Krieg spielen
Von Max Grigutsch
Manch einer kann den Krieg kaum abwarten. Also die Vorbereitung darauf. Alles defensiv, versteht sich. Fehlt es an realen Bedrohungen für die NATO, muss eben Krieg gespielt werden. »Was, wenn Russland uns angreift?« fragte entsprechend das Springer-Blatt Welt, das sich eigenen Angaben nach bereits Anfang Dezember als Militärnachhilfelehrer inszeniert und ein »Wargame«, also die Simulation eines Kriegsszenarios, veranstaltet hatte. Laut Berichterstattung vom Donnerstag konnte damit Material für einen mehrteiligen Podcast, mehrere Print- und Onlinebeiträge und eine Fernsehreportage gesammelt werden.
Das Szenario der auf diese Weise wohl gut monetarisierten Spielerei sei »rein fiktiv, aber nicht aus der Luft gegriffen«, heißt es weiter. »Sicherheitsexperten« seien sich einig: »Russland will wieder zur bestimmenden Macht in Europa werden.« Dem widersprach am Donnerstag Cornelia Mannewitz, Bundessprecherin des Vereins Deutsche Friedensgesellschaft – Vereinigte KriegsdienstgegnerInnen (DFG-VK), gegenüber jW: »Nicht nur das Spiel ist fiktiv, sondern auch die Vorstellung, dass Russland die NATO angreifen könnte. Die NATO ist vielfach überlegen. Beweise dafür, dass Russland einen Angriff vorbereitet, gibt es nicht.«
Von solchen Einwänden unbeirrt, nahm das Planspiel seinen Lauf. Klappe auf: »Stellen Sie sich vor: Es ist Dienstag, der 27. Oktober 2026. 6.47 Uhr. Im Bundeskanzleramt in Berlin brennt Licht. (…) Russische Truppen stehen an der Grenze zu Litauen, offenbar bereit, in das NATO-Land einzumarschieren. Der Bundeskanzler hat seine wichtigsten Minister und Berater zu einer Krisensitzung zusammengerufen.« Podcastfolge eins setzt ein mit dramatischer Musik und dem Zitat eines Spielers: »Vielleicht sollten wir mal ein Schiff versenken.« Die Spannung steigt.
Ausgerichtet wurde das Spektakel an der Universität der Bundeswehr in Hamburg, in Zusammenarbeit mit dem »German Wargaming Center«. Besetzt waren die Rollen mit Kriegstreibern aus Staat und Politik. Im »Blue Team«, das die Bundesregierung darstellen sollte: der Ex-CDU-Generalsekretär Peter Tauber als Bundeskanzler, der CDU-»Außenpolitikexperte« Roderich Kiesewetter als Verteidigungsminister, der frühere Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt, Michael Roth (SPD), als Außenminister, die parlamentarische Geschäftsführerin der Grünen, Irene Mihalic, als Innenministerin und so weiter. Das gegnerische »Red Team«, also der Kreml, bestand aus dem »russischen Politikexperten« Alexander Gabujew, dem Militäranalysten Franz-Stefan Gady und dem Exdiplomaten Arndt Freytag von Loringhoven. Man wollte wohl wie »der Russe« denken. »Diese Perspektive schärft das Verständnis für die gegnerische Denklogik, in unserem Fall die des Kremls«, erklärt Welt.
Laut dem Blatt sei Zweck solcher Simulationen, »den Ernstfall durchzudenken, bevor er eintritt«. Dabei dürfen sogenannte hybride Angriffe auf deutsche Infrastruktur nicht fehlen. Das Szenario umfasste etwa russische Cyberangriffe auf das Online-Banking und Desinformationskampagnen. Welt: »Deutschland soll erkennen, wo seine Schwächen liegen – und sie beheben, bevor der Ernstfall eintritt. Nur eine wehrhafte Demokratie kann sich behaupten, durch Abschreckung verhindern, dass es zum Äußersten kommt.«
Ähnlich äußerte sich der Spieler und Abgeordnete Kiesewetter am Donnerstag gegenüber dpa: »Wer nie wieder Krieg will, darf nie wieder wehrlos sein.« Das Kriegsspiel habe unter anderem verdeutlicht, wie wichtig eine frühzeitige und klare Information der Bevölkerung sei.
DFG-VK-Sprecherin Mannewitz nannte das Projekt der Welt indes einen »ganz eigenen Beitrag zur ›Kriegstüchtigkeit‹«. In Spielen könne man vieles suggerieren, und es mache auch noch Spaß. »Kriege aber sind tödlich«, sagte sie.
»Offensichtlich kann es bestimmten Akteuren nicht schnell genug gehen«, kommentierte der verteidigungspolitische Sprecher der Fraktion Die Linke im Bundestag, Ulrich Thoden, am Donnerstag auf jW-Anfrage. Ausgerechnet der »Oberlobbyist« Peter Tauber spiele den Kanzler, kritisierte er. Statt Kriegsvorbereitungen seien Überlegungen nötig, wie Krieg verhindert werden kann. »Das Kriegsspielen der Welt ist pervers und muss beendet werden.«
Auch ohne die Hilfe der Presse bereitet sich das deutsche Militär mit Planspielen auf den imaginierten Ernstfall vor. Im Vorwort des »Wargaming-Handbuchs der Bundeswehr«, veröffentlicht 2024, schreibt Carsten Breuer, Generalinspekteur der Bundeswehr: »Warum brauchen wir Wargaming gerade jetzt in der Bundeswehr? Die Antwort darauf ist simpel. Kriegstüchtigkeit.«
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