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Aus: Ausgabe vom 21.03.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Iran-Krieg

Irans Resilienz

Bisher können die USA und Israel kaum Erfolge verzeichnen: Teheran hat sich darauf eingestellt, einem langen asymmetrischen Abnutzungskrieg standzuhalten
Von Lars Lange
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Israel ist in weiten Teilen ein Kriegsgebiet geworden, das täglich unter Beschuss steht (Golanhöhen, 19.3.2026)

Am ersten Kriegstag ließ Iran es als Reaktion auf die Angriffe der USA und Israels förmlich Raketen regnen. Ganze 600 ballistische Raketen – so viele, wie Russland in acht Monaten gegen die Ukraine eingesetzt hatte – und dazu noch 2.000 Drohnen. Tage später änderte sich das Bild: Das US-Zentralkommando meldete einen Rückgang der iranischen Raketenangriffe um 86 bis 90 Prozent und wertete dies als Erfolg der eigenen Luftangriffe.

Mittlerweile zeigt sich jedoch: Auf die Phase niedriger Intensität folgte zuletzt ein deutlicher Wiederanstieg. Es ist mitnichten so, dass die Raketeninfrastruktur durch die USA militärisch entscheidend degradiert worden wäre, sondern das Einsatzmuster wurde angepasst. Der Iran hat den Einsatz seiner Mittel neu kalibriert – in kybernetischer Terminologie: Stellgrößenoptimierung. Teheran hat offenbar nicht das Tempo verloren, sondern es bewusst gedrosselt. Weniger Einheiten, gleicher strategischer Effekt. Das iranische System passt sich an.

Frühere Abnutzungskriege wie der Iran-Irak-Krieg oder große Teile des Vietnam-Konflikts folgten einer anderen Logik: Material und Menschen wurden über Jahre verbraucht, in der Hoffnung, den Gegner irgendwie kleinzubekommen. Der Unterschied heute liegt in der Geschwindigkeit der Rückmeldung: Sensoren, Satelliten und Drohnen liefern nahezu in Echtzeit Daten zur Wirkung jedes Angriffs. Krieg wird so zu einem kybernetischen Steuerungsprozess, in dem die Effizienz des Ressourceneinsatzes entscheidender wird als die schiere Masse.

Der Iran agiert in diesem Krieg als Regler in einem solchen System. Der Wert der Gegenangriffe bemisst sich nicht an der Zerstörung aller angegriffenen Ziele, sondern wirkt als permanenter, systematischer Druck.

Strategischer Druck

Teheran hat seit Kriegsbeginn mit dieser Strategie vier simultane Druckpunkte getroffen, deren kombinierte Wirkung die westliche Allianz vor ein strategisches Problem stellt, das bislang ungelöst bleibt.

Der Iran richtet seine Angriffe nicht primär gegen die Aggressoren selbst, sondern gegen deren regionale Verbündete. Angriffe auf iranische Energieanlagen beantwortet Teheran mit Schlägen gegen die Energieinfrastruktur der Golfstaaten – eine symmetrische Reaktion bei asymmetrischer Zielwahl. Damit trifft man das Geschäftsmodell der Region: Stabilität als Grundlage für Finanzplätze, Tourismus und Immobilienmärkte. Dieses Modell funktioniert nur im Frieden. Bilder brennender Wolkenkratzer und angegriffener Flughäfen untergraben genau dieses Versprechen – eine mobile Expatbevölkerung dürfte unter Kriegsbedingungen kaum bleiben. Zugleich kann der Iran diesen Zustand mit vereinzelten, relativ kostengünstigen Angriffen langfristig aufrechterhalten.

Seit Kriegsbeginn stehen zweitens US-Militärinstallationen in Bahrain, Kuwait, Katar, Jordanien und Saudi-Arabien unter dauerhaftem iranischem Beschuss. Schon in der ersten Kriegsstunde wurden zahlreiche Stützpunkte getroffen. Besonders ins Gewicht fallen die schweren Schäden an Infrastruktur, der Satellitenkommunikation und an Radaranlagen. Die Folgen sind operativ spürbar: Tank- und Aufklärungsflugzeuge werden verlagert, und europäische Basen rücken als Alternativen in den Fokus, während regionale Kapazitäten ausgedünnt werden. Die US-Basen in der Golfregion sind als verlässliche Operationsplattformen weitgehend ausgefallen – mit erheblichen logistischen Konsequenzen für die US-Streitkräfte.

Der dritte strategische Hebel verwandelt den regionalen Konflikt in einen globalen Wirtschaftsfallout: Durch die Straße von Hormus fließen rund 20 Prozent des weltweiten Öl- und Flüssiggashandels. Allein die Drohung, Schiffe anzugreifen oder den Seeweg zu verminen, genügt, die Meerenge faktisch dichtzumachen – mit noch unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft. Die US-Marine wird die sichere Durchfahrt nicht gewährleisten können. De facto kontrolliert der Iran die Straße von Hormus.

Viertens wird Israel als Kriegspartei tagtäglich mit Drohnen und Raketen angegriffen. Das Land ist ein Kriegsgebiet – jedoch nicht die Priorität des iranischen Militärs. Die Angriffsverteilung zeigt: Die Vereinigten Arabischen Emirate tragen mit 51,5 Prozent (2.001 Angriffe) die Hauptlast, gefolgt von Kuwait (18,9 Prozent), Saudi-Arabien (12,5 Prozent), Bahrain (9,3 Prozent) und Katar (7,3 Prozent). Israel wurde mit etwa 830 Angriffen deutlich seltener getroffen als allein die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Logik: Israel ist vorerst ein nachrangiges Ziel – der Iran trifft das System, das den Gegner trägt, nicht ihn selbst.

Nichts zu bombardieren

Auch Iran selbst ist zum Kriegsgebiet geworden. Die offiziellen US-Verlautbarungen behaupten weitreichende Zerstörung der militärischen Kapazitäten. Die verfügbaren Daten zeichnen ein anderes Bild: Visuell bestätigt ist bislang nur ein vergleichsweise begrenzter Anteil zerstörter Raketenwerfer, Luftabwehrsysteme und Radaranlagen.

Die Raketenbestände und militärische Ausrüstung des Iran lagern in den gut geschützten, unterirdischen UHPC-Silos. UPHC steht für »Ultrahochleistungsbeton« mit Druckfestigkeitswerten von mehr als 40.000 PSI – etwa achtmal mehr als herkömmlicher Beton. Die bekannten US-Bomben sind dagegen weitestgehend machtlos. Was die Luftangriffe tatsächlich treffen, sind vor allem Zugänge, Zufahrtsstraßen und oberirdische Hilfsgebäude. Nicht nur militärische Anlagen oder die vielzitierten Raketenstädte sind unter die Erde verlegt worden – auch ganze Drohnen- und Raketenproduktionskomplexe wurden über Jahre hinweg strategisch abgehärtet.

Beton oder Abfangraketen zum Schutz vor den Bomben des Gegners – das ist eine strategische Frage: Ein tiefer Tunnel kostet nur einen Bruchteil einer »Patriot«-Batterie, hält aber Jahrzehnte. Ähnliches gilt auch für die Rüstungsproduktion: Die Herstellung iranischer Feststoffraketen etwa erfolgt in unterirdischen Betonschächten, in denen die Treibstoffmischung gegossen und über mehrere Tage ausgehärtet wird. Analysen von Satellitenbildern gehen von insgesamt etwa 44 bis 56 solcher Schächte an den Standorten Schahrud, Khodschir und Partschin aus. Da das Produkt etwa sechs bis zehn Tage zum Aushärten benötigt, ergibt sich daraus eine theoretische Produktionskapazität von bis zu rund 200 Feststoffraketen jeden Monat.

Die Bauweise dieser unterirdischen Schächte erhöht ihre Überlebensfähigkeit: Die Produktion ist abgeschottet, verteilt und deutlich schwerer zu zerstören als zentrale Fabrikhallen. Luftangriffe treffen einzelne Anlagen, doch solange die Mehrheit intakt bleibt, kann die Produktion schnell wieder anlaufen. Verwundbar sind vor allem Engstellen der Produktionskette – etwa bei der Treibstoffanmischung, Steuertechnik und Bauteilfertigung.

Das Arsenal

Wie groß das iranische Raketenarsenal tatsächlich ist, bleibt eine der umstrittensten Fragen dieses Krieges. Die Schätzungen reichen von 2.500 bis 6.000 Geschossen. Legt man jedoch die belegte Produktionskapazität zugrunde und rechnet (konservativ) mit 50 Raketen pro Monat über mehr als 20 Jahre, ergibt sich bereits ein fünfstelliger Bestand. Wie die Lage bei eher realistischen 100 Raketen pro Monat aussieht, erklärt sich von selbst. Zusätzlich zu seinem Raketenprogramm verfügt der Iran über eine geschätzte Produktionskapazität von rund 10.000 Drohnen pro Monat.

Jeder Abschuss einer billigen Drohne oder Rakete mit den wesentlich teureren westlichen Abfangmitteln ist darum bereits ein strategischer Gewinn für den Iran – ein etwaiger Einschlag kommt als Bonus hinzu. Es ergibt sich ein fundamentaler Widerspruch, man könnte auch von einem »Plattform-Mismatch« sprechen: Die USA sind zwar technologisch nicht unterlegen – verfügen in diesem Konflikt aber möglicherweise über die falschen Werkzeuge.

Iran hat seinen Gegner über Jahrzehnte hinweg sorgfältig studiert und sich gezielt auf einen solchen Konflikt vorbereitet. Die zentralen Lehren zog Teheran aus den US-geführten Kriegen im Golf und entwickelte eine Strategie, die auf Anpassung, Dezentralisierung und asymmetrische Wirkung ausgelegt ist – und die Magazintiefe der USA innerhalb weniger Tage schwinden lässt. Die neue iranische Luftabwehrdoktrin – »Shoot and scoot«, autonome Abschussvorrichtungen, Navigation mit chinesischen Satellitendaten, der Einsatz von Drohnen als fliegende Radare – ist die konsequente Weiterentwicklung dieser Logik.

Iran muss nur überleben

Asymmetrische Kriege werden nicht in erster Linie durch die Fähigkeit entschieden, dem Gegner Niederlagen zuzufügen – sondern durch die Fähigkeit, auszuhalten. Der Iran müsste keine einzige US-Basis zerstören, keine einzige Drohne abschießen, keinen einzigen Golfstaat in eine Kriegszone verwandeln. Er muss nur eine hohe Absorptionsfähigkeit zeigen. Nach der gescheiterten Luftkampagne stehen den USA und Israel jetzt nur wenige Möglichkeiten offen. Eine davon wären Bodentruppen.

Die Frage ist, was eigentlich der Plan Israels und der USA war, als sie den Krieg gegen den Iran eröffneten. Denn gewonnen werden kann er nicht. Nicht durch Marschflugkörper und erst recht nicht durch Bodentruppen.

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