Andacht für Halit Yozgat
Von Marc BebenrothHalit Yozgat war am helllichten Tag in seinem Geschäft in Kassel durch zwei gezielte Schüsse in den Kopf ermordet worden. Als ihn sein Vater Izmail Yozgat am 6. April 2006 in dem Internetcafé an der Holländischen Straße fand, war der 21jährige bereits tot. Erst zwei Tage zuvor war Mehmet Kubaşık in seinem Kiosk in der Dortmunder Nordstadt erschossen worden. Wessen Finger abgedrückt hatte, ist bis heute nicht aufgeklärt. In unmittelbarer Nähe des Tatortes in Kassel befinden sich ein Gedenkstein und der nach Yozgat benannte »Halitplatz«. Dort ist am Montag nachmittag des vor 20 Jahren Ermordeten gedacht worden. Halit Yozgat ist das neunte und jüngste Opfer des faschistischen Netzwerks namens »Nationalsozialistischer Untergrund« (NSU).
Auf das Läuten der großen Osanna-Glocke der Martinskirche um 14.45 Uhr folgte eine kurze Andacht. Die Gedenkveranstaltung wurde nach Redaktionsschluss dieser Zeitung im Philipp-Scheidemann-Haus fortgesetzt. Neben Ismail Yozgat sollte der frühere Bundespräsident Christian Wulff (CDU) zu den Anwesenden sprechen. Erwartet wurde die Teilnahme des türkischen Generalkonsuls Erdinç Evirgenu und der Ombudsfrau der Bundesregierung für die Angehörigen der Opfer des NSU, Barbara John. »Die Angehörigen waren ernüchtert und misstrauisch. Sie hatten das Vertrauen in unseren Staat verloren, weil er nicht sofort in die richtige Richtung ermittelte, sondern Unterstellungen vorgenommen hatte«, berichtete Wulff der Hessischen/Niedersächsischen Allgemeinen in einem am Donnerstag veröffentlichten Interview.
Dabei war es ein faschistisches Mordkommando, das jahrelang unbehelligt durch die BRD gezogen war und im Zeitraum von 2000 bis 2007 mindestens zehn Menschen getötet hatte. Das Kerntrio aus der mittlerweile dafür inhaftierten Beate Zschäpe sowie deren Komplizen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, die sich während eines Polizeieinsatzes gegen sie offenbar selbst töteten, hatte neben Halit Yozgat und Mehmet Kubaşık auch den Blumenhändler Enver Şimşek, den Inhaber einer Änderungsschneiderei Abdurrahim Özüdoğru sowie den Imbissbetreiber İsmail Yaşar in Nürnberg ermordet.
Dem NSU werden außerdem die Morde an dem Lebensmittelhändler Süleyman Taşköprü in Hamburg, dem Gemüsehändler Habil Kılıç in München, dem Imbissarbeiter Mehmet Turgut in Rostock, dem Einzelhändler Theodoros Boulgarides in München und der Polizistin Michèle Kiesewetter in Heilbronn zugeschrieben. Das Trio wurde unterstützt durch ein Netzwerk, das »zum großen Teil aus Anhängern von Blood & Honour gestrickt« und durchsetzt gewesen sei »von Menschen, die der Verfassungsschutz finanzierte«, wie die linke Zeitung Perspektive online am 10. Mai 2020 berichtet hatte.
Im Zentrum des Mordes an Halit Yozgat steht ein damaliger Spitzelführer des hessischen Landesamtes für Verfassungsschutz. Andreas Temme, seit Jugendtagen offenbar bekannt als »Kleiner Adolf«, soll das Internetcafé unmittelbar nach der Tat verlassen haben – nach eigenen Angaben ohne etwas von den Schüssen, dem Opfer oder dem Blut zu bemerken. »Die Rolle des damaligen Mitarbeiters des Verfassungsschutzes war und ist dubios«, zitierte dpa am Montag den damaligen Vizevorsitzenden des Untersuchungsausschusses im Hessischen Landtag, Günter Rudolph (SPD). »Dass er nichts mitbekommen haben soll und zufällig in dem Internetcafé war, haben wir immer in Zweifel gezogen.« Hessens ehemaliger Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) hatte als damaliger Innenminister durch einen Sperrvermerk verhindert, dass die Polizei die Informanten von Temme direkt befragen durfte, etwa um dessen Alibi zu überprüfen. Bouffier war deshalb vorgeworfen worden, die Ermittlungen behindert zu haben.
Der Ausschuss hatte auch Temme befragt. Der Geheimdienstler verstrickte sich in Widersprüche, blieb aber bei seiner Version der Geschichte, wonach er zufällig und privat zur Tatzeit in dem Geschäft war. Die Auswertung von Tonbandmitschnitten legt allerdings nahe, dass Temme von der Tat gewusst haben könnte, wie der Deutschlandfunk am Montag berichtete.
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