Aus: Ausgabe vom 06.09.2018, Seite 12 / Thema

Wege und Irrwege

Nach der »Wende« verschwand die DDR-Kunst in den Depots. Nun verändert sich langsam der Umgang mit dem künstlerischen Erbe des sozialistischen Staates – wie aktuelle Ausstellungen in Halle, Dresden und Schwerin zeigen

Von Peter Michel
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Werner Tübke: »Requiem« (1965), Tempera auf Leinwand auf Sperrholz (28 x 44 cm), Albertinum/Galerie Neue Meister, Dresden

Der Trend der 1990er Jahre, keine Differenzierung zuzulassen, der Teil einer verheerenden Anschlusspolitik der BRD war, scheint sich langsam abzubauen. Ja, es gibt sogar einige wenige Politiker, die – unabhängig von ihrer Parteizugehörigkeit – einen Beitrag dazu leisten: Exbundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) warnte schon im Jahr 2003 anlässlich der Eröffnung einer Gerhard-Kettner-Ausstellung in Dresden davor, angebliche Staatskünstler auszugrenzen. Der Ministerpräsident des Landes Sachsen-Anhalt, Reiner Haseloff (CDU), sprach 2016 bei der Vernissage einer Willi-Sitte-Ausstellung in Merseburg voller Sympathie für den Künstler. Und Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (SPD) bezog Ende Oktober 2017 in seiner Eröffnungsrede zur Ausstellung »Hinter der Maske« gegen das Fehlurteil Stellung, man könne in der DDR entstandene Kunst »nicht verstehen oder einordnen, ohne immer sofort ihren Bezug zu Staat und Gesellschaft zu bestimmen«. Er plädierte statt einer solchen »Verkürzung« nachdrücklich dafür, in der DDR entstandene Kunst »eben als Kunst« wahrzunehmen.¹

Solche Statements darf man sicher nicht überbewerten. Doch sie unterscheiden sich wohltuend von hetzerischen Auslassungen der Vergangenheit. Als 2009 im Berliner Gropius-Bau die Ausstellung »60 Jahre – 60 Werke« anlässlich des Jubiläums des Grundgesetzes ohne ein einziges Werk aus der DDR eröffnet wurde, schrieb das Kuratoriumsmitglied Siegfried Gohr: »Wer vermisst eigentlich diese zeitgebundenen, situationsbedingten und oft epigonalen Werke? (…) Warum sind die Werke von Künstlern, die in eine menschenverachtende Diktatur verstrickt waren oder ihr aktiv gedient haben oder als Alibi von Nutzen waren, so wichtig? (…) Die Ausstellung (…) beweist Gott sei Dank, dass die ›DDR-Kunst‹ wirklich nur ein Nebenkriegsschauplatz ist.«² Es ging also um Kriegsschauplätze. Eröffnet wurde diese skandalöse Schau von der aus der DDR stammenden Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU). Der Schriftsteller Christoph Hein schrieb in einem zornigen Brief an die Bundesregierung: »Die Bilder und Grafiken, die Skulpturen und Installationen, die in der Zeit der DDR und im Herrschaftsbereich dieses untergegangenen Staates entstanden, sollen nach dem Wunsch des Kurators der Ausstellung wie ›ein hässlicher Regentropfen der Geschichte rasch verdunsten‹. Was für eine Sprache! Ich will sie keineswegs mit der Sprache jener anderen Richter gleichsetzen, die einst eine ›entartete Kunst und entartete Künstler‹ zu vernichten suchten. (…) Aber die Haltung dieser Kunstrichter ist die gleiche, der Wunsch und das Ziel, sie sind deckungsgleich: ausmerzen, ausradieren, verdunsten.«³ Vergessen werden diese Auswüchse des weitergeführten Kalten Krieges nicht! Sie bleiben ebensolche Schandflecke bundesdeutscher Politik wie der inszenierte »Bilderstreit« und die Vandalenakte, die seit Beginn der 1990er Jahre stattfanden und auch heute immer wieder vorkommen.

Wege der Moderne

Wenn man – wie im Kunstmuseum Moritzburg in Halle an der Saale – Ausstellungen sieht, die ganz selbstverständlich Kunst aus der Sowjetischen Besatzungszone und der DDR in einer neuen Abteilung der Schau »Wege der Moderne« zeigt, kann man durchaus von einem bedeutenden Ereignis sprechen. Mehr als 100 Werke der bildenden und angewandten Kunst, die zwischen 1945 und 1990 – nicht nur in Halle – entstanden, ergänzen eine schon länger vorhandene Dauerausstellung der Moderne von den Anfängen bis 1945, verdeutlichen – wie z. B. bei Karl Völker – Traditionslinien, erinnern an Künstler, die schulbildend wirkten oder während der beschämenden Formalismusdiskussion Halle in Richtung Westen verließen. Man begegnet Werken von Herbert Kitzel, Hermann Bachmann, Eugen Hoffmann, Theo Balden, Horst Strempel und anderen wieder, die zu den legitimen Fortsetzern der Moderne nach dem Zweiten Weltkrieg gehörten. Man sieht eigenwillige Arbeiten von Willi Sitte, der in seiner Frühzeit manchen Ärger mit Formalistenjägern hatte, von Willi Neubert, Werner Tübke, Horst Bartnig, Hermann Glöckner, Waldemar Grzimek, Wolfgang Mattheuer, Willy Wolff, Hans-Hendrik Grimmling, Clemens Gröszer und vielen anderen, die bis zum Ende der DDR wirkten.

Geurteilt wird in den Begleittexten einfühlsam und achtungsvoll. Widersprüche werden nicht ausgeblendet, man nimmt die Werke ernst. Wenn man sich an die mitunter hanebüchenen Texte in der Potsdamer Ausstellung »Hinter der Maske« erinnert, wird diese Qualität augenfällig. Es gibt auch manches zu entdecken: selten gesehene Arbeiten von Karl Erich Müller, großformatige Bilder von Albert Ebert, der mit seinen kleinen malerischen Kostbarkeiten zudem in einem besonderen Kabinett vertreten ist, oder frühe Malereien von Fritz Baust, der in Halle und Leipzig wirkte und in Berlin verstarb. Man spürt den Stolz auf den reichhaltigen Bestand des Museums und die Möglichkeit, ihn jetzt zu präsentieren. Vorurteile gibt es nicht. Dass die Keramik, die Glasgestaltung und andere Bereiche der angewandten Künste ganz selbstverständlich einbezogen sind, verweist auf die prägende Rolle der Kunsthochschule Halle in der Burg Giebichenstein. An einem Katalog für diesen Ausstellungsteil, der im Februar 2018 eröffnet wurde und nun zur Dauerausstellung gehört, wird hoffentlich noch gearbeitet.

In der Dresdener Galerie Neue Meister ist die Hoffnung auf einen vernünftigen Neuanfang nach der »Entsorgung« der DDR-Kunst ins Depot nur zum Teil aufgegangen. Die hochemotionale Auseinandersetzung mit den Verantwortlichen der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden während einer öffentlichen Diskussion im Lichtsaal des Albertinums am 6. November 2017 machte den Unmut des Publikums deutlich – bis hin zur Feststellung, dass neue Direktoren, die kein offenes Verhältnis zu Kunst aus der DDR haben, fehl am Platze seien.

Einige Tage nach dieser Veranstaltung erschien in der Sächsischen Zeitung ein Artikel der US-amerikanischen Kunstwissenschaftlerin April A. Eisman, die an der Iowa State University lehrt und über Bernhard Heisig und die Kulturpolitik in der DDR promoviert hat. Sie beobachte die Abwesenheit von Kunst aus der DDR in den Museen des Ostens mit großem Erstaunen, notierte sie. Dass die ostdeutsche Kunst nicht so gut sei wie die westliche, sei schlichtweg ein Irrtum. Die fehlende Anerkennung ostdeutscher Kunst im vereinten Deutschland stehe in einem extremen Kontrast zum wachsenden Interesse im Rest der Welt. »In einer Zeit, in der sich die meisten Städte um ein Alleinstellungsmerkmal für das Stadtmarketing bemühen, füllen Kunstmuseen in Städten wie Dresden ihre Säle mit oft zweitklassiger ›Siegerkunst‹ des Westens, während etliche erstklassige Werke ostdeutscher Kunst im Depot verschwinden.« Es sei die Pflicht eines Museums, »die besten Werke einer Sammlung zu zeigen und andere über diese Werke aufzuklären, wenn das nötig ist. (…) Bis deutsche Fachleute erkennen, dass die ostdeutsche ein genauso bedeutender Teil der Nachkriegskunst ist wie die westdeutsche, kann die Überwindung der Ost-West-Debatte nicht sachlich stattfinden. (…) Dresdens bemerkenswerte Kunsttradition endet nicht 1949.«⁴

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Heidrun Hegewald: »Die Rosa« (1987), Öl auf Leinwand, kaschiert auf Hartfaser (184 x 88 cm), Staatliches Museum Schwerin

Unter dem Druck der Öffentlichkeit wurde schließlich am 15. Juni 2018 eine Ausstellung mit dem Titel »Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990« eröffnet, eine Auswahl aus dem Depot, geordnet nach den Zeitpunkten der Erwerbung und von den Organisatoren selbst zurückhaltend als »Bestandspräsentation« bezeichnet. Diese Ausstellung, die sofort zahlreiche Besucher anzog, wurde – wie der Kulturwissenschaftler Paul Kaiser treffend schrieb – »ertrotzt, nicht geplant«.⁵ Deshalb gibt es auch keinen sorgfältig erarbeiteten Katalog, der eine längere Vorbereitung benötigt hätte.

Freudige Wiederbegegnung

Lediglich eine bereits 2014 erschienene Publikation zur Sammlungsgeschichte der Galerie vor 1989 liegt vor, die trotz allem Recherchefleiß das herrschende Geschichtsbild bedient (»Sozialistisch sammeln«). Auf Seite 114 beginnt z. B. ein Satz: »Mit der Entscheidung der UdSSR vom März 1955, die aus Dresdener Museumsbeständen 1945 abtransportierte Trophäenkunst an die DDR zurückzugeben (…)«. Solche Formulierungen kann man schnell überlesen. Die Kunstwerke wurden aber nicht aus Dresdener Museumsbeständen abtransportiert, also geraubt, wie hier suggeriert wird, sondern aus ihren Verstecken in Bergwerken, Eisenbahntunneln usw. gerettet. Die heute 96jährige Präsidentin des Staatlichen Puschkin-Museums Moskau, Irina Antonowa, die ab 1945 als junge Kunsthistorikerin an der fast zehnjährigen Inventarisierung und Restaurierung der Werke beteiligt war, machte im März 2018 in einem Interview noch einmal darauf aufmerksam, dass die Gemälde der Dresdener Kunstsammlungen verlorengegangen oder gestohlen worden wären, wenn sowjetische Soldaten sie nicht in die UdSSR befördert hätten. Sie zeigte sich sehr enttäuscht darüber, dass Deutschland die Leistungen der russischen Restauratoren vergessen zu haben scheint. Als sie vor etwa zwei Jahren in Dresden gewesen sei, habe sie das Schildchen mit der Danksagung des deutschen Volkes nicht mehr gesehen.⁶

Bis zum 7. Januar 2019 ist nun im Albertinum die Ausstellung »Ostdeutsche Malerei und Skulptur 1949–1990« zu sehen. Die Wiederbegegnung mit diesen Werken macht Freude. Man kann jungen Kunstwissenschaftlern, die die DDR nicht mehr bewusst erlebt haben, nicht vorwerfen, dass sie nicht aus eigener Erfahrung sprechen. Wenn sie die erlernten Geschichtsklischees nicht hinterfragen und bei ihren Publikumsführungen Vorurteile weitergeben, stoßen sie jedoch bei manchem Besucher, der seine Sozialisierung in der DDR erlebte, auf Unverständnis. Man muss solche Museumsführer korrigieren, solange das noch möglich ist.

Gezeigt werden 114 Gemälde und Skulpturen, darunter die Plastik »Nike« von Baldur Schönfelder, Willi Neuberts Gemälde »Schachspieler«, Werke von Wolfgang Mattheuer, das Bild »Dresden 84« von Siegfried Klotz, einem Maler, der die Dresdener Tradition in der jüngeren Generation am konsequentesten weiterführte, Werke von Angela Hampel, Wilhelm Lachnit, Werner Tübke und Konrad Knebel, um nur einige zu nennen. Besonders gefreut hat mich, dass auch Willi Sittes Mehrtafelbild »Die Überlebenden« von 1963 wieder zu sehen ist, das die Galerie 1965 erworben hatte, das aber zur Zeit der »Wende« vom damaligen Direktor Horst Zimmermann ins Depot verbannt wurde.

Man muss die Frage stellen, was mit diesen Werken geschieht, wenn die Ausstellung schließt. Wandern sie wieder ins Archiv? Ein Nachdenken darüber sollte einsetzen, welche von den so lange weggesperrten Arbeiten in die ständige öffentliche Sammlung der Neuen Meister gehören. Es ist eine Zumutung, zu erleben, wie sich der gegenwärtig aus unerfindlichem Grund höchstbezahlte deutsche Künstler Gerhard Richter in zwei Sälen mit fragwürdigen Hervorbringungen ausbreiten kann. Es genügten ja wohl einige, weniger raumgreifende Werke von ihm. Im Gästebuch gibt es die Forderung, einen dieser Richter-Säle für wechselnde Präsentationen von Kunst aus der DDR zu nutzen.

Ohne Scheuklappen

Die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden hätten in den 1970er Jahren das »Schwebende Liebespaar« von Wolfgang Mattheuer gern erworben, aber das Staatliche Museum Schwerin hatte das Vorkaufsrecht. Nun bildete das Gemälde den Auftakt einer beeindruckenden, mit Verstand und Gefühl vorbereiteten Schau, die am 6. Juli 2018 eröffnet wurde und schon am 7. Oktober 2018 wieder schließt. Sie war langfristig vorbereitet, musste nicht »ertrotzt« werden und trägt den Titel »Hinter dem Horizont. Kunst der DDR aus den Sammlungen des Staatlichen Museums Schwerin«. Es gibt Bilder von Mattheuer, in denen er die Gedanken der Betrachter auf etwas Dahinterliegendes lenkt, z. B. in seinem Gemälde »Horizont« von 1970 oder in einer vieldeutigen Landschaft mit der Bezeichnung »Hinter den sieben Bergen« (1973). Die Selbstverständlichkeit, die den Umgang mit Kunst aus der DDR in Schwerin bestimmt, hat dort Tradition. Nach zahlreichen vorangegangenen Werkschauen werden nun erstmals alle Bereiche präsentiert: Gemälde, Zeichnungen, Plastiken, Collagen, Mail Art und Aktionskunst. Die Ausstellungsbedingungen in Schwerin sind schwieriger und die Bestände vielleicht weniger spektakulär als in Dresden, obwohl auch in der Schweriner Sammlung wesentliche Stücke aus der DDR zu finden sind. Die Verantwortlichen in der Elbestadt können jedoch in Schwerin lernen, wie man ohne Scheuklappen mit einem solchen Erbe umgeht.

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Wolfgang Mattheuer: »Die Flucht des Sisyphos« (1972), Öl auf Hartfaser (96 x 118 cm), Albertinum/Galerie Neue Meister, Dresden

Im Mittelpunkt stehen zwei Werke: Thomas Zieglers freundlich-ironisches Viertafelbild »Sowjetische Soldaten« von 1987, das in der X. Kunstausstellung der DDR in Dresden zu den meistdiskutierten Werken gehörte, ohne Auftrag entstand, aber von der Gesellschaft für Deutsch-Sowjetische Freundschaft angekauft wurde, und Heidrun Hegewalds Bildnis »Die Rosa«, ebenfalls 1987 gemalt, ebenfalls zunächst aus eigenem Antrieb.⁷ Vor der X. Kunstausstellung der DDR hatte das Ministerium für Kultur Atelierbesuche veranlasst, um zusätzliche Arbeiten unter Vertrag zu nehmen, darunter auch »Die Rosa«. Hegewald vollendete termingerecht das Werk und meldete es zur Abnahme an. Doch niemand vereinbarte trotz ihrer Mahnungen einen Termin mit ihr, so dass es nicht eingereicht werden konnte. Man wollte sich dieses Bild offensichtlich »ersparen«. Über die Gründe kann man spekulieren, denn Rosa Luxemburg zeigt sich nicht in einer heroischen Verklärung, sondern als kluge, selbstbewusste, verletzliche Frau, die trotz ihrer körperlichen Behinderung von innerer Schönheit ist und ihr Herz öffnet. Sicher hatte man auch deshalb Bedenken, weil die Oppositionellen Ende der 1980er Jahre Luxemburgs Wort von der Freiheit, die immer die Freiheit der Andersdenkenden sei, für sich in Anspruch nahmen. Das Bild wurde schließlich – über den Kopf der Künstlerin hinweg – dem Schweriner Museum übereignet. Heute gehört es dort zu den wichtigen Gemälden der Sammlung. In der Ausstellung hängen die Werke von Thomas Ziegler und Heidrun Hegewald an exponierter Stelle in einem Auditorium, das für Diskussionen mit den Besuchern u. a. für Vorträge genutzt wird. Drei Vitrinen im Vorfeld dieses Bereichs vermitteln Material zu ihrer Entstehungs- und Rezeptionsgeschichte.

Auch in Schwerin gibt es erfreuliche Wiederbegegnungen mit Arbeiten von mehr als 100 Künstlern, u. a. von Rudolf Austen, Theo Balden, Wieland Förster, Hermann Glöckner, Carl Hinrichs, Susanne Kandt-Horn und Wolfgang Peuker. Das Museum hat einen umfangreichen, zweisprachigen Katalog erarbeitet. Der Rundgang ist besucherfreundlich gestaltet; selbst Kinder und Jugendliche werden mit speziellen Mitteln der Museumspädagogik intensiv einbezogen. In der ständigen Sammlung der Gegenwartskunst werden seit langem Werke von 13 Künstlern aus der DDR gezeigt. Bernhard Heisigs »Fliegen lernen im Hinterhof« gehört ebenso dazu wie Clemens Gröszers »Bildnis Karl Mickel«, Wieland Försters »Arkadischer Akt« oder Gudrun Brünes »Juliane«. Auch daraus können die Dresdener Museumsleute lernen.

Qualität bewahren

Im zu Ende gehenden Jahrzehnt gab es an vielen Orten Ostdeutschlands Überblicks- und Personalausstellungen, die Stationen auf einem Weg waren, Kunst aus der DDR aus der ihr nach 1989/90 brutal zugewiesenen Schmuddelecke zu holen. Die dümmliche Phrase von Auftragskunst als a priori schlechter Kunst hört man heute seltener. »Staatskünstler« werden von Wissenschaftlern und seriösen Journalisten zunehmend weniger nach ihren gesellschaftlichen Funktionen, sondern nach der künstlerischen Substanz ihrer Werke beurteilt.

Bei seiner Umgestaltung blieb der Dresdener Kulturpalast als Zeugnis der architektonischen Moderne der DDR im urbanen Erscheinungsbild erhalten. Doch im Zentrum Potsdams wurde trotz aller Proteste die in der DDR erbaute, architektonisch wertvolle Fachhochschule abgerissen. Und Vandalenakte setzen sich fort. In Berlin formiert sich Widerstand gegen den geplanten Radikalumbau und die Vernichtung des Innenraums der St.-Hedwigs-Kathedrale, der nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges von Architekten und Künstlern aus Ost- und Westdeutschland neu gestaltet wurde. Dieser katholische Bauskandal würde u. a. die Werke des Metallkünstlers Fritz Kühn treffen.

Am kapitalistischen Umgang mit der Kultur, wird sich in einem Staatswesen, das vom Geld regiert wird, nichts Grundsätzliches ändern. Dennoch: Selbstbewusste Museumsleute, Kuratoren, Galeristen, Denkmalpfleger und Vertreter von Kunstvereinen tragen die staatlich gewollte Abwertung von Werken aus der DDR immer weniger mit, weil sie immer öfter deren Qualitäten erkennen und bewahren wollen.

Anmerkungen:

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Willi Sitte: »Bergung II« (1958), Öl auf Hartfaser (165 x 208 cm), Kunstmuseum Moritzburg Halle/Saale

1 Rede des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier. Ausstellungseröffnung »Hinter der Maske. Künstler in der DDR«, Potsdam, 28.10.2017, http://t1p.de/Steinmeier

2 Welt, 2.6.2009

3 Christoph Hein und Peter Michel: DDR-Kunst soll wie »ein hässlicher Regentropfen der Geschichte rasch verdunsten«. In: Deutsche Geschichte, Sonderheft 1/2010, 20 Jahre deutsch-deutsches Dilemma – eine alternativlos ehrliche Bilanz, Einheit in Zwietracht, S. 72 f.

4 April A. Eisman: »Der Prophet im eigenen Land«, Sächsische Zeitung, 11.11.2017, S. 12

5 Paul Kaiser: »Tunnelblick aus der Sackgasse. Nach dem Dresdener Bilderstreit ändert das Albertinum seinen Kurs im Umgang mit Kunst aus der DDR. Ein Rundgang«, Sächsische Zeitung, 16.6.2018, S. 14

6 RT Deutsch, https://de.rt.com/1g5q

7 In der DDR gab es dafür den Begriff »Eigenauftrag«.

Informationen zu den Ausstellungen finden sich unter: www.hallomoderne.de; kurzlink.de/1949-1990; kurzlink.de/museum-schwerin

Peter Michel ist Kunstwissenschaftler und ­Publizist. An dieser Stelle erschien zuletzt am 12. Juni 2018 ein Auszug aus seinem Band »Künstler in der Zeitenwende II«. Sein neues Buch mit dem Titel »Gewissenstrommler« erscheint im Oktober im Verlag Wiljo Heinen.

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