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Sachsen-Anhalt

Die Zukunft kommt noch

Briefe aus Blauland

Foto: Steffen Schellhorn/IMAGO
Hauptsache, gute Laune!

Lieber Freund, wenn du nach Halle kommst, solltest du unbedingt den Marktplatz meiden. Hier ist fast alles grau: der Ratshof, der bis zum Weltkrieg vom schöneren Rathaus verdeckt wurde. Das chinesische Pflaster, das selbst den miesepetrigen Hallensern zu eintönig ist, aber aufgrund von Fördermittelbindung frühestens 2032 ersetzt werden darf. Und natürlich die beiden riesigen Kaufhäuser, die seit dem Auszug von Galeria Karstadt-Kaufhof vor bald vier Jahren leer stehen. Dem ohnehin schwachen Einzelhandel in Halle Downtown hat das ordentlich zugesetzt.

Aber nun tut sich etwas. Ein Sportgeschäft und ein Restaurant sollen den Leerstand beenden – und ein Museum. Zumindest für die nächsten fünf Jahre. So lange wird die Moritzburg (auch in Halles Innenstadt) renoviert, die Exponate – Gemälde, Grafiken und Fotografien der klassischen und der Postmoderne – kommen für diese Zeit an den Marktplatz. Das ehemalige Kaufhaus wird also nur vorübergehend belebt, wenn auch nur dürftig: Gerade einmal 37.000 Besucher verzeichnet das Museum pro Jahr. Mit einem Besucheransturm müssen die Händler am Markt also nicht rechnen. Vor allem, weil die Touristen, die es bisher in das Museum gezogen hat, mehrheitlich wohl auch den Markt mit Stadtkirche, Händel-Denkmal und Rotem Turm besucht haben. Beide Orte liegen gerade einmal zehn Minuten auseinander.

Wirtschaftlich betrachtet ist es also eine Scheinbelebung, die sich Land und Bund einiges kosten lassen: 200 Millionen Euro fließen in die Renovierung der Moritzburg. Rechnet man noch die 208 Millionen hinzu, die der Bund für das noch zu errichtende Zukunftszentrum eingeplant hat, wird fleißig investiert in Halle als Kultur- und Bildungsstandort.

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Aber außer Schöngeistigem ist in Halle nicht viel los. Die Kaufkraft gehört zu den niedrigsten in Deutschland, in keiner Kommune im Land ist das verfügbare Einkommen geringer. Haben die Hallenser deshalb einem AfD-Mann das Direktticket in den Bundestag geschenkt und stellen die rechten »Alternativen« darum die stärkste Fraktion im Stadtrat?

Zum Glück gibt es den Strukturwandel und Fördermittel für gleich zwei Projekte in Halle: Der Unicampus wird um neue Forschungseinrichtungen erweitert. Und das Reichsbahnausbesserungswerk am Bahnhof wird neu bebaut. Dort soll laut Stadt ein »Zukunftsort« entstehen, der Wohnungen und »Jobs in Zukunftsbranchen« bietet. Was das genau sein soll, scheint heute noch unbekannt, die Zukunft kommt ja erst noch. Wohl deshalb heißt es, dass man die »Rahmenbedingungen für Arbeitsplätze« schaffen möchte, nicht aber die Arbeitsplätze selbst.

Wie auch immer: Beide Konzepte berühren das Herzstück der Stadt, den Marktplatz, nicht, und so bleibt er vorerst grau und öde. Streich ihn also gern von der Liste für deine Sightseeingtour.

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Erschienen in der Ausgabe vom 31.03.2026, Seite 11, Feuilleton

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  • Onlineabonnent*in Michael M. aus B. 1. Apr. 2026 um 16:02 Uhr
    August Hermann Francke, der bedeutende Pietist, gedenkt in seinem Gedenkbüchlein um 1693 seiner leeren Kirche und meint: »Der HERR sei mit euch und sehe doch fast nichts vor mir als Stüle und Bäncke.« Die meisten Gemeindemitglieder, schreibt er, können sich einen Kirchgang schon gar nicht anders vorstellen, »wenn sie nicht vorher Brantewein getruncken haben«. Seine Kirchgänger hätten zwei Laster: Entweder sie schliefen oder sie plauderten. Die Gedanken der Besucher flatterten im Gotteshaus herum. So sindse die Halleschen Schöngeister! Herr Meier, Arbeiterveteran, Berlin-Prenzlauer Berg
  • Onlineabonnent*in Joachim S. aus B. 31. März 2026 um 08:10 Uhr
    Bleibt unbedingt bei dieser Kolumne! Sie ist einer der Blicke ins Leben, die nach Goethe zehnmal so wichtig sind wie der Blick ins Buch. Allerdings machts auch da die Mischung: Ohne Blick ins Buch nützen auch tausend Blicke ins Leben wenig. Deshalb an dieser Stelle ein Kompliment an jene Fleißarbeiter, die an jedem Sonnabend unser historisch gewachsenes theoretisches Wissen wieder auffrischen. So vieles von dem, was lange her scheint, ist brandaktuell, was ein Blick ins Leben unschwer bestätigt.
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