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Stand der Dinge

Weltpolitik mit Katze

Geraune

Foto: apokusay/VectorStock/IMAGO
Miez, miez – lebst du noch?

In jüngster Zeit ist Schrödingers Katze häufig dabei beobachtet worden, auf dem weiten Feld der Weltpolitik umherzustreifen. Sie wurde bei der Straße von Hormus angetroffen. (Ist sie offen? Ist sie geschlossen?) Bei der Frage des Kriegs ganz generell. (Herrscht noch Krieg oder nicht mehr?) Bei Rätseln über den Waffeneinsatz. (Wird gebombt oder nicht?) Bei einzelnen Feldzügen. (Dauert »Enduring Freedom« noch an? Oder ist es vorbei?) Selbst bei Unklarheiten über einzelne Personen. (Lebt X noch? Oder ist er KI oder gedoubelt oder beides?)

Da von dieser Katze öfter die Rede ist, sei eine kleine Forschungsreise unternommen, um Genaueres über ihre Herkunft und ihr Verhalten in Erfahrung zu bringen.

Erfunden wurde sie von dem Physiker Erwin Schrödinger, und zwar 1935 in einem Aufsatz mit dem Titel »Die gegenwärtige Situation der Quantenmechanik«. Diesen Aufsatz findet man im Internetz für den stolzen Preis von 1500 US-Dollar zum Download oder einen Klick weiter für umsonst.

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Bevor die Katze bekümmert wird, empfiehlt es sich, die Umstände ihrer Geburt genauer zu betrachten, und damit auch die Lebenslage des Physikers. Denn Schrödingers eigene Situation war beinahe so widersprüchlich wie die seiner quantenmechanisch verhedderten Phantasiekatze. Nach der Machtübernahme der Nazis setzte er sich aus Berlin zügig nach Oxford ab. Drei Jahre später kehrte er in sein Geburtsland Österreich zurück. Selbst nach dem Anschluss blieb er in Graz und tat sich in der Lokalpresse mit einem seltsamen Aufsatz hervor: »Die Hand jedem Willigen. Bekenntnis zum Führer – Ein hervorragender Wissenschaftler meldet sich zum Dienst für Volk und Heimat«. Die neuen deutschen Herren konnte er damit nicht überzeugen und im Spätsommer 1938 musste er sich wieder davonmachen.

Seine Katze wurde im Exil geboren, in einer doch eher ungemütlichen oder, wie Schrödinger sagt, »burlesken« Lage. »Eine Katze wird in eine Stahlkammer gesperrt, zusammen mit folgender Höllenmaschine (die man gegen den direkten Zugriff der Katze sichern muss); in einem Geigerschen Zählrohr befindet sich eine winzige Menge radioaktiver Substanz, so wenig, dass im Lauf einer Stunde vielleicht eines von den Atomen zerfällt, ebenso wahrscheinlich aber auch keines; geschieht es, so spricht das Zählrohr an und betätigt über ein Relais ein Hämmerchen, das ein Kölbchen mit Blausäure zertrümmert. Hat man dieses ganze System eine Stunde lang sich selbst überlassen, so wird man sich sagen, dass die Katze noch lebt, wenn inzwischen kein Atom zerfallen ist. Der erste Atomzerfall würde sie vergiftet haben. Die ψ-Funktion des ganzen Systems würde das so zum Ausdruck bringen, dass in ihr die lebende und die tote Katze (s. v. v.) zu gleichen Teilen gemischt oder verschmiert sind.«

Abgesehen von dem eigenartigen Umstand, dass ausgerechnet eine Katze und nicht etwa eine Maus oder ein Hamster als Versuchstier dient, nimmt sich die ganze Apparatur unnötig kompliziert aus. Wozu die Blausäure? Das Hämmerchen? Das radioaktive Material lässt sich noch erklären, genau so wie das Messgerät. Denn der Zerfall eines Atomkerns liefert genau ein Beispiel für ein Ereignis, dass in der konventionellen Physik ganz anders bewertet wird als nach der ψ-Funktion der Quantenmechanik. Letztere gibt sich damit zufrieden, dass das Atom beides ist, vermischt intakt und zerfallen. Das Beispiel richtet sich gegen die Kopenhagener Deutung der Quantenmechanik, die sie über Wahrscheinlichkeiten zurück in die Zustände der alten Physik umdeuten will. »Es ist ein Unterschied zwischen einer verwackelten oder unscharf eingestellten Photografie und einer Aufnahme von Wolken und Nebelschwaden«, insistiert Schrödinger. Nämlich der Unterschied, ob der Beobachter einen Fehler gemacht hat oder ob die Situation selbst »verwaschen« ist.

Nun sind die Jahre 1935 und 2026, eins wie das andere, ebenfalls auf eine »burleske« Weise »verwaschen«. Und Schrödingers Katze kehrt nur wieder, weil sich die Situationen gleichen bzw. ähneln. Sind wir schon im Weltkrieg? Liegt der Kernzerfall bereits vor, oder spielt er sich nur vor unseren Augen ab, damals wie heute? Baut man schon die Lager für den nächsten Völkermord? Strebt die Versuchseinrichtung, stellvertretend für die Welt, auf den radioaktiven Zerfall zu? Oder nicht? Oder vermischt sich beides? Dann leben wir schon nicht mehr in einem entscheidbaren Entweder-oder-Zustand, sondern in einer verwaschenen Halbwelt voller Mischwesen, in der sich all das, was kommt, schon bereits ereignet.

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Erschienen in der Ausgabe vom 15.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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