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Neuer Buchladen vom Manifest-Verlag

Mit Leben und Inhalt

Der linke Manifest-Verlag hat einen Buchladen in Berlin eröffnet

Foto: Manifest Verlag
Gute Kombination: Kaffee, Zucker, Lektüre

Au Weimer. Das dürfte dem Kulturstaatsminister, der gar kein echter Minister ist, nicht gefallen. In Berlin-Kreuzberg, nur 4,44 Kilo­meter Luftlinie von seinem Büro im Bundeskanzleramt entfernt, hat ein neuer linker Buchladen geöffnet. Noch dazu im ansehnlichen Graefekiez, unweit vom Kottbusser Tor, was schon in der ersten Geschäftswoche zahlreiche Passantinnen und Passanten an dem kleinen Ladengeschäft vorbeiführte und sie zu einem beiläufigen »süß« oder »ansprechend« beim Blick in Schaufenster verleitete.

Freuen dürfen sich also alle außer Wolfram Weimer. »Manifest Bücher und Café« feierte vom 3. bis zum 5. Mai seine Eröffnung. Es ist der Laden des gleichnamigen Verlags, der mit der »Sozialistischen Organisation Solidarität (SOL)« zusammenhängt. Zu lesen gibt es »Marx, Engels, die Klassiker«, erklärte Mitarbeiter René Arnsburg am vergangenen Dienstag. Und »ein breites Sortiment linker Bücher« von Verlagen wie Dietz oder Papyrossa, aber selbstverständlich auch vom eigenen Verlag, der Walter Rodneys »Wie Europa Afrika unterentwickelte« auf Deutsch oder das im März erschienene Buch »Staatsräsonfunk« von Fabian Goldmann herausgibt. Außerdem Belletristik. Und: die wohl höchste Dichte von Werken des russischen Revolutionärs Leo Trotzki in einer Buchhandlung in Deutschland? »Gut möglich«, schmunzelte Arnsburg. »Wir wollen auch eine Auswahl an linken Zeitungen haben. Die junge Welt kommt bei uns auf jeden Fall rein.«

Trotz des breiten Sortiments nicht zu erwerben ist die jüngste Publikation des nur nominell als links geltenden Journalisten Nicholas Potter »Die neue autoritäre Linke«. Da zögen sie eine »rote Linie«, sagt Arnsburg. »Wir werden keine antideutschen Autorinnen und Autoren bei uns im Laden haben.« Ein Zuhause fänden statt dessen Bücher, die zur palästinasolidarischen Ausrichtung von Manifest passen.

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Der gelernte Buchhändler vermutet, dass viele aus seiner früheren Berufsschulklasse die Eröffnung etwas neidisch mitverfolgen. Ein Büchercafé, »das stellen sich alle immer so romantisch vor«. Ganz trügerisch ist der Eindruck nicht. Ein kleiner heller Laden mit viel Holz, gemütlichen Sesseln ­innen und Sitzplätzen vor der Tür in der Graefestraße 14, direkt neben den von Anwohnern gepflegten Blumenbeeten. Gute Resonanz aus dem Kiez, erzählt Arnsburg, auf eben diesen Plätzen sitzend. »Viele Leute haben sich vorher schon gefreut, dass hier nicht das nächste seelenlose Lap Coffee reinkommt, sondern etwas mit Leben und Inhalt.«

Leben und Inhalt von linken Gruppen etwa. Die »Linksjugend für Sozialismus Kreuzkölln«, eine Basisgruppe innerhalb des Jugendverbands der Partei Die Linke, nutze die Räume nach Ladenschluss für ihre Treffen, genauso die neugegründete SOL-Ortsgruppe in Kreuzberg. »Wir wollen natürlich unsere Organisation präsentieren«, sagte Arnsburg. Man wolle den Laden aber auch für andere öffnen, auch im Rahmen von Vorträgen. Am Freitag stellte zum Beispiel der Herausgeber der traditionsreichen linken Zeitschrift Das Argument, Lukas Meisner, sein Buch »Medienkritik ist links« vor. Am 19. Mai soll dann die linke Publizistin Bafta Sarbo mit einem Vortrag über »Kapitalismus und Sklaverei« nachlegen.

Kurz: ein Buchladen mit »revolutionärem Anspruch«. So hat sich der Möchtegernminister Weimer seinen Kulturkampf nicht vorgestellt. Die Handlungsspielräume für Linke sollten doch kleiner, nicht größer werden. Das Schmökercafé dürfte ihm also überhaupt nicht passen, mutmaßt Arnsburg. »Wir wären wahrscheinlich ein Laden, den er auch von der Liste des Deutschen Buchhandlungspreises schmeißen würde.« Doch die von Weimer und seinen Gesinnungsgenossen auf Länderebene vertretene Politik führt nun mal zur Einsicht, dass linke Vorhaben von staatlichen Geldern unabhängig sein müssen. So hält es auch Manifest. »Wir waren noch nie von Staatsknete abhängig«, so Arnsburg. Heißt: »Man kann uns an dieser Stelle nicht den Geldhahn zudrehen.« Aber auch der politische Handlungsspielraum werde kleiner. Um nicht ins Fadenkreuz zu geraten, ist Solidarität nötig. Und die Besucher müssen die Kasse klingeln lassen, wenigstens ein bisschen. Das Geschäft müsse kostendeckend laufen, erklärte der Buchhändler. Ob sich der Laden halten kann, steht noch aus. Die Geburtswehen mindern soll jedenfalls ein Crowdfunding, das bis Ende Mai läuft.

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Erschienen in der Ausgabe vom 11.05.2026, Seite 10, Feuilleton

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