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Aus: Ausgabe vom 18.11.2019, Seite 10 / Feuilleton
Bildende Kunst

Rekonstruktion und Wiedergewinn

Die Ausstellung »Das Comeback. Bauhaus – Meister – Moderne« im Museum Moritzburg in Halle (Saale)
Von Peter Arlt
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Visuelle Fugen: Lyonel Feiningers »Der Rote Turm II« (1930, Öl auf Leinwand)

In der Tradition jener jungen Museumsdirektoren, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts neben Kennerschaft großen Mut zur Sammlungsgestaltung bewiesen, versteht Thomas Bauer-Friedrich, seit fünf Jahren Direktor des Museums Moritzburg in Halle (Saale), sein Haus als einen Ort der zeitgenössischen Bildung. Die neue Ausstellung zeigt Ankäufe und Erwerbungen des Museums von 1908 bis hin zum Sommer 1939. Sie soll Verlorenes rekonstruieren. In der Nazizeit erlitt die konzentrierteste deutsche Sammlung durch Aussonderung, Beschlagnahme und Veräußerung einschneidende Verluste. Der Katalog weist die verlorenen Werke im bebilderten Verzeichnis aus und sucht, sie neu zu lokalisieren. Einige werden in der Schau »Das Comeback. Bauhaus – Meister – Moderne« auch gezeigt. In 38 Fällen gelang die Ausleihe, in manchen Fällen sogar ein Wiedergewinn.

Der Rundgang führt von Impressionismus und Expressionismus bis zu Werken, die 1937 der Aktion »Entartete Kunst« der Nazis zum Opfer fielen. Emil Noldes »Abendmahl« (1909), ein spektakulärer Ankauf des ersten amtlich bestellten Direktors in Halle, Max Sauerlandt (1880–1934), kehrte für die Ausstellung aus Kopenhagen zurück. Mit Sauerlandt kamen dereinst auch Georg Muche, Max Liebermann, Max Slevogt, Lovis Corinth, Edvard Munch, Max Beckmann, Erich Heckel.

Verlorene Werke

Ein verlorenes großes Aquarell von Christian Rohlfs konnte vor kurzem angekauft werden und wird bald neben dem ausgeliehenen Aquarell vom pickenden Hahn zu sehen sein. Otto Muellers »Pferde auf der Weide« sieht man bei einem verlorenen Bild von Ernst Ludwig Kirchner, das aus dem japanischen Nagoya kam.

Neben Sauerlandt ragt aus der Reihe der Hallenser Direktoren Alois Jakob Schardt heraus, der »Tierschicksale« von Franz Marc ankaufte, jetzt im Kunstmuseum Basel, trotz aller diplomatischen Bemühungen nicht auszuleihen, und Marcs ausgestellte »Weiße Katze«. Man sieht in der Moritzburg auch Plastiken von Wilhelm Lehmbruck und Gerhard Marcks, Bilder von Oskar Kokoschka, Hans Reichel und El Lissitzky sowie angewandte Kunst. Mit Lyonel Feininger war Schardt befreundet. Er besuchte ihn, Paul Klee und Wassily Kandinsky in Dessau, wo sie am Bauhaus wirkten.

Ohne Auftrag malte Feininger aus Begeisterung die Bildserie der Stadt Halle, deren Ankauf der langjährige Oberbürgermeister Richard Robert Rive (1864–1947) sicherte. Glanzstück der Ausstellung ist eine herrlich gehängte Reihe mit sieben Halle-Gemälden (auch aus München, Berlin, Mannheim und Mülheim an der Ruhr), Weltkunst mit Lokalkolorit. In ihrem konstruktiven Aufbau werden die romantischen Motive von Feininger visuelle polyphonale Fugen.

Merkwürdigerweise blieb als einziges Werk von Klee die »Phantastische Flora« stets der Sammlung erhalten und war nach 1945 auch immer in der Präsentation. Die simultane mehrdimensionale Mischtechnik aus Tinte, Bleistift, Öl- und Wasserfarben entstand 1922 mit Klees bildnerischer Formenlehre. Linien umgrenzen pflanzliche Formen, die, Stufe um Stufe emporsprießend zur nächsthöheren, andere Formen annehmen. Horizontale Linien machen das Wachstum der Pflanzen sichtbar. »Kunst verhält sich zur Schöpfung gleichnisartig«, heißt es in Klees »Schöpferischer Konfession«.

Für unfrei erklärt

Ein Saal zeigt Werke der Bauhaus-Meister, neben Klee und Feininger etwa Kandinsky, Muche und Oskar Schlemmer. In einer Installation ist der von Walter Gropius konzipierte Museumsbau auf der halleschen Stadtkrone zu bewundern.

Zu würdigen wäre aus der DDR-Zeit der Museumsdirektor Heinz Schönemann, der – so sein Wort – »den Ehrgeiz hatte, sich dem legendären Glanz der halleschen Sammlung unter Sauerlandt und Schardt wieder zu nähern«. Im Geleitwort des Katalogs, dem neuen Standardwerk zur Geschichte des Museums Moritzburg, wird beiläufig behauptet: »Der Kampf (…) um eine freie Kunst (fand) erst mit dem Zusammenbruch der DDR 1989/90 ein Ende.« Wohl mit dem Ergebnis, dass »man« so frei war, die Kunst aus der DDR für unfrei zu erklären und im Depot verschwinden zu lassen. Glücklicherweise widersetzte sich Thomas Bauer-Friedrich der ignoranten Verunglimpfung der Kunst der DDR und führt entlang der Sammlungspräsentation im Nordflügel zu Werken der bildenden und angewandten Kunst zwischen 1945 und 1990.

Die Ausstellung fordert manche Museen auf, sich nicht zwanghaft mit den überall zu sehenden Westlich-Namhaften – wie A. R. Penck oder Georg Baselitz, Hauptsache mit Motiv kopfüber – »korrekt« und langweilig zu machen, sondern ihr historisch wie regional-geographisch gewachsenes Profil wiederzuentdecken und zur Geltung zu bringen.

»Das Comeback. Bauhaus – Meister – Moderne.« Noch bis 12. Januar, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), Friedemann-Bach-Platz 5, täglich 10 bis 18 Uhr, Mi. geschlossen, Katalog 448 S., 40 Euro

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