Im Zweifel reicht ein Schneckenhaus
Von Kai Köhler
»Das schlaue Füchslein« des tschechischen Komponisten Leoš Janáček (1854–1928) ist eine in vieler Hinsicht einzigartige Oper. Viele der Hauptfiguren sind Tiere. Sie sind locker gruppiert um die Füchsin, deren Lebenslauf episodisch skizziert wird. In der Jugend wird sie vom Förster gefangen, lässt sich aber nicht domestizieren, sondern flieht, nicht ohne zuvor dessen Hühnerschar totzubeißen. Sie erobert sich einen Bau, verliebt sich und heiratet. Im Schlussakt, in dem sie einem Wilderer zum Opfer fällt, sind schon unzählige kleine Füchslein da.
Janáček lernte die »Füchsin Schlaukopf« – wie sich der Titel besser übersetzen lässt – als Heldin einer Bildergeschichte etwa im Stil Wilhelm Buschs kennen. Auf dieser Grundlage schrieb er ein knappes Libretto, in dem sich Tier- und Menschenwelt auf vielfache Weise spiegeln. Die Waldgesellschaft parodiert die der Menschen, mit der Füchsin als der »modernen Frau« der Entstehungszeit, der 1920er Jahre, und einer zuweilen schwatzhaft-bigotten Nachbarschaft. Dann aber gibt es die Ebene der wirklichen Menschen, nämlich die Honoratioren des Dorfes, neben dem Förster noch Pfarrer und Schulmeister. Es ist ein trauriges, alterndes Grüppchen, das da im Wirtshaus trinkend zusammensitzt. Die wechselseitigen Sticheleien dürften seit Jahren die gleichen sein, und nur manchmal wird der melancholische Rückblick auf die längst vergangene Jugend unterbrochen von Lebensimpulsen. Alle drei sind verliebt in die junge Dorfschönheit Terynka, die am Ende den heruntergekommenen Wilderer heiraten wird; und der Förster bleibt fasziniert von der freiheitsliebenden Füchsin.
All das gab Anlass zu einer Musik, die in der Enge von Wald und Dorf das Universale hörbar macht. Der Gesang folgt, wie stets bei Janáček, dem Gestus der tschechischen Sprache. Darum ist es hier besonders wichtig, dass – wie auch am Sonnabend bei der Premiere an der Staatsoper Berlin – der originale Text gesungen wird und keine deutsche Übersetzung. Die Musik des Orchesters ist überwiegend aus kurzen Motiven zusammengesetzt, denen Janáček ein Maximum an Ausdruck abgewinnt. Etwas wie thematische Arbeit findet kaum statt, vielmehr dominiert das Prinzip von Reihung und Variation, eng abgestimmt auf das jeweilige Bühnengeschehen und dessen emotionalen Gehalt. Die Staatskapelle Berlin unter Simon Rattle formt das so genau wie sinnlich aus. Rattle handhabt die Tempi außerordentlich flexibel, die Abschnitte scheinen ineinanderzufließen. Zugleich werden zahlreiche schöne Einzelheiten hörbar, die sonst oft überdeckt sind. Dabei ergibt sich ein warmes Klangbild, etwas sanfter als gewohnt, was allerdings dem versöhnlichen Stück angemessen ist. Janáček gelingt es sogar, bis heute einen für den Moment überzeugenden Trost zu komponieren, der bereits bei der Uraufführung vor gut hundert Jahren kaum mehr einer war und es heute erst recht nicht ist: dass die menschliche Vergänglichkeit im Kreislauf der Natur aufgehoben sei.
Viel Natur gibt es in Ted Huffmans Inszenierung allerdings nicht. Das Bühnenbild (Nadja Sofie Eller) zitiert als weißer Kasten die Rahmung der frühen Comiczeichnungen. Vom Wald ist nur ein Erdhaufen übriggeblieben, und irgendwann kommen vier kahle Baumstämme hinzu. Es gibt Aufführungen mit liebevoll gestalteter Tierwelt, von Walter Felsensteins wirkungsgeschichtlich wichtiger Inszenierung an der Komischen Oper bis zu der Version Katharina Thalbachs, die seit einem Vierteljahrhundert erfolgreich an der Deutschen Oper Berlin läuft. Bei Huffman muss man sich mit einem Bärenkostüm begnügen und einem Schneckenhaus; der Rest der Viecher deutet mit grünen und rötlichen Trikots an, dass es sich um Frösche und Füchse handelt.
Ihre großen Auftritte haben dabei Kinder und Jugendliche der Staatlichen Ballett- und Artistikschule Berlin, die sehr schön turnen. Nur fragt man sich, welche Funktion die Kunststücke an dieser Stelle haben. Überhaupt sind die Gruppenszenen eine Schwäche der Inszenierung. Am Ende des ersten Aktes wiegelt die Füchsin die Hühner des Försters gegen den Hahn auf, um in dem Tumult zu fliehen und nebenbei ein paar Tiere zu erbeuten; auf der Bühne wird das zum unklaren Gewusel. Selten sieht man die Waldhochzeit der Füchsin, die den zweiten Akt beschließt, so arm an Freude, ganz im Gegensatz zu dem, was aus dem Orchestergraben erklingt.
Viel besser geraten die Passagen mit nur wenigen Figuren: die trüben im Wirtshaus oder, ganz im Gegensatz dazu, die zentrale Liebesszene zwischen Füchsin und Fuchs, wo Huffman intelligent mit der Vermenschlichung der Tiere spielt. Man gibt sich sehr höflich, aber das Kaninchen, das der Fuchs als Werbungsgeschenk bringt, wird dann doch gefressen. Die drei wichtigsten Rollen sind außerordentlich gut besetzt, allen voran Vera-Lotte Boecker, die die Füchsin leicht und klar singt und dabei große Bühnenpräsenz zeigt. Magdalena Kožená ist ein ebenbürtiger Fuchs, Svatopluk Sem gibt dem Förster die angemessene Mischung aus Resignation und Lebenswillen. Auch die Sängerinnen und Sänger der kleineren Rollen tragen dazu bei, dass die Aufführung musikalisch durchweg überzeugt. Von der kargen Inszenierung lässt sich das nur phasenweise sagen.
Nächste Vorstellungen: 3., 7., 13. u. 15.3.
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