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Aus: Ausgabe vom 28.03.2026, Seite 15 / Geschichte
Organisation Gehlen

»Jeden Schweinehund verwenden«

Wie Nazimilitärs in die Bundesrepublik überführt wurden: Vor 70 Jahren wurde die Organisation Gehlen zum Bundesnachrichtendienst
Von Max Grigutsch
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Reinhard Gehlen (M.) und andere Nazis während des Zweiten Weltkriegs

Der kürzlich verstorbene Autor Otto Köhler schrieb zur Jahreswende 2019/2020 in junge Welt: »Man musste die Öffentlichkeit dazu bringen, erhöhte Verteidigungsausgaben zu befürworten. Verteidigen aber kann man nur dort, wo ein Angriff droht.« Die deutsche »Zeitenwende« konnte er noch nicht meinen. Er schrieb über den einstigen Hitlervertrauten Reinhard Gehlen (1902–1979). Dessen Geheimdienst, die »Organisation Gehlen«, hatte nach Ende des Zweiten Weltkriegs einen neuen historischen Auftrag zu erfüllen. Er sollte unter anderem Material beschaffen, mit dem der Öffentlichkeit und vor allem den US-Politikern verklickert werden konnte, dass ein Kräftemessen mit dem neuen alten Hauptfeind im Osten bevorstehe.

Ein Telegramm vom 5. März 1948, geschickt von General Lucius Clay, Militärgouverneur der US-Besatzungszone, überbrachte die Warnung: Eine sowjetische Militäroffensive gegen Westeuropa stünde bevor, mit angeblich 175 kampfbereiten Divisionen. Die Information kam von Gehlen. 1949 gab es dann sogar einen US-Geheimplan, der davon ausging, dass die »rote Gefahr« noch im selben Jahr in Europa, im Nahen Osten, in China, Korea, auch in Kanada und in den USA gleichzeitig zuschlagen würde. Die Information war zwar falsch, aber sie erfüllte ihren Zweck. Die US-Rüstungsindustrie frohlockte. Ein Hoch auf die Geheimdienste.

Brücke Antikommunismus

Die Verbreitung von Fake News über die UdSSR war nicht der einzige Zweck der Organisation Gehlen. Aber »der Antikommunismus bildete eine Art mentale Brücke über die ideologische Zäsur von 1945«, resümierten die Historiker Stefan Creuzberger und Dominik Geppert 2018. Reinhard Gehlen war ja nicht einfach so ein Typ. Und Deutschland nicht einfach so ein Land. Die in der jungen Bundesrepublik überall präsenten Altnazis waren ein Problem – andererseits wollte man auf ihre Expertise zurückgreifen. Konrad Adenauer, der erste Kanzler der Bundesrepublik, wiederholte seinen inoffiziellen Leitsatz in verschiedenen Ausführungen: Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein neues hat.

Gehlen war Teil dieses dreckigen Wassers und genau der richtige. Noch in seinen Memoiren von 1971 war er überzeugt, das »Unternehmen Barbarossa«, der deutsche Feldzug gegen die Sowjetunion 1941, hätte erfolgreich sein können, wären nur nicht »die verderblichen Eingriffe Hitlers« gewesen. Unter dem späteren ersten Generalinspekteur der Bundeswehr, Adolf Heusinger, hatte Gehlen selbst den Überfall der Wehrmacht auf Griechenland, Jugoslawien und die Sowjetunion vorbereitet. Hitler ernannte Gehlen im Mai 1942 zum Chef der Abteilung Fremde Heere Ost, also jener Spionagetruppe, die mit der Folter von Kriegsgefangenen zur Informationsgewinnung befasst war. Die wichtigsten daraus resultierenden Erkenntnisse über die Rote Armee vergrub er zum Kriegsende in 50 Stahlkisten auf dem Wendelstein, schließlich konnten sie noch hilfreich werden. Gebraucht wurden sie dann aber nicht mehr von Hitler, der sich kurze Zeit später im »Führerbunker« erschoss, sondern vom US-Geheimdienst CIA.

Das US-Militär erlaubte es Gehlen, ihnen seine Kenntnisse zu präsentieren. Eins führte zum anderen; und die Vergangenheit – Schwamm drüber. »Er steht auf unserer Seite«, erklärte später Allen Dulles, von 1953 bis 1961 Leiter der CIA, »und nur darauf kommt es an«. Im Dezember 1947 bezog Gehlens Organisation die ehemalige »Reichssiedlung Rudolf Heß« in Pullach bei München. Laut Recherchen des Journalisten Christopher Simpson versorgten die Vereinigten Staaten Gehlens Dienst bis 1956 mit 200 Millionen US-Dollar, 4.000 Mitarbeiter wurden eingestellt, darunter nach CIA-Angaben 13 bis 28 Prozent ehemalige NSDAP-Mitglieder. »Es war unbedingt notwendig, dass wir jeden Schweinehund verwendeten, Hauptsache, er war Antikommunist«, kommentierte laut Simpson damals Harry Rositzke, der im Dienst der CIA für Geheimoperationen gegen die UdSSR verantwortlich war.

Bedrohung herbeireden

Der frühere CIA-Funktionär und spätere Geheimdienstkritiker Victor Marchetti lieferte ein ernüchterndes Urteil über die Arbeit Gehlens: »Meiner Ansicht nach lieferte die Organisation Gehlen nichts, das zum Verständnis oder zur richtigen Einschätzung des politischen und militärischen Potentials in Osteuropa oder sonstwo beitrug. Statt dessen wurde jetzt behauptet, dass die Sowjets in der Lage wären, in Europa, im Nahen und im Fernen Osten gleichzeitig große Offensiven zu starten.« Und wo ein Angriff droht, muss verteidigt werden. So wurde die Organisation Gehlen zum Rettungsdampfer für Hitlers Generalstab und zum Katalysator für eine Wiederbewaffnung der Bundesrepublik Deutschland.

Schon ab 1952, kaum sieben Jahre nachdem sich Hitler die Kugel gegeben hatte, war sein einstiger Ostaufklärer Gehlen an geheimgehaltenen Gesprächen in grausiger Gruppe im neuen deutschen Kanzleramt beteiligt. Mit dabei war Hans Globke, seines Zeichens Mitverfasser der Nürnberger Rassengesetze und später Chef des Bundeskanzleramts unter Adenauer. Im geheimen wurde der Wiederaufbau deutscher Geheimdienste besprochen. Am 1. April 1956 war es soweit. Die Organisation Gehlen wurde offiziell in den Dienst der Bundesrepublik überführt. Reinhard Gehlen wurde im Dezember desselben Jahres zum ersten Präsidenten des neuen alten Dienstes ernannt, der fortan »Bundesnachrichtendienst« heißen sollte. Gehlen stand ihm bis 1968 vor und starb 1979.

70 Jahre nach der Gründung des BND forciert die Regierung der Bundesrepublik die größte Aufrüstung seit den Tagen des Hitlerfaschismus. Inmitten einer andauernden Wirtschaftskrise wachsen neue deutsche Rüstungsmagnaten empor. Die Sowjetunion existiert nicht mehr, aber der Hauptfeind heißt immer noch Moskau. Und die dort sitzenden Verrückten warten nur so darauf, an allen Fronten gegen die liberalen Demokratien Westeuropas loszulegen. Weiß die Bundesregierung. Wissen die Geheimdienste. Von denen wird kolportiert, Deutschland sei der »hybriden Kriegführung« aus dem Osten und der »linksterroristischen Bedrohung« im Innern schutzlos ausgeliefert. Deswegen sollen die Geheimdienste endlich »echte Geheimdienste« werden, und die militärische »Zeitenwende« soll auch für die »nachrichtendienstliche Aufklärung« gelten, erklärte im Februar der für den Auslandsgeheimdienst zuständige Kanzleramtschef, der heute nicht mehr Globke, sondern Thorsten Frei heißt.

Die Gehlen-Gruppe im Kanzleramt

1. In der letzten Augustwoche und der ersten Septemberwoche 1952 fanden im Büro von Ministerialrat GUMPEL Verhandlungen zwischen Vertretern des Bundeskanzleramtes, Mitgliedern der GEHLEN-Gruppe und Vertretern des Finanzministeriums statt. Die Verhandlungen waren vertraulich, und die teilnehmenden Mitglieder wurden nicht vorgestellt oder namentlich genannt oder gaben Decknamen an. Dennoch konnten die folgenden Mitglieder der GEHLEN-Gruppe als Teilnehmer identifiziert werden: GEHLEN, von LOSSOW, WENDLANDT und REPENNING.

2. GEHLEN hat bei seinen geschäftlichen Aktivitäten im Kanzleramt den Decknamen Dr. SCHNEIDER verwendet und war unter diesem Namen schon seit geraumer Zeit bekannt, während seine wahre Identität erst vor kurzem aufgedeckt wurde. (…)

3. Während dieser Verhandlungen wurden Haushalts- und Finanzangelegenheiten für einen neuen Bundesgeheimdienst, der vorläufig »Bundesnachrichtendienst« genannt wird, erörtert. Diese Gespräche hatten vorläufigen Charakter, und es wurden keine Protokolle oder sonstigen schriftlichen Aufzeichnungen angefertigt. Zu einem Zeitpunkt während des Treffens wandte sich Ministerialdirektor GLOBKE, der ebenfalls an dem Treffen teilnahm, an GEHLEN mit der Bitte, ihm die Personalakte und alle anderen von ihm geführten permanenten Daten über den ehemaligen Kriminalrat Karl SCHUETZ, derzeit ein GEHLEN-Agent im Raum ESSEN, zur Verfügung zu stellen. GLOBKE begründete seine Bitte mit dem unmittelbaren persönlichen Interesse von Dr. ADENAUER an diesem Mann. GEHLEN antwortete, er könne diese Informationen nicht bereitstellen, da alle Personenakten zu SCHUETZ bei den Briten in LONDON aufbewahrt würden.

(CIA-Bericht über die Gründungsgespräche des Bundesnachrichtendienstes, 12.9.1952)

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