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Spanien

Raue Arbeiterstadt im warmen Wüstenklima

Die andalusische Stadt Almería war eine Hochburg der Republikaner während des Spanischen Krieges vor 90 Jahren. Heute gilt die Region als »Gewächshaus Europas«. Hier schuften viele Migranten ohne Papiere zu Elendslöhnen.

Foto: Anadolu Agency/IMAGO
Landschaft aus Plastikplanen: Aus den Treibhäusern stammt ein Großteil des Obstes und Gemüses in deutschen Supermärkten (Almería, 5.2.2024)

Je näher man Almería kommt, um so mehr ist die Landschaft von Gewächshäusern geprägt. Beim Blick aus dem Autofenster wirken die Gewächshäuser in der bergigen Landschaft wie Spiegel, Segel oder glatte weiße Tücher. Doch von nahem wird deutlich, dass sie aus meist minderwertigem Plaste bestehen und oftmals kurzlebig in staubige Umgebungen gebaut wurden oder diese erst erzeugen. Die Provinz Almería im Süden Spaniens mit ihren Treibhäusern auf rund 32.000 Hektar Fläche wird als das »Gewächshaus Europas« bezeichnet. Die Menschen in Andalusien nennen sie »mar de plástico«, das »Plastikmeer«. Die Stadt Almería hat laut spanischem Statistikinstitut 205.468 Einwohner, die Provinz 773.577. Hier stammt ein Großteil des Gemüses und Obstes in deutschen Supermärkten her. In der Landwirtschaft arbeiten rund 100.000 Menschen.

In Almería führt die Rambla – der zentrale Boulevard zum Meer – von der Autobahnausfahrt im Gebirge drei Kilometer weit über das Stadtzentrum bis zum Stadtstrand und Hafen. Neben jeweils zwei Autospuren stadtein- und auswärts hat sie einen 20 bis 50 Meter breiten Mittelstreifen für Fußgänger, auf dem sich Spielplätze, Fitnessgeräte, Erholungsabschnitte, Bänke, Springbrunnen, Kunstwerke und ein modernes, kleines Amphitheater für Veranstaltungen befinden. Je nach Tageszeit wird die Rambla von Kindern, Jugendlichen, Rentnern, Sportlern oder den Feierabend Genießenden und auch für Veranstaltungen genutzt. In einem Café nahe der Rambla treffe ich die 29jährige Supermarktverkäuferin Martha. Sie fühlt sich sowohl den Anarchisten als auch den Kommunisten verbunden und meint, die Linke müsse gemeinsam handeln, um etwas bewirken zu können.

Martha erzählt von der Geschichte Almerías, das im Jahr 955 von den Mauren gegründet wurde. Kurz prägte wirtschaftlicher Aufschwung die Stadt, die im 11. und 12. Jahrhundert zu einer regelrechten Weltstadt anwuchs, mit einem florierenden Hafen, durch den Seide, Öl und Rosinen gehandelt wurden. Nach der Eroberung durch die Christen im Jahr 1147 wechselte die Herrschaft über Almería im Mittelalter mehrfach. Eroberungen der Barbaresken-Piraten, »ethnische Säuberungen« gegen die Morisken – zum Christentum konvertierte Muslime – und mehrere Naturkatastrophen trugen zum zunehmenden Verfall bei. Erst mit Beginn des Blei- und Eisenerzbergbaus in der Sierra Nevada und dem Hinterland Almerías im 19. Jahrhundert begann die Stadt erneut zu wachsen. Aus dieser Zeit stammt auch die Cabla Inglés – eine beeindruckende Eisenbahnbrücke am Hafen im Stil des Eifelturms, auf der die Erze zu den Schiffen gebracht wurden. Gebaut von 1902 bis 1904 von der schottischen Alquife Mines and Railway Company, ist sie heute ein begehbares industriehistorisches Denkmal. Ein Großteil des Erzabbaus wurde Ende der 1970er Jahre eingestellt. Eines der größten Unternehmen der Region, eine Munitionsfabrik, hat in Granada, rund 200 Kilometer von Almería entfernt, ihren Sitz. Dort wurde seit dem Jahr 1324 Munition in der Fábrica de Municiones Granada hergestellt. Seit 2020 gehört diese der CSG aus Tschechien, die unter anderem Dynamit Nobel Defence aufkaufte und 2023 einen Jahresumsatz von 1,2 Milliarden Euro machte. Heute werden dort Munition für den »Leopard 2«-Panzer und Präzisionskomponenten für moderne Waffensysteme wie Luft-Luft-Raketen hergestellt.

Heute merkt man Almería im Vergleich zum touristisch geprägten und stark gentrifizierten Málaga an, dass hier überwiegend Arbeiterinnen und Arbeiter leben. Ein Großteil der Infrastruktur der Stadt, bis auf einen kleinen Teil im historischen Zentrum, ist auch auf sie ausgerichtet. So kostet ein Getränk mit jeweils einem Tapa rund 2,50 Euro. Ich genieße es, dass die in deutschen Städten allgegenwärtige neoliberale Dominanz in fast allen Aspekten, sowohl architektonisch als auch zwischenmenschlich, fehlt. Respektvolles Miteinander ohne Ellenbogenmentalität prägt bis auf einen kleinen gentrifizierten Teil der Innenstadt den Umgang. Ein Apotheker bestätigt meinen Eindruck. »Ja, hier ist das Leben ursprünglicher und ruhiger. Mein Bruder in Málaga klagt, dass Touristen und Passagiere von Kreuzfahrtschiffen zu Tausenden die Stadt überfallen und Reiche aus allen Ländern Immobilien aufkaufen.« Auch Almería erhält mittlerweile Gelder aus der EU. Am Stadtrand in Nueva Almería und im Vorort Retamar sieht man die Auswirkungen: Gated Communities für Touristen und Wohlhabende sowie Mietsonnenschirme statt freiem Zugang zum Strand.

Auf einer Kundgebung des Bündnisses Por Andalucía, die eine Woche vor den Andalusischen Landtagswahlen vom 17. Mai in dem kleinen Amphitheater auf der Rambla stattfindet, lerne ich Genossen der Izquierda Unida (IU) kennen. Wir treffen uns einige Tage später in einem Café am Stadtstrand, direkt neben dem Büro der IU für ein Hintergrundgespräch. Por Andalucía – eine Linke für Andalusien – ist ein Zusammenschluss der linken Parteien Izquierda Unida, Sumar, Podemos, Iniciativa del Pueblo Andaluz, Alternativa Republicana, Alianza Verde und Verdes Equo. Die Izquierda Unida ist die Vereinte Linke, die sich unter maßgeblichem Einfluss der Kommunisten des PCE 1986 als Wahlbündnis gründete, um den NATO-Beitritt Spaniens zu verhindern.

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Im Café spreche ich mit Maria Jesús Amate Ruiz, der Kandidatin von Por Andalucía für die Provinz Almería, und dem Dolmetscher Juan. Maria ist 43 und Stadträtin im Vorort Huércal de Almería. Sie erklärt, dass die Partei die Rückverstaatlichung der öffentlichen Dienstleistungen durchsetzen will. Die Privatisierungen der konservativen Volkspartei (PP) hatten katastrophale Auswirkungen im Gesundheitswesen sowie in der Bildung. Der Zugang der Arbeiterklasse wurde immer mehr begrenzt. In zehn zentralen Branchen sind zudem die Tarifverträge meist schon seit Jahren ausgelaufen. Maria berichtet von Demonstrationen der Beschäftigten in der Obst- und Gemüseverarbeitung. Aufgrund der feudal anmutenden Strukturen sei es in Almería aber besonders schwer, Menschen zu organisieren. Der Durchschnittslohn der Arbeiter liegt hier bei rund 1.000 Euro, das sind 220 Euro unter dem Mindestlohn. Juan erzählt, dass viele Menschen unter 40 Jahren bei ihren Eltern leben müssen, um zu überleben.

»Almería war während der Zweiten Spanischen Republik von 1931 bis 1939 eine der wichtigsten Hochburgen der Revolutionäre der Republik«, erklärt Juan. »Nach dem Militärputsch der Faschisten unter General Franco im Juli 1936 blieb Almería bis zum Kriegsende in der Hand der Republikaner«, ergänzt Maria. Als Málaga im Februar 1937 von Francos Truppen und italienischen Faschisten eingenommen wurde, flohen Hunderttausende Menschen die Küste entlang nach Almería. Die flüchtenden Zivilisten wurden von Kriegsschiffen und Flugzeugen der deutschen »Legion Condor« beschossen, Zurückbleibende von Francos nachrückenden Truppen ermordet. Almería wurde zum Anlaufpunkt der Überlebenden dieser Massaker. Der schlimmste von mehr als 50 Angriffen der Faschisten auf die Stadt fand am 31. Mai 1937 statt. Erneut war es das deutsche Panzerschiff »Admiral Scheer«, mit weiteren Zerstörern, die angriffen. Als letzte Widerstandsstadt unter republikanischer Kontrolle wurde Almería am 31. März 1939 von den Faschisten besetzt. Die Besetzung war geprägt von blutiger Repression bis hin zur Hinrichtung des Bürgermeisters und Gouverneurs.

»Die Geschichte der Republik und die Aufarbeitung der Franco-Diktatur spielen in der Bildung kaum eine Rolle«, beklagten Maria und Juan. Lediglich der Verein Desbandá, benannt nach dem Massaker, biete an Schulen und Universitäten so etwas wie Aufarbeitung an. »Der Einfluss der Kirche und die noch immer feudal geprägte Struktur der Gesellschaft sind stark. In Andalusien gab es besonders schwere Repression durch die Faschisten. Auch die Mentalität der Großgrundbesitzergesellschaft trage zum «Vergessen und Verdrängen» bei, so Maria.

Am nächsten Tag treffe ich in einer Barackensiedlung nahe Almería Jean (Name geändert) aus Gambia, einen der rund 30.000 Migranten ohne Papiere, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind. Er beschreibt die Arbeitsbedingungen im «mare de plastico». Die Migranten arbeiten sechs Tage die Woche, rund 50 Stunden, in der Ernte. Der Lohn reicht kaum zum Lebensunterhalt und meist nicht dazu, das von ihren Familien in Afrika erwartete Geld zu schicken. Migranten ohne Aufenthalt, wie Jean, erhalten ihren Stundenlohn von ohnehin nur drei bis sechs Euro oft nicht oder nicht vollständig. Dazu kommen unbezahlte Überstunden, extreme Hitze bis zu 50 Grad Celsius in den Gewächshäusern und mangelnder Schutz beim Umgang mit Pestiziden. Jean erzählt, dass die Betriebe nur eine Papiermaske, aber keine Schutzkleidung zur Verfügung stellen, wenn die Pflanzenschutzmittel gesprüht werden, durch die sie dann oft barfuß waten. «Die schlimmen Auswirkungen auf die Gesundheit spürt man erst abends oder nach einigen Tagen so richtig», erzählt Jean. Im Sommer 2025 starb ein Arbeiter an einem Hitzschlag durch die an sich verbotene Arbeit zur Mittagszeit. Wer sich verletzt, wird meist nicht behandelt oder gleich entlassen. Wer sich organisiert auch. Die Lebensbedingungen der Migranten, die häufig in Baracken leben, sind hart. Eine stabile Versorgung mit Sanitäranlagen, Elektrizität und sauberem Trinkwasser ist eher selten. «Viele von uns halten sich neben der Arbeit mit Fitnesstraining fit», sagt Jean.

Die Gewerkschaft Sindicato Obrero del Campo – Sindicato Andaluz de Trabajadores (SOC-SAT) macht regelmäßig Fälle von Landwirten öffentlich, die Arbeiter erpressen. Ein Beispiel: Migranten aus Nordafrika sollten mehrere tausend Euro zahlen und sechs Monate ohne Lohn arbeiten, um einen Arbeitsvertrag zu bekommen, mit dem sie eine Aufenthaltserlaubnis beantragen könnten. SOC-SAT und Por Andalucia weisen darauf hin, dass vor allem der Preisdruck großer Handelsketten wie Aldi, Lidl und Carrefour die Ursache für die menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen ist.

Mit intensiven Erinnerungen verlasse ich Almería und das «mare del plastico». Ich fahre in Richtung Granada, vorbei an der Wüste «Desierto de Tabernas», wo seit den 1950er Jahren Western – etwa Sergio Leones Klassiker «Spiel mir das Lied vom Tod» – gedreht werden. Ein wenig habe ich mich in diese raue Stadt der Arbeiterklasse, mit dem europaweit einzigen ariden Wüstenklima, verliebt. In Almería sind noch nie Temperaturen unter dem Gefrierpunkt gemessen worden. Irgendwie wirkt sich diese Wärme, trotz Staubs und schlechter Arbeitsbedingungen, wohl auch positiv auf Menschen aus, die dort leben.

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Erschienen in der Ausgabe vom 23.05.2026, Seite 9, Schwerpunkt

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