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Aus: Ausgabe vom 14.04.2026, Seite 9 / Schwerpunkt
Krieg gegen Libanon

Der schwarze Mittwoch

Libanon: Die israelischen Angriffe vom 8. Aptil zielten auf bereits vertriebene Menschen, deren Schutzräume zerstört wurden
Von Malika Salha
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Nach den israelischen Bombardierungen bleiben den Libanesen Trauer, Wut und Verzweiflung (Sidon, 11.4.2026)

Es ist ein schwarzer Tag in der Geschichte des Libanon. Und ein schwarzer Tag in der Geschichte der sogenannten Weltgemeinschaft. Nach Gaza schaut die Welt auch dort tatenlos zu. Sie schaut zu, wie ein ganzes Land in wenigen Minuten in einen erneuten Zustand der Paralyse gestürzt wird. Sie schaut zu, wie aus Straßen, in denen eben noch Menschen unterwegs waren, Trümmerfelder werden. Sie schaut zu, wie Körper verbrannt, Familien ausgelöscht, Häuser dem Erdboden gleichgemacht werden.

Mittwoch, der 8. April, wird als schwarzer Mittwoch in die Geschichte des Libanon eingehen. Als der Tag, an dem Israel innerhalb von zehn Minuten mehr als 100 Ziele im Libanon bombardierte. Das israelische Militär nannte den Angriff »Operation Eternal Darkness« – ewige Dunkelheit.

Ohne jegliche Warnung

Das in den USA ansässige Lemkin Institute for Genocide Prevention spricht von circa 100 nahezu gleichzeitigen Angriffen auf mindestens 60 Ziele, darunter dicht besiedelte Viertel in Beirut; der UN-Menschenrechtskommissar verurteilte die Angriffe wegen zahlreicher ziviler Opfer, die die Krankenhäuser überlasteten.

Beirut hatte gerade erst wieder Luft geholt. Nach dem Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran schien für einen Moment etwas zurückzukehren, das in Kriegszeiten fast unwirklich wirkt: Alltag. Menschen gingen wieder auf die Straßen, Schulen öffneten, Cafés füllten sich. Seit Beginn der neuen Eskalation Anfang März sind im Libanon bis zu jenem Mittwoch weit mehr als eine Million Menschen vertrieben und mehr als 1.500 Menschen getötet worden.

Inmitten des scheinbaren Aufatmens der Stadt surrt es plötzlich ohrenbetäubend. Ein metallisches Geräusch, das die Luft zu schneiden scheint. Sekunden, erst fern, dann direkt über den Häusern. Streifen am Himmel. Dann schlagen die Bomben ein. Noch kilometerweit entfernt bebt der Boden. Fensterscheiben und Türen springen auf. Zuerst ist die Zerstörung zu hören und im ganzen Körper als Beben zu spüren. Dann riecht man es.

Der Geruch ist schärfer als sonst. Er brennt in der Nase. In den vertrauten Geruch des Krieges nach Staub und Asche mischt sich ein anderer: der von verbranntem Fleisch.

Getroffen wurden Barbur in Beirut, die Bekaaebene und der Südlibanon. Barbur ist ein von verschiedenen Bevölkerungsgruppen bewohntes Viertel in Beirut und ein Ort, der als sicher galt. Einer dieser Orte, zu denen Menschen kommen, wenn sie aus anderen Teilen des Landes fliehen. Genau dort fiel das Bombardement besonders heftig aus. Der Guardian schreibt über Omar Rakha, der das Massaker überlebte und blutend auf der Straße zu sich kam, nachdem sein Nachbarhaus von zwei Bombentreffern zerstört worden war: Rakha raffte sich schreiend auf, als er verstanden hatte, was passiert ist. Er suchte verzweifelt in den Trümmern nach seiner Schwester.

Verheerende Bilanz

Seit der Ausweitung des Iran-Kriegs der USA und Israels auf den Libanon am 2. März seien 2.020 Menschen getötet worden, teilte das libanesische Gesundheitsministerium am Sonnabend mit. Darunter seien 248 Frauen, 165 Kinder und 85 Mitarbeiter von Gesundheits- oder Rettungsdiensten, erklärte das Ministerium. Zudem seien 6.436 Menschen verletzt worden. Allein am Mittwoch wurden nach Angaben der Behörde mehr als 350 Menschen getötet. Es sind Menschen, von denen viele bereits aus anderen bombardierten Gebieten geflohen waren, in dem Glauben, einen sicheren Ort gefunden zu haben. Unter den Getöteten waren Ärzte, Journalisten, Lehrerinnen, Pfleger und Krankenschwestern, eine bekannte Schriftstellerin sowie Schüler und Kindergartenkinder.

Einige kamen aus dem Süden, aus Dahija, aus palästinensischen Flüchtlingscamps in der Nähe, aus jenen Gegenden, die zu den am stärksten attackierten des Landes zählen. Das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge (UNRWA) berichtete schon im März, dass die Bewohner aus Burdsch Al-Baradschna und Schatila ihre Lager verließen, weil sie in oder nahe dem schwer bombardierten Dahija lagen. Damit steht nicht nur einfach Zerstörung im Zentrum dieses Krieges – vielmehr werden Fluchträume wiederholt attackiert. Menschen werden nicht nur vertrieben. Sie werden dort wieder und wieder angegriffen, wohin sie geflohen sind.

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Nicht Gaza, sondern die Hafenstadt Tyre: Das israelische Bombardement hat eine Trümmerlandschaft hinterlassen (8.4.2026)

Ziele sind unter anderem Gebiete im Libanon, in denen Palästinenser leben. Knapp 488.000 Palästinenser sind beim UNRWA registiert, sie und ihre Nachfahren beanspruchen ein Rückkehrrecht. Im Libanon leben sie genau in jenen Regionen, die in diesem Krieg besonders stark bombardiert werden – von der Bekaaebene über die Grenzgebiete um Bint Dschbeil, Khiam und Kfar Kila bis nach Nabatija, Dahija sowie die Küste in Tyre. Und nun werden auch jene Orte, zu denen diese Menschen geflohen waren, attackiert.

Auch die teilweise bis heute bei der UNRWA registrierten Familien aus den historischen »sieben Dörfern« – 1948 von zionistischen Milizen entvölkerten und später annektierten schiitischen Siedlungen im Grenzgebiet zwischen Libanon und Israel – leben in Gebieten, die das israelische Militär als Ziel betrachtet. Die mehr als 300 Menschen, die innerhalb weniger Minuten getötet wurden, starben also in Regionen, in denen auch Menschen mit Rückkehrrecht lebten bzw. leben oder Zuflucht gesucht hatten. Orte, in die sie geflohen sind, werden selbst zum Ziel. Die Gewalt trifft nicht militärische Strukturen.

Der Chirurg Ghassan Abu Sittah berichtete nach den Angriffen von Mittwoch von Kindern, die allein aus den Trümmern gezogen wurden, ohne Eltern, ohne Begleitung, ohne dass jemand sagen konnte, wer sie sind. Das jüngste Kind sei elf Monate alt gewesen. Ein Nothelfer gab an, dass man keine Überlebenden mehr finde, sondern nur noch Teile von Menschen. Vor dem Hariri-Krankenhaus im Süden von Beirut sagte eine Journalistin, es würden nun DNA-Tests durchgeführt, weil das Auge nicht mehr ausreiche, um die Toten zu identifizieren.

Elemente des Genozids

»Innerlich sind wir alle tot«, sagte Safia gegenüber junge Welt, eine Frau, die Anfang März aus dem Südlibanon fliehen musste. In ihrem Gesicht liegt mehr als Trauer. Solche Aggressionen sind auch Angriffe auf die Psyche der Menschen, auf das Vertrauen in eine Flucht in Richtung Sicherheit. Ständig kreisen die Gedanken ja darum, welche Orte wohl als nächstes bombardiert werden, um die Situation unter Kontrolle zu halten. Dann wird das Gefühl von Kontrolle gebrochen. Die Bomben brachten Hunderten Menschen den Tod und führten zur Ohnmacht einer gesamten Nation.

Wenn man von Genozidalität spricht, dann sollte man das nicht erst nach einem gefällten Gerichtsurteil tun, sondern als Beschreibung einer politischen und militärischen Situation. Das Lemkin Institute benutzt seine Red Flag Alerts genau in diesem präventiven Sinn: als Warnung, wenn mehrere klassische Risikofaktoren für genozidale Gewalt zusammenkommen. Für den Libanon gelte der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation zufolge nach den israelischen »Eternal Darkness«-Angriffen die höchste Warnstufe. Das Institut verweist dabei auf die hohe Zahl synchroner Angriffe auf dichtbesiedelte zivile Räume, auf die hohe Zahl von Toten und Verletzten, darunter Frauen und Kinder, sowie auf die Tatsache, dass viele dieser Schläge ohne Vorwarnung erfolgt seien.

Doch die Einstufung stützt sich nicht nur auf die materielle Gewalt, sondern auch auf die politische Sprache, die diese Gewalt vorbereitet und legitimieren soll. Das Lemkin Institute reagierte bereits im März alarmiert auf die Drohung des israelischen Finanzministers Bezalel Smotrich, Beiruts südliche Vororte würden bald »Khan Junis ähneln« – also einer im Gazakrieg von der israelischen Armee dem Erdboden gleichgemachten Stadt. Der extrem rechte Politiker hat zudem gefordert, dass der rund 30 Kilometer im libanesischen Landesinneren gelegene Fluss Litani die »neue israelische Grenze« werden müsse. Verteidigungsminister Israel Katz ging noch weiter. Die Agentur Reuters zitierte ihn Ende März mit der Ankündigung, dass mehr als 600.000 Vertriebene entlang des Litani nicht zurückkehren dürften, bis Israels Norden »sicher« sei. Grenzdörfer sollen zerstört werden »wie in Rafah und Beit Hanun in Gaza«. Das ist nicht mehr bloß Kriegsrhetorik. Es ist die Sprache dauerhafter Vertreibung, territorialer Neuordnung und Rückkehrverweigerung für bereits vertriebene Menschen.

Genau deshalb ist der Begriff »genozidal« in diesem Kontext wichtig. Er bezeichnet eine Konvergenz. Die massenhafte Tötung von Zivilisten, Angriffe auf dichtbesiedelte Flucht- und Wohnräume, die Beschädigung und Vernichtung ziviler Infrastrukturen, die offene Ankündigung dauerhafter Vertreibung und eine politische Sprache kommen zusammen, die Gaza zum Modell für den Libanon erklärt.

Der Mittwoch vergangener Woche wird deshalb nicht nur als besonders verheerender Angriff in Erinnerung bleiben. Nicht nur Häuser wurden und werden zerstört, sondern Schutzräume. Es werden nicht nur Menschen getötet, sondern Wege der Flucht selbst in Todeszonen verwandelt, Muster, die wir aus Gaza kennen. Die »ewige Dunkelheit« liegt im Prinzip der Tötungen, in mit Glyphosat und weißem Phosphor vergifteten und zerstörten Grenzdörfern, in die eine Rückkehr unmöglich ist, in palästinensischen Camps und Orten, in die Binnengeflüchtete geflohen waren: Die israelische Aggression tötet Menschen, deren bloße Existenz den ethnozentrisch-nationalistischen Vorstellungen des Staates Israel durch ihr Leben in Grenznähe oder ihr Beharren auf dem Rückkehrrecht entgegensteht.

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