie.
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