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Aus: Ausgabe vom 28.12.2019, Seite 12 / Thema
Geschichte der BRD

Nazis bitte nicht wegschütten

Bundesdeutsche Ministerien und Behörden haben in den letzten Jahren Historiker beauftragt, ihre eigene Vergangenheit zu erforschen. Das musste auf Widerstand stoßen. Schmutzige Wasser (Teil 1)
Von Otto Köhler
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Bundeskanzler Hans Globke (r.) trug stets eine saubere Weste. Staatssekretär Konrad Adenauer (l.) hatte sie mit dem Wasser, das ihm in Bonn zur Verfügung stand, immer wieder gereinigt (Aufnahme von 1963)

Die Aufklärung ereilte den Thema-Ressortleiter der jungen Welt am 31. Oktober 2018 um 10.37 Uhr mit freundlichen Grüßen aus Paderborn: »Sehr geehrter Herr Bratanovic, vielen Dank für Ihre Anfrage. Da Ihre Zeitung nach Prüfung leider nicht der Zielgruppe unserer Verlage entspricht, möchten wir von dem Versand von Rezensionsexemplaren absehen.« Bratanovic hatte schon im Oktober 2018 für diese Serie, die heute hier beginnt, einen Sammelband bestellt, der exakt ihrem Thema entspricht: »Die Ämter und ihre Vergangenheit. Ministerien und Behörden im geteilten Deutschland 1949–1972.«

Das Buch, das für diese Serie unersetzlich ist, habe ich trotzdem erhalten. Kurz nach der Absage an junge Welt hat die Redaktion der von mir mitherausgegebenen Zeitschrift Ossietzky den Band angefordert und unverzüglich ein Rezensionsexemplar bekommen. Das ist schlimm: Wir von Ossietzky gehören somit zur Zielgruppe der Verlage des Hauses Schöningh – so wie das Rechtsaußenblatt Junge Freiheit, das des öfteren Werke aus diesem Verlagshaus bespricht! Womit haben wir das verdient?

»Nach Prüfung«, schreiben die Schöningh-Verlage. Wer prüft denn so was? Das Bundesamt für »Verfassungsschutz«, das zwar damals noch unter seinem nach rechts draußen hoch­toleranten Präsidenten Dr. Hans-Georg Maaßen ausdrücklich nicht die Junge Freiheit in den Verfassungsschutzbericht aufnahm, wohl aber diese Tageszeitung hier mit der Proskription: »Die kommunistisch ausgerichtete Tageszeitung junge Welt (jW) tritt für die Errichtung einer sozialistischen/kommunistischen Gesellschaft ein (…) Einzelne Redaktionsmitglieder und ein nicht unerheblicher Teil der Stamm- und Gastautoren sind dem linksextremistischen Spektrum zuzurechnen.« Und wir von Ossietzky sollen nicht in so ein schönes Spektrum einzuordnen sein? Frechheit!

Das hier zu rezensierende Buch ist der Protokollband 28 der regelmäßig von der »Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus« veranstalteten »Rhöndorfer Gespräche«. Der Band untersucht die Wasserqualität in der Bundesrepublik Deutschland und wurde gefördert von der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Monika Grütters. Pflichtgemäß gehen seine Autoren von der Voraussetzung aus, dass es in diesem Land fast nur Schmutzwasser gab, das zu benutzen war.

Globkes Lächeln

Dieses Rhöndorfer Gespräch diente der Auseinandersetzung mit den um sich greifenden Historikerkommissionen, die eine etwaige Vergangenheit bundesdeutscher Institutionen untersuchen. Auf dem Einband – beide behütet – Bundeskanzler Konrad Adenauer mit zum Sprechen geschürzten Lippen und sein Staatssekretär Hans Globke mit einem diskreten Lächeln auf den seinen. Das informative Buch versammelt die Beiträge der »Rhöndorfer Gespräche« vom März 2016.

In der Mitte des Bandes zitiert Bernhard Löffler, Mitglied des »Wissenschaftlichen Beirats der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus«, eben diesen Kanzler mit der Gebrauchsanweisung: »Man solle halt« – wie denn halt? – »die ›wirklich üblen Nazielemente‹ entfernen, aber ein hoher Anteil alter Beamter sei unverzichtbar und unvermeidlich, denn die Maschine müsse laufen. ›Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein neues hat‹«.

Auch Corinna Franz kennt den »Pragmatismus« des Kanzlers »in diesen Dingen«. Sie ist die Geschäftsführerin der Stiftung Konrad-Adenauer-Haus und kennt dessen »zentrales Anliegen«, nämlich: »Menschen aller Altersgruppen mit einem pädagogischen Konzept zu erreichen, das die Biographie des Gründungskanzlers in ihren historischen Zusammenhang einbettet«. Das pädagogische Konzept entspricht des Kanzlers Leitmotiv. Die erfahrene Geschäftsführerin präsentiert ganz oben auf Seite 18 den Leitsatz der Tagung in einer geringfügigen Variation: »Man schüttet kein dreckiges Wasser aus, wenn man kein reines hat.« Ob neues oder reines Wasser – beides ist nicht zu gebrauchen. Adenauer selbst hat diese Wortvariationen verschiedentlich in seinen heute in drei Bänden überlieferten vertraulichen »Teegesprächen« mit zuverlässigen Journalisten (hauptsächlich von der Frankfurter Allgemeinen, der Welt und der Süddeutschen Zeitung) gebraucht. Das Wasser, das man nicht hatte, war mal rein, mal sauber. Das schmutzige Wasser, das – dank Adenauers programmatischem Wort – allein zur Verfügung stand, blieb stets gleich dreckig, nämlich braun. Und gemeint war: Nazis bitte nicht wegschütten – wir brauchen sie.

Adenauer hat es, selbst darunter leidend, unterstrichen. Den Journalisten, denen er traute, sagte er: »Ich bin nicht gerade glücklich über die Zusammensetzung des Auswärtigen Amtes, keineswegs, aber – verstehen Sie das bitte jetzt nicht falsch – es gibt ein rheinisches Wort das sagt …« Und dann folgte seine Jeremiade über das nicht vorhandene reine Wasser.

Einen Krug davon hätte es im Auswärtigen Amt gegeben. Fritz Kolbe lieferte aus Hass auf die Nazis 1.600 Dokumente an den US-Geheimdienst – darunter sogar genaue Lagepläne von Hitlers geheimem Hauptquartier, der »Wolfsschanze«. Als »Verräter« wurde er nicht in das Auswärtige Amt der Bundesrepublik übernommen. Er wäre dort aber auch im schmutzigen Wasser ertrunken. Noch nach Jahren, als sie schon pensioniert waren, schrien die Nazimumien voller Wut über »Das Amt« auf, der »umstrittenen« – wie dieser Band hier ätzt – Untersuchung einer Historikerkommission.

Die Macht der Juden

Adenauer, selbst kein Nazi, war gut versorgt – er hatte seinen Globke. Von dem Rassekommentator, der 1937 die Juden vierteilte (Vierteljude, Halbjude, Volljude), wusste er genau Bescheid über die »Judenfrage« (von einer Deutschenfrage hat er nie etwas gesagt): »Die Macht der Juden auch heute noch, insbesondere in Amerika, soll man nicht unterschätzen«, verkündete er am 29. Dezember 1965 in einem oft wiederholten Fernsehgespräch: Wegen dieser Macht hatte er Vorsicht gelernt: »daher habe ich Versöhnung herbeizuführen« – ein Prozess, der bis heute auf allen deutschen Straßen und Friedhöfen anhält – »zwischen dem jüdischen Volk und dem deutschen«.

Das zitiert seine Haus-Geschäftsführerin nicht, wohl aber beschwert sie sich auf Seite 41, dass Adenauer 1966 bei seinem Israel-Besuch »mit dem Vorwurf einer mangelhaften Aufarbeitung der Vergangenheit« auf »herausfordernde« Weise konfrontiert worden sei. Sie stellt klar: »Adenauer fühlte sich in seinem guten Willen missachtet und sein politisches Werk von zwanzig Jahren in Frage gestellt. Die ungeschminkte Konfrontation mit der Vergangenheit hatte ihn aus der Fassung gebracht, er drohte mit Abreise.« Corinna Franz weiter: »So wie er die Deutschen durch das Leistungsversprechen und ein gesichertes Leben von« – da sind sie wieder, die Namenlosen – »den Dämonen der Vergangenheit befreien wollte, setzte er voraus, dass auch die Juden im gelungenen Staatsaufbau Israels ›Trost erblicken für das, was ihnen angetan wurde‹«.

Schon zu Beginn (Seite 9) des der jungen Welt aus Gründen verweigerten Bandes stellen die beiden Kanzler-Adenauer-Haushistoriker Stefan Creuzberger und Dominik Geppert – beide sitzen im »wissenschaftlichen« Beirat der Stiftung – nahezu erleichtert fest: »Der Antikommunismus bildete eine Art mentale Brücke über die ideologische Zäsur von 1945.« Das ist nicht falsch: Der Antikommunismus liegt fast immer mit dem Faschismus im Bett, egal, ob es zur Kopulation kommt oder ob man sich auch mal angiftet.

Das vorausgesetzt, lassen sich Geppert und Creuzberger auf einen deutsch-deutschen Vergleich ein – »insbesondere für die beiden deutschen Sicherheitsbehörden«. Sie wissen: »Die eine wirkte im Dienste einer totalitären Herrschaft, die sich im Geiste des Antiimperialismus legitimierte, die andere agierte als antikommunistische Hüterin einer freiheitlich bürgerlich-demokratischen Grundordnung.« Richtig, genau so, wie wir sie dank Adenauers Einordnung als Schmutzwasserdemokratie kennen – ein unverzichtbarer Bestandteil der deutschen Leitkultur nach 1945.

Und dank dem Grundgesetzartikel 131, an dem schon 1948 im Parlamentarischen Rat gebastelt wurde: Die »Rechtsverhältnisse von Personen einschließlich der Flüchtlinge und Vertriebenen, die am 8. Mai 1945 im öffentlichen Dienst standen«, wurden durch ein Bundesgesetz wiederhergestellt. Ein Meer von Nazis brach über die Bundesrepublik herein – die Flut kam auch aus dem Osten, wo man sie weniger hochgeschätzt hatte.

Leichter macht man sich das Leben, wenn man Schmutzwasser als naturtrüb oder als nahezu sauber bezeichnet. Adenauerhäusler Bernhard Löffler kennt dieses Verfahren. In dem wunderschönen Kapitel für das er die hinreißende Zwischenschrift »Kontaminationsqualitäten und Kontinuitätsintensitäten« gefunden hat, schreibt er über das Wirtschaftsressort: »Die Ministeriumsspitze – Ludwig Erhard, Ludger Westrick, Alfred Müller-Armack« – habe »gerade nicht« für »nahtlose Karrieremuster über die Zäsur von 1945 hinweg« gestanden.

Ach, Erhard hatte noch in den Januartagen 1945 im Reichswirtschaftsministerium zusammen mit einem Vertrauten des später gehenkten Massenmörders Otto Ohlendorf den Begriff »Soziale Marktwirtschaft« für die Nachkriegswirtschaftsordnung erfunden und sich zuvor bei Arisierungen bewährt. Wehrwirtschaftsführer Westrick lieferte wenige Tage davor seiner VIAG-Belegschaft die Durchhalteparole: »Mit Zuversicht und Glauben an die gerechte deutsche Sache wollen wir das Jahr 1945 beginnen.« Und Müller-Armack, dem man fälschlich zuschreibt, er habe den Begriff »Soziale Marktwirtschaft« erfunden, war schon vor 1945 Mitglied der NSDAP und schrieb pünktlich 1933 sein Opus magnum »Staatsidee und Wirtschaftsordnung im neuen Reich«.

»Im Mahlstrom der Zeit«, so nennt Bundeskanzleradenauerhaushistoriker Löffler seinen wohlformulierten Beitrag über »Personalkontinuiäten und ›Vergangenheitsbewältigung‹ im Bundeswirtschaftsministerium«. Mahlstrom, das ist eine schöne Mär, die wunderbar erläutert, wie es den armen Nazis gegangen sein muss, die doch in Wirklichkeit gar keine gewesen sein konnten und deshalb fairerweise wiederbeschäftigt wurden: Der Mahlstrom der Zeit – er verschlingt so einen armen Beamten in jener Zeit, zieht ihn aber wieder nach oben, er erwischt ein Körbchen, schwingt sich rein und landet, wenn er kein Jude ist, als frischgeborener Moses im Bundesministerium.

Fritz Neef, Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, später Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes der Deutschen Industrie, war so einer. Er schrieb, das zitiert Löffler, seinem Alt- und Neukollegen Elmar Michel, dass sie beide im Reichswirtschaftsministerium »mitten im Mahlstrom der Zeit« gestanden hätten: »Aber so ist es ja uns allen ergangen, und genau wie wir glauben, in dieser Zeit eine jederzeit vertretbare anständige Haltung gewahrt zu haben, genauso bin ich überzeugt, dass dies auch für das Reichswirtschaftsministerium als Ganzes gilt.«

Kontinuitätsintensität, gut. Aber Kontaminationsqualität? Hat Kollege Michel mit dem sich Kollege Neef auf Seite 88 so elegisch austauscht über den Mahlstrom der Zeit, in dem sie alle steckten, und den Bernhard Löffler sogar als Hauptüberschrift seines Beitrags über die »›Vergangenheitsbewältigung‹ im Bundeswirtschaftsministerium« benutzt, hat Michel je eine »jederzeit vertretbare anständige Haltung« verlassen? 13 Seiten später erfahren wir lediglich, Michel sei ab 1953 im Bundeswirtschaftsministerium tätig gewesen – »nach langer französischer Haft«. Hier in diesem Band kein erklärendes Wort, warum so etwas geschehen konnte.

Warum war er in Haft? War es der von Löffler so willig zitierte »Mahlstrom«?

Erbrachte Leistungen

Der vom Reichswirtschaftsministerium von 1940 bis 1945 nach Paris als Leiter der Abteilung »Wirtschaft« im Verwaltungsstab des Militärbefehlshabers abgeordnete Elmar Michel war für die »Entjudung« Frankreichs zuständig. Er sorgte sich unverzüglich darum. Rundschreiben Michels an die Feldkommandanturen vom 1. November 1940, dass die »Verdrängung der Juden auch Bestand hat, wenn die Besetzung aufhört«. Michels gilt »wie Hans Globke« als »Prototyp der Kontinuität von Beamten in Politik und Wirtschaft der Nachkriegszeit«. So Martin Jungius und Wolfgang Seibel in einem Aufsatz (»Der Bürger als Schreibtischtäter«) der Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, Heft 2/2008.

Kurz vor dem Ende schrieb SS-Sturmbannführer Franz Medicus am 13. Januar 1945 vorsorglich an SS-Sturmführer Franz Rademacher, der als Leiter des sogenannten Judenreferates des Auswärtigen Amtes 1942 für den Abtransport von 6.000 französischen Juden nach Auschwitz mitverantwortlich war: »Ich höre mit Freuden, dass Min.Dir. Dr. Michel mit Ihnen bereits in Verbindung getreten ist wegen Ihrer Hilfestellung bei der Erstellung des Abschlussberichts [...]. Immerhin müsste man in diesem Bericht berücksichtigen a) die erbrachten Leistungen, b) die Gesichtspunkte, die vom Gegner [eingefügt: dereinst] aufgegriffen werden und wegen derer wir bei späteren Verhandlungen [!] übel wollender Kritik oder gar Angriffen ausgesetzt sein dürfte (sic!). [...] Schließlich haben wir alle das gleiche Interesse – abgesehen davon, dass es jedem von uns erwünscht sein muss, dass das zu seiner Zeit und unter seinem Befehl Geschaffene angemessen und richtig zur Darstellung kommt.«

Die Judenmörder können sich auf den Kanzler-Adenauer-Haushistoriker Bernhard Löffler verlassen: In diesem Tagungsband der »Rhöndorfer Gespräche« ließ er jegliche übelwollende Kritik im Mahlstrom seiner Geschichtswissenschaft untergehen. Deutsche Regierungsstellen hatten in den 1950er Jahren die strafrechtliche Verfolgung Michels in Frankreich erfolgreich zu hintertreiben gesucht, und so konnte er wieder für die Arbeit im Wirtschaftsministerium bereitgestellt werden.

Hier in diesem Buch, dessen Beiträge auf der Kampftagung gegen die Historikerkommissionen entstanden, über solche Kontaminationen kein Wort. Ein kleiner Hinweis findet sich in Löfflers – er muss sie gelesen haben – 658 Seiten starken Habilitationsschrift von 2000/01. Sie trägt den Untertitel »Das Bundeswirtschaftsministerium und Ludwig Erhard« und enthält lediglich die Behauptung, dass Michel wegen »angeblicher«, formuliert er, »Beteiligung an Kriegsverbrechen« angeklagt gewesen sei. Wer heute wieder Verantwortung übernehmen will für die ganze Welt, braucht wenigstens eine gesäuberte Uniform.

Keine regelrechte Renazifizierung

Ja, Adenauer, so zitiert ihn die Geschäftsführerin seines Kanzler-Hauses, hielt »nichts von dem neurotischen Dauergeschwätz über die Vergangenheit«. Im Nachwort, dem die beiden Adenauer-Hauswissenschaftler Creuzberger und Geppert vorsichtig den Titel »Eine Zwischenbilanz« geben, formulieren sie verlegen die Zwischenüberschrift: »Keine regelrechte ›Renazifizierung‹ in der Bundesrepublik«. Ja, was dann?

Ungeregelt war sie nicht – es gab den Artikel 131. Manfred Görtemaker – er war wie einige Mitglieder der Historikerkommissionen als Punchingball geladen – hat das Buch »Die Akte Rosenburg. Das Bundesministerium der Justiz und die NS-Zeit« mitherausgegeben. Dort findet sich ein ganzes Kapitel über »Steigbügelhalter der Renazifizierung«.

Adenauers Aktion »Schmutzige Wasser« war ein Erfolg: Die Nazis fühlten sich wieder wohl. Die Kanzleradenauerhaushistoriker: »Vor dem Hintergrund mehrfach in vergleichsweise kurzer Zeit erlebter Umbrüche, die in der Regel mit tiefgreifenden Zäsuren und Karriereeinschnitten verbunden waren, entwickelte sich ein tiefes Bedürfnis nach Stabilität, Sicherheit und Berechenbarkeit.«

Ja, keine Karriereeinschnitte für Nazis – dem Studenten Reinhard Strecker, der in den sechziger Jahren mit der »Aktion Ungesühnte Nazijustiz« amtierende NS-Blutrichter in die wohldosierte Pensionierung zwang, blieb die Karriere versagt. Er erlebte nur die Einschnitte. Jahrzehntelang drückten ihn die hohen Gerichtskosten, die ihm Globke bereitete (wegen einer Dokumentation über dessen Blutschutzkommentar). Strecker lebt heute von einer Armutsrente und, oh ja, einem Bundesverdienstkreuz – etwas weniger zufrieden.

Das war ein »Lernprozess«, erläutern die beiden Professoren Stefan Creuzberger und Dominik Geppert vom wissenschaftlichen Beirat der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus. Der letzte Satz dieses Buches, zu dessen Zielgruppe die junge Welt nicht gehören darf, stellt fest, »dass die Bundesrepublik trotz mindestens ebenso starker, bzw. noch stärkerer NS-Belastung ihrer Eliten sich letztlich kritischer und erfolgreicher mit der NS-Vergangenheit auseinandergesetzt hat als die DDR, wo in der SED-Parteidiktatur unter dem Schutzmantel eines offiziell proklamierten Antifaschismus derartige Lernprozesse weder erwünscht noch möglich waren.«

Im Kanzler-Adenauer-Haus ist so was möglich und erwünscht. Der untote Kanzler des schmutzigen Wassers regiert noch immer in seinem Heim.

Dominik Geppert und Stefan Creuzberger (Hrsg.): Die Ämter und ihre Vergangenheit. Ministerien und Behörden im geteilten Deutschland 1949–1972, Verlag Ferdinand Schöningh, Paderborn 2018, 214 Seiten, 49,90 Euro

Otto Köhler schrieb an dieser Stelle zuletzt am 13. Dezember über die Hohenzollern, den Spiegel und die SA.

Teil II dieser Serie erscheint am 31.12.

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