Zum Inhalt der Seite
Sachsen-Anhalt

Einsamer Krieger

Briefe aus Blauland

Foto: Bernd Elmenthaler/imago
Siegessicher: Ministerpräsident Sven Schulze von der CDU

Lieber Freund, ich frage mich manchmal, ob Außerirdische nicht längst unter uns leben. Zumindest einige Politiker sind definitiv nicht von dieser Welt. Sven Schulze zum Beispiel, unser Ministerpräsident hier in Sachsen-Anhalt. Ein Mann, der behauptet, ihm seien seine 5.000 Telefonnummern wichtiger als die 560.000 Follower von AfD-Herausforderer Ulrich Siegmund. Oder anders: lieber Seilschaften als Volk. Aber darum geht es mir nicht.

Schulze möchte die CDU bei der Wahl im Herbst zur stärksten Partei machen und alle Direktmandate gewinnen. Das hat bei der letzten Wahl 2021 fast geklappt, nur Zeitz wählte AfD. Aber die Welt hat sich weitergedreht. Die AfD hat die CDU in Sachsen-Anhalt 2024 bei der Europawahl geschlagen und 2025 bei der Bundestagswahl, da mit krassen 15 Prozent Vorsprung. Alle Direktmandate gingen an die Rechten.

Gegen diese blaue Welle will sich Schulze nun stemmen, hat aber weder die Bekanntheit, geschweige denn die Beliebtheit seines Vorgängers Reiner Haseloff. Und Ziele, die irreal, überzogen, ja geradezu außerirdisch wirken. Die CDU soll stärkste Kraft werden, Punkt. Dieser Wunsch allein ist angesichts der jüngsten Umfragen schon phantastisch.

Anzeige

Aber Schulze legt noch einen drauf: Für den möglichen Fall, dass sich außer der CDU nur die AfD und die Linke im Landtag halten können, will er mit keiner der beiden zusammenarbeiten. Er geht also davon aus, dass die CDU nicht nur stärkste Fraktion wird, sondern auch noch die absolute Mehrheit der Sitze gewinnt.

Was bitte geht in diesem Kopf vor? Laut Eigenaussage dudelt da gerade oft Fleetwood Macs »Go Your Own Way.« Das versteht Schulze anscheinend als Hymne des politischen Sonderwegs, für den Rest der (englischkundigen) Welt ist das – Frau Schulze, aufgepasst! – ein Lied über eine Trennung. Aber okay.

Schulze selbst sieht sich immerhin bestens gerüstet. Er ist von hier, das muss den Wählern reichen. Er kann die Zündkerze an einer Simson wechseln, das macht ihn zum Ostdeutschen. Und wenn Inhalte nicht überzeugen, liegt das an Berlin oder Brüssel. Klare Sache. Dumm nur, dass Siegmund auch von hier ist. Und auch für Mopeds schwärmt. Und auch auf Berlin und Brüssel schimpft.

Nur zu Fleedwood Mac hat sich Siegmund noch nicht geäußert. Fuck, jetzt hab ich einen Ohrwurm. Danke, Schulze!

Themen:
→ Sie können uns auch mit einer Spende unterstützen
Erschienen in der Ausgabe vom 13.04.2026, Seite 11, Feuilleton

Wie hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

→ Teilen und weiterempfehlen
Solidarität jetzt!

Das Verwaltungsgericht Berlin hat entschieden und die Klage des Verlags 8. Mai abgewiesen. Die Bundesregierung darf die Tageszeitung junge Welt in ihren jahrlichen Verfassungsschutzberichten erwahnen und beobachten. Nun muss eine höhere Instanz entscheiden.

In unseren Augen ist das Urteil eine Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Bundesrepublik. Aber auch umgekehrt wird Bürgerinnen und Bürgern erschwert, sich aus verschiedenen Quellen frei zu informieren.

Genau das aber ist unser Ziel: Aufklärung mit gut gemachtem Journalismus. Sie können das unterstützen. Darum: junge Welt abonnieren für die Pressefreiheit!