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Nahostkonflikt

Die Stunde der Kollaborateure

Libanon: Angriffe trotz angeblicher Feuerpause. Israel will seine militärischen Ziele auch auf diplomatischem Wege erreichen

Foto: Shir Torem/REUTERS
Explosionen im Südlibanon am Montag

Der Kampf gegen die Hisbollah ist für Israel keineswegs beendet. »Die Arbeit ist noch nicht abgeschlossen«, verkündete Machthaber Benjamin Netanjahu am Montag auf einer Militärkonferenz. Trotz formell geltender Feuerpause zwischen Beirut und Tel Aviv und während über einen dauerhaften Waffenstillstand im Libanon verhandelt wird, wurden am Wochenende im Südlibanon mehrere Dörfer durch israelische Angriffe nahezu vollständig zerstört. Bint Dschbeil, Hula, Khiam, Kfar Kila und Sautar Al-Scharkija wurden heftig getroffen. In Sautar Al-Scharkija wurden eine Moschee, die dort seit 1850 steht, sowie der Dorfplatz, kommunale Gebäude und der Friedhof angegriffen. Der Ortskern von Bint Dschbeil ist vollständig zerstört.

Das libanesische Gesundheitsministerium meldete am Sonntag 14 Tote, darunter zwei Kinder und zwei Frauen – die meisten Todesopfer an einem Tag seit Inkrafttreten der aktuellen Waffenruhe am 17. April. Zudem seien 37 Menschen verletzt worden. Am Montag abend teilte Israels Militär mit, dass es 20 vermeintliche Anlagen der Hisbollah bombardiere. Ins Visier genommen würden auch Ziele in der Bekaaebene im Osten des Landes, in der Israel seit Beginn der Waffenruhe nicht angegriffen hat. Libanon informierte daraufhin über vier Todesopfer und 51 Verletzte. Die Gesamtzahl der von Israel getöteten Menschen im Land seit Mitte April steigt nach Angaben von AFP damit auf mindestens 40. Unterdessen seien am Montag zwei israelische Soldaten bei einem Drohnenangriff verletzt worden, wie das Militär erklärte.

Den Waffenstillstand vom November 2024 hat Israel nach Angaben von UNIFIL bis Februar mehr als fünfzehntausendmal gebrochen. In diese Situation fällt die Präsidentschaft Joseph Aouns. Der frühere Armeechef galt schon vor seiner Wahl als Kandidat, der dem sogenannten Westen nahestand. Kurz vor seiner Wahl tauchten in Israel Plakate auf, auf denen Aoun neben Benjamin Netanjahu, Donald Trump und mehreren arabischen Staatschefs zu sehen war. Darüber stand: »The Abraham Alliance«. Als Abraham-Abkommen bezeichnet man von der ersten Trump-Regierung initiierte Verträge, die eine Annäherung Israels und einiger arabischer Staaten erwirken sollen. Libanon ist kein Unterzeichner. Was zunächst wie eine Provokation wirkte, liest sich aber inzwischen wie ein geplantes politisches Programm.

Nach fast zwei Jahren Krieg im ­Libanon, nach Drohungen israelischer Politiker, den Libanon »wie Gaza« aussehen zu lassen, und nach der Besetzung von Teilen des Südens sind Gespräche mit Israel kaum als Diplomatie zur Sicherung des Friedens, sondern eher wie die Akzeptanz einer Neuordnung zu verstehen. Der Südlibanon ist für Israel seit Jahrzehnten strategisch wichtig. Das Gebiet bis zum Fluss Litani war bereits während der britisch-französischen Kolonialzeit in der Region umkämpft. Auch heute geht es um Grenzfragen, militärische und politische Kontrolle.

Dass die israelische Armee trotz deutlicher Überlegenheit die Hisbollah nicht aus dem Süden verdrängen konnte, hat mehrere Gründe. Militärisch vor allem folgende: Überzeugung und Ortskenntnis. Viele Kämpfer der Hisbollah stammen aus dem Süden. Sie kennen die Dörfer, Wege, Täler, Berge, Olivenhaine und Flussläufe. Für sie ist der Südlibanon kein abstraktes Operationsgebiet, sondern Lebensumfeld, Herkunft und soziale Struktur. Genau diesen Vorteil versucht Israel seit Jahren zu schwächen. Dazu gehört laut UNO und Human Rights Watch auch der Einsatz von weißem Phosphor, der schwere Verbrennungen verursacht, Brände auslöst und Böden sowie Wasser belastet. Vor allem verdeckt er mit seinem Rauch Sichtlinien und erschwert Bewegungen am Boden. Unter Einsatz von hochkonzentrierten Herbiziden wie Glyphosat zerstört die israelische Armee die lokale Vegetation und landwirtschaftliche Flächen. Damit wird die eigene Sicht verbessert. Zugleich werden der Gegenseite solche Vorteile genommen, die aus Ortskenntnis und Gelände entstehen.

Die Zerstörung von Feldern, Baumbestand und Wohnraum trifft also auch die militärische Struktur der Hisbollah und verändert die Bedingungen für die Rückkehr der südlibanesischen Bevölkerung. Der Einsatz solcher Mittel gilt als Kriegsverbrechen, weil die Folgen für Vegetation, Böden und Wasser langfristig schwer einschätzbar sind und die gesundheitlichen Risiken für Menschen erheblich sein können.

Trotz dieses Vorgehens ist es Israel bisher nicht gelungen, den Südlibanon vollständig unter Kontrolle zu bringen oder die Hisbollah entscheidend zu schwächen. Gerade darin liegt der politische Kern der aktuellen Verhandlungen. Was militärisch trotz unverhältnismäßiger Überlegenheit nicht durchgesetzt werden konnte, soll nun auf diplomatischem Weg erreicht werden: durch Druck auf die libanesische Regierung, durch internationale Vermittlung und durch die Einbindung des Landes in eine geplante regionale Übermacht mit einem immer größer werdenden israelischen Gebiet. Die Entwaffnung des Widerstands der Hisbollah soll damit aus dem Kontext einer gescheiterten israelischen Militäroperation gelöst und zur Aufgabe des libanesischen Staates gemacht werden.

junge Welt

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Erschienen in der Ausgabe vom 29.04.2026, Seite 7, Ausland

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