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Aus: Ausgabe vom 03.03.2026, Seite 10 / Feuilleton
Tanztheater

Hoffnung auf ein Wiedersehen

Die Werke des großen DDR-Choreographen Tom Schilling dürfen nach rund 30 Jahren wieder aufgeführt werden
Von Gisela Sonnenburg
Komische Oper - Tag der offenen Tür (Archivfoto und Text 1991).
Als der richtige Kontext flöten ging: Tom Schilling (2. v. l.) bei einer öffentlichen Probe 1991

Normalerweise ist das Ableben eines Künstlers vor allem mit Trauer und nicht mit Hoffnung verbunden. Im Falle des Todes von Tom Schilling, dem bedeutendsten Choreographen, den die DDR hervorbrachte, gibt es aber beides: Traurigkeit und doch Licht am Ende eines langen Tunnels. Denn wie ich im Gespräch mit Arila Siegert – Tänzerin, Choreographin und Vertraute von Schilling – auf Nachfrage erfuhr, gibt es berechtigte Hoffnung, dass Schillings Werke künftig wieder aufgeführt werden. Das ist keineswegs selbstverständlich. Denn der Erneuerer des Balletts, der bis 1993 das Tanztheater der Komischen Oper Berlin leitete, verfügte, dass keine Vorstellungen seiner Stücke mehr stattfinden dürfen. Er hatte sie für ein sozialistisches Publikum in der DDR geschaffen, das ihn und seine Ideen im richtigen gesellschaftlichen Kontext verstand. Allein Siegert ist es zu verdanken, dass seine Kreationen posthum wieder aufgeführt werden dürfen.

Am 16. Januar 2026 verstarb Tom Schilling in Berlin, was auf seinen Wunsch hin erst nach seiner Beisetzung bekanntgemacht wurde. Seit 2023 hat Arila Siegert die Lizenzrechte für Schillings Tanzstücke. Aber er hatte sie angewiesen, zu seinen Lebzeiten jede Aufführung zu unterbinden. Für die Zeit nach seinem Ableben ist sie – mit seinem Einverständnis – frei in ihrer Entscheidung. Wie die Nachfrage sein wird, lässt sich nicht absehen. Zumindest gilt: Tom Schilling darf wieder getanzt werden.

Seine Tänze faszinieren. Schilling wusste genau, wie er psychologische Situationen in Bewegung umsetzen konnte. »Jede Geste hatte Handlung zu sein«, sagt Angela Reinhardt, seine Muse und Tänzerin. Sie gab die Hauptrollen, die er schuf, mit einer Mischung aus Mädchenhaftigkeit und weiblicher Reife. Ihre quirlige, stürmische Julia aus »Romeo und Julia« zur Musik von Sergej Prokofjew hatte ebenso Weltklasse wie ihre düster-komplizierte Partie in den »Wahlverwandtschaften«, die 1983 nach der Vorlage von Goethes gleichnamigem Roman entstanden. »Er war in der Arbeit hart, aber er ließ den Interpretinnen und Interpreten auch ihren Freiraum«, erinnert sich Arila Siegert.

»Abraxas«, »Gajaneh«, eine neue Version vom »Schwanensee«, »Un-dine«, »Cinderella«, »Der Mohr von Venedig«, »Impulse«, »La mer«, »Hoffmanns Erzählungen«: Das Gesamtwerk Schillings umfasst Märchenstoffe ebenso wie anspruchsvolle Literaturballette. Er liebte es, den Stücken Tiefgang zu verleihen. Er war kein Fachidiot, sondern ein gebildeter Kosmopolit.

Dabei begann sein Leben unter schwierigen Vorzeichen. Am 23. Januar 1928 im thüringischen Esperstedt bei Bad Frankenhausen geboren, lernte der junge Tom während der Hitlerdiktatur die Grundlagen des Balletts, aber auch die des modernen Tanzes in der Ballettschule vom Dessauer Theater. Ebenfalls in Dessau musste Schilling eine Lehre zum Dreher in einer Rüstungsfabrik absolvieren. Es war ja Krieg. 1944 zog man ihn ein, erst zum so genannten Reichsarbeitsdienst, dann zur Wehrmacht.

Die Schrecken des Krieges prägten ihn, ließen ihn zum leidenschaftlichen Antifaschisten werden. Ab Kriegsende 1945 tanzte Schilling auf der Bühne, wurde Solist: erst in Leipzig, dann in Dresden. 1953 choreographierte er am Nationaltheater in Weimar, das seine erste Bastion wurde. Ab 1956 reüssierte Schilling an der damaligen Staatsoper Dresden (heute: Semperoper), von wo aus er international bekannt wurde.

1965 holte ihn Intendant Walter Felsenstein an die Komische Oper in Berlin. »Tanztheater« wurde die Sparte dort genannt, zum Zeichen ihrer Modernität. Mit dem späteren westlichen Tanztheater einer Pina Bausch, das auch mit gesprochener Sprache typisch war, hatte Schilling aber nichts zu tun. Er kreuzte klassisches Ballett mit Ausdruckstanz, war von Gret Palucca beeinflusst.

Für den Tanz in der DDR brach damit ein goldenes Zeitalter an, das bis 1993 anhielt, als Schilling an der Komischen Oper aufhörte. Nachvollziehbarkeit und Fasslichkeit standen im Mittelpunkt seines Kunstverständnisses. Diesen Anspruch mit der stilisierten Tanzform des Balletts zu paaren, war schon wagemutig. Aber es gelang – und Schilling wurde rasch populär, denn er nutzte die plastischen, sinnlichen Möglichkeiten des Balletts.

Sowohl die DDR als auch die größer gewordene BRD verliehen Schilling höchste Ehren: vom Kunstpreis der DDR (1970) bis zum Deutschen Kritikerpreis (1994), vom Nationalpreis der DDR I. Klasse (1982) bis zum Verdienstorden des Landes Berlin (1999).

Bis auf die »Wahlverwandtschaften«, die er 1997 noch selbst in Dresden einstudierte und aufführen ließ, verbot er Aufführungen seiner Werke. Jetzt aber kann der vermeintliche Kulturstaat Deutschland zeigen, was ihm diese Weltkunst wert ist.

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