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Aus: Ausgabe vom 13.02.2026, Seite 10 / Feuilleton
Oper

Kunstvolles Chaos

Donald Runnicles dirigiert Arnold Schönbergs »Gurrelieder« mit dem Orchester der Deutschen Oper Berlin.
Von Von Kai Köhler
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Der Abend ist gelaufen!

Die Geschichte ist denkbar einfach und stammt aus der dänischen Sagenwelt. König Waldemar liebt Tove, die Königin lässt die Konkurrentin töten, Waldemar verflucht Gott. Zur Strafe muss er mit seinen Mannen immer wieder zu mitternächtlicher Stunde dem Grab entsteigen und als »wilde Jagd« durch die Gegend toben.

Beim dänischen Dichter Jens Peter Jacobsen und in der Vertonung durch Arnold Schönberg ist daraus ein komplexes Nachtstück geworden. Eine Orchestereinleitung schildert die Abenddämmerung, die Liebenden treffen sich dann auf Schloss Gurre. Eine Waldtaube berichtet vom Mord und schildert die nächtliche Szenerie, wie Waldemar den Sarg trägt. Der Ausritt der Toten ist selbstverständlich ein Nachtspuk; er verflüchtigt sich in der »wilden Jagd« des Sommerwindes, der die Tierwelt durcheinander scheucht. Am Ende steht ein Hymnus auf die aufgehende Sonne. Natur rahmt und spiegelt nicht allein die Menschenwelt, sondern auch das Religiöse: Gott mitsamt des Strafspektakels, das er allenfalls veranstalten kann, ist auch nur ein Bestandteil des großen Kreislaufs.

Schönberg wollte zunächst mit den Wechselgesängen Waldemars und Toves einen Liederzyklus komponieren. Der Plan weitete sich zu seinem neben der Oper »Moses und Aron« umfangreichsten Werk aus. Die »Lieder« trägt es immer noch im Titel, und im Wechselgesang zwischen Waldemar und Tove ist im ersten Teil die ursprüngliche Idee aufgehoben. Doch sind alle Teile leitmotivisch verknüpft. Es gibt sinfonische Überleitungen, die eindeutig Programmmusik sind: Toves Tod wird vom Orchester unmissverständlich in Klang gesetzt. Zu Liederzyklus und sinfonischer Dichtung tritt im Schlussteil Opernhaftes: In einer buffohaften Einlage bejammert der Hofnarr, dass auch er zur wilden Jagd verdammt sei, obgleich ihn doch keine Schuld treffe. Doch beschließt er seine Klage mit der Drohung, im Himmel Gerechtigkeit zu fordern – »und dann mag Gott sich selber gnaden«. Am Ende ist der Narr nicht anders als sein König, und seine humoristische Einlage entspricht der pathetischen Rebellion Waldemars. Die »Gurrelieder« sind voll solcher Spiegelungen. Die Vielfalt der musikalischen Gattungen – kurz vor Schluss tritt sogar ein Melodram hinzu – entspricht der Vielschichtigkeit dieser musikalisch hervorgebrachten Welt.

Schönberg begann die Komposition 1900 während seiner spätromantischen Anfänge, aber beendete die Instrumentierung nach einer langen Pause erst ein gutes Jahrzehnt später, als er sich von der herkömmlichen Tonalität bereits gelöst hatte. Man hört dem Werk den Bruch kaum an; allenfalls fällt auf, dass an einigen Stellen des dritten Teils die Instrumente in ungewöhnlicheren Lagen eingesetzt werden. Insgesamt aber ist der Orchesterklang opulent. Neben sechs Solisten und einem sehr großen Chor verlangt Schönberg ein riesiges Ensemble. Allein die Blechbläsergruppe umfasst zehn Hörner, je sieben Trompeten und Posaunen und eine Tuba; entsprechend sind Holzbläser und Streicher besetzt, Pauken und Schlagzeug erfordern weitere acht Musiker.

Dirigent Donald Runnicles machte sich zum Ende seiner langjährigen Tätigkeit an der Deutschen Oper Berlin mit diesem Konzert auch selbst ein Abschiedsgeschenk und kostete die Wirkung des Riesenorchesters voll aus. Die Steigerungen und Höhepunkte gerieten angemessen massiv. Wo indessen Schönberg den Klang zurücknimmt, wo er seine Mittel sparsam einsetzt, war das Ergebnis unter Runnicles nicht immer überzeugend. Manches war schwer durchhörbar. Das betrifft auch die Passagen, in denen der Chor der Deutschen Oper und der Rundfunkchor Berlin gefordert waren. Die nächtliche wilde Jagd ist ein kunstvoll komponiertes Chaos, bei dem das Rasseln eiserner Ketten nicht fehlt; nur ist es eben doch kunstvolle Mehrstimmigkeit, die auch in akustisch schwierigeren Sälen als der Berliner Philharmonie schon klarer zu hören war.

Wie zuweilen als Operndirigent machte es Runnicles den Sängern durch Lautstärke nicht eben leicht. So überzeugten vor allem die kleineren Partien. Thomas Blondelle gelang eine brillante Charakterstudie des Narren, und Annika Schlicht gab als Waldtaube einen ausdrucksstarken Todesbericht. AJ Glueckert hat eine schöne Stimme, doch fehlt es für einen Waldemar an Durchschlagkraft. Über lange Passagen trat er gegenüber dem Orchester in den Hintergrund. Nur ein wenig besser behauptete sich Felicia Moore als Tove.

Auf anderen Plätzen mag die Klangbalance besser gewesen sein; das Konzert ist auf der Website von Radio 3 des RBB nachzuhören.

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