Der schweigende Wald
Von Kai Köhler
Wilhelm Hauffs »Das kalte Herz« hat bis in die Gegenwart Film- und Theaterregisseure wie auch Opernkomponisten angeregt. Auf den ersten Blick scheint der Stoff des zuerst 1827 erschienenen Kunstmärchens weiterhin aktuell. Der Kohlenbrenner Peter Munk leidet unter seiner Armut und der damit verbundenen gesellschaftlichen Zurücksetzung. Er will also reich werden. Das gute Glasmännlein erfüllt ihm zwei seiner Wünsche, doch damit macht Peter nicht sein Glück, denn es geht ihm nur um soziale Geltung. Angesichts seines drohenden finanziellen Ruins liefert er sein Herz dem bösen Holländer-Michel aus, der ihm eines aus Stein einsetzt. Nun ohne jedes Mitleid, kommt Peter endlich zum ersehnten Reichtum. Freilich zerstört er kaltherzig seine Umgebung, und er kann nichts mehr empfinden. Das Glasmännlein – der guten Wünsche sind ja im Märchen immer drei! – verrät ihm den Trick, wie er wieder an sein eigenes Herz kommen kann. Und mit ehrlicher Arbeit bringt es Peter dann doch noch zu einem zwar bescheidenen, doch anständigen Wohlstand.
Ist das eine Kapitalismuskritik? Ja, aber eine bloß moralische. Hauff dürfte in der Frühphase der deutschen Industrialisierung übergenug unternehmerische Kaltherzigkeit kennengelernt haben. Dagegen den bürgerlichen Anstand zu setzen, das Glück durchs Sich-bescheiden, war bereits vor zweihundert Jahren wenig zielführend. Der Komponist Matthias Pintscher, dessen sehr frei nach Hauff konzipierte gleichnamige Oper am Sonntag an der Berliner Staatsoper uraufgeführt wird, hat sich denn auch für die politökonomische Ebene des Stoffs gar nicht erst interessiert. Er berichtet im Gespräch davon, wie nach einem Konzert ein Spaziergang im Schwarzwald – dem Handlungsort von Hauffs Märchen (dessen berühmter erster Satz lautet bekanntlich: »Wer durch Schwaben reist, der sollte nie vergessen, ein wenig in den Schwarzwald hineinzuschauen«) – ihn an die Kindheitslektüre erinnerte, den Klang der Worte zurückrief. Eine Vorlage, die Raum für Musik ermöglichte.
Freilich nur eine Vorlage, der Weg von der Erzählung zum musikalischen Bühnenwerk war lang und – der Gattung Oper entsprechend – von Zusammenwirken auf verschiedenen Ebenen bestimmt. Dies begann vor Jahren mit dem Vorschlag des damaligen Generalmusikdirektors Daniel Barenboim, Pintscher möge doch eine Oper für die Berliner Staatsoper schreiben. Pintscher berichtet auch über die gemeinsame Arbeit mit dem Librettisten Daniel Arkadij Gerzenberg. Von Beginn an stand fest, dass die Handlung bei Hauff zu zeitgebunden war und es darum ging, vom Motiv des kalten Herzens ausgehend einen Text neu zu erfinden. Komponist und Librettist entwarfen über anderthalb Jahre hinweg Figuren, Konstellationen und Szenen, die geeignet sind, Musik sich entfalten zu lassen.
Hauptarbeit war dann natürlich das Komponieren. Pintscher ist auch vielbeschäftigter Dirigent, der zwischen zahlreichen Verpflichtungen in den USA – wo er seit 2024 das Kansas City Symphony leitet – und Europa wechselt. Kann man sich unter solchen Umständen überhaupt auf ein umfangreiches Werk konzentrieren? Ja, wenn man sich einige Sommer einige Wochen dafür freihält.
Eine Oper dann auf die Bühne zu bringen, ist ein weiterer Akt der Kooperation. Pintscher spricht von einem »Glücksfall«. Er wird die Uraufführung selbst dirigieren und hat schon mehrfach die Staatskapelle Berlin geleitet, mit diesem Orchester unter anderem eine avancierte Partitur wie Beat Furrers »Violetter Schnee« zum Erklingen gebracht. Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur James Darrah Black beim »Kalten Herzen« erlebt Pintscher als Unterstützung. Black frage danach, was das Stück braucht, und mit ihm begännen die Figuren zu »glühen«.
Das Wort mag manchem zu poetisch erscheinen, doch entspricht es genau Pintschers Ausgangspunkt, »den singenden Menschen in seiner ganzen Komplexität in den Mittelpunkt zu stellen«, und zwar »in seiner momentanen Emotionalität«. Das klingt nach einem durchaus traditionsverbundenen Zugriff auf die Gattung »Oper« und ist eine Einladung auch an repertoiregewöhnte Ohren, sich auf ungewohnte Melodiebildungen einzulassen.
Zugleich berührt es das Zentralmotiv der Oper. Bislang war nur die Rede davon, welche Motive Pintscher und Gerzenberg von Hauff nicht verwendet haben. Die viel wichtigere Frage ist indes, was sie von ihm übernehmen. Da bleibt zum einen der Wald (der kein konkreter Schwarzwald mehr sein muss) als undurchsichtiger Ort, als ein Ort des Ungefähren. Für das bewusst vage Gehaltene nennt Pintscher als Bezugsfigur den Dichter Maurice Maeterlinck, der um die Wende zum 20. Jahrhundert schon Komponisten wie Gabriel Fauré, Claude Debussy, Arnold Schönberg oder Alexander Zemlinsky angeregt hatte.
Vages kann aber zugleich Bedrohliches sein. Dazu passt, dass Pintscher den Wunsch, ein kaltes Herz zu bekommen, als Reaktion auf persönliche Traumata begreift. Die gesuchte Kälte sei eine Abwehr von Verletzbarkeit. Dies verbindet er mit Geschlechterverhältnissen. Anders als bei Hauff ist Peter ausschließlich von Frauen umgeben. Das Motiv der Konkurrenz unter Männern fällt weg, jedoch ist zu erwarten, dass die Mutter – bei Hauff ausschließlich Opfer des kalt gewordenen Peter (»die stille Verzweiflung seiner Mutter«) – nun eine ambivalente Rolle einnimmt.
Musikalisch ist all dies gerade da ergiebig, wo es schwierig wird (mit welcher Emotion singt man Kälte?). Eine andere Frage ist, ob Pintschers Anspruch einzulösen ist, eine Oper zu schreiben, die in der Zukunft oder einem anderen Gestern spielt oder gar zeitlos ist. Man kann nun mal aus der eigenen Gegenwart nicht heraus, und der Konflikt, ob man sich angesichts diverser Zumutungen emotional öffnet oder sich nicht besser panzert, ist ein durchaus gegenwärtiger.
»Das kalte Herz«, Oper in zwölf Bildern, Musik von Matthias Pintscher, Text von Daniel Arkadij Gerzenberg, Staatsoper Berlin, Uraufführung 11.1., weitere Vorstellungen 14., 16., 20.1.
Friedenspropaganda statt Kriegsspielzeug
Mit dem Winteraktionsabo bieten wir denen ein Einstiegsangebot, die genug haben von der Kriegspropaganda der Mainstreammedien und auf der Suche nach anderen Analysen und Hintergründen sind. Es eignet sich, um sich mit unserer marxistisch-orientierten Blattlinie vertraut zu machen und sich von der Qualität unserer journalistischen Arbeit zu überzeugen. Und mit einem Preis von 25 Euro ist es das ideale Präsent, um liebe Menschen im Umfeld mit 30 Tagen Friedenspropaganda zu beschenken.
links & bündig gegen rechte Bünde
Jetzt den kostenlosen jW-Newsletter abonnieren – täglich das Beste aus der Tageszeitung junge Welt, direkt in Ihr Postfach. Ihre E-Mail-Adresse wird natürlich niemals an Dritte weitergegeben.
Ähnliche:
Jan Windszus Photography12.12.2025Die maskierte Femme fatale
Bettina Stöß02.12.2025Extreme Gefühle
KI-generiert mit Sora/Screenshot https://www.youtube.com/watch?v=mZi961sc0JI08.11.2025»Das Urheberrecht stammt aus der analogen Welt«
Regio:
Mehr aus: Feuilleton
-
Ohne Kommentar
vom 08.01.2026 -
Die vermutlich längste Praline des Universums: Steigerungen
vom 08.01.2026 -
Alle Tage Nacht
vom 08.01.2026 -
Im Zwiespalt
vom 08.01.2026 -
Nachschlag: FDP-Satire
vom 08.01.2026 -
Vorschlag
vom 08.01.2026