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Aus: Ausgabe vom 27.01.2026, Seite 10 / Feuilleton
Oper

Wenn das der Wagner wüsste

»Lohengrin« in der Berliner Staatsoper Unter den Linden
Von Gisela Sonnenburg
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Der hehre Ritter muss sich verabschieden. Das klassische Ende bleibt in der sonst manchmal schräg verlaufenden »Lohengrin«-Inszenierung von Calixto Bieito bestehen. Vergangenen Sonntag war die Oper von Richard Wagner in der Staatsoper Unter den Linden in Berlin zu sehen. Simone Young dirigierte die Staatskapelle mit einer Mischung aus Feingefühl und festlichem Pathos, die einen schon beim Vorspiel und den ganzen ersten Akt lang immer wieder zu Tränen rührte.

Inszenatorisch befinden wir uns in einer Art Gegenwart, die wie ein stilisierter Alptraum anmutet. Bühnenbildnerin Rebecca Ringst schuf einen Gerichtssaal mit weißem Käfig, bestimmt für die Angeklagte Elsa von Brabant. Elza van den Heever singt die Partie mit klarer, inniger, ergreifender Stimme. Die Weichheit und auch die Neugier, die der Liebe hier letztlich zum Verhängnis werden, zeigt ihr Gesang vorzüglich. Aber auch Elsas Gegenspielerin, die über Hexenkraft verfügende Ortrud – Anja Kampe singt sie mit zielsicherem Tiefgang als glamouröse Verkörperung der Bosheit – hat was vor. Sie stichelt und hetzt, bis Elsa ihren Gatten Lohengrin, der sie vor der Hinrichtung gerettet hat, unerlaubt nach Name und Herkunft befragt.

Als moderner Mensch hat man so seinen Verdacht. Hat Lohengrin ein dunkles Geheimnis? Tatsächlich: Der Heerrufer, von Arrtu Kataja geschmeidig getänzelt, verrät, dass Lohengrin schon am nächsten Morgen zum Krieg rüsten will. Ist er also ein Kriegstreiber? Will er, der vorgeblich Gottgesandte, mit Gewalt einen Gottesstaat errichten? Lohengrin als Gotteskrieger? Eric Cutler, der ihn mit fast orientalischen Höhen sehr samtig singt, will davon vielleicht nichts wissen.

Aber: Dem Kind Gottfried, das hier nicht selbst auftaucht, hinterlässt der Ritter ein Schwert, ein Horn und einen Ring. Der Ring mag privat sein. Aber Schwert und Horn sind militärische Requisiten. Da trabt in den Rhythmen auch schon die erste Kolonne heran. Was sogar René Pape als Heinrich der Vogler – der real bis 936 das Ostfrankenreich regierte – nicht ändern kann. Obwohl er mit perfektem Stimmorgan von sanft bis bärig fasziniert.

So ist es eigentlich ganz gut, dass Lohengrin geht. Elsa, die ihn zwingt, seine Identität als Gralsritter preiszugeben und ihn so verscheucht, sei Dank: Brabant bleibt ohne Krieg. Telramund, der mephistophelisch Böse – mit einem Timbre à la Ivan Rebroff gnadenlos gut: Wolfgang Koch – hat wider Willen Gutes bewirkt. Elsa hat damit Glück im Unglück. Zumal sie hier am Leben bleibt. Wenn das der Wagner wüsste.

Nächste Vorstellungen: 1.2., 7.2.

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