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Aus: Ausgabe vom 09.01.2020, Seite 12 / Thema
Geschichte der BRD

Rettungsdampfer für Hitlers Generalstab

Der Führer schenkte sich eine Kugel, seine Generäle schlichen sich davon. Sie bezogen Quartier auf einer Titanic, die bis heute nicht untergegangen ist. Schmutzige Wasser (Teil 3)
Von Otto Köhler
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Brutkasten für die Bundeswehr: Hitlers Fremde Heere Ost, Gruppenbild am OKH Mauerwald 1943. Vordere Reihe Mitte Reinhard Gehlen, hinter ihm links Gerhard Wessel, sein späterer Nachfolger als Präsident des BND

Diese Serie über Konrad Adenauers Anordnung, dreckige Flüssigkeiten nicht wegzuschütten, weil es keine sauberen gebe, beschäftigt sich in unregelmäßigen Abständen mit dem braunen Bodensatz in Ämtern und bundesdeutschen Behörden, heute mit der von Gehlen geschaffenen Bundeswehr.

Vorangestellt ein Zitat: »Die Organisation Gehlen war die Vorgängerorganisation des Bundesnachrichtendienstes. Doch war sie mehr als ›nur‹ das. Zu seiner Zeit hatte bereits der CIA-Beauftragte Critchfield festgehalten, sie sei das ›Rettungsboot für den untergehenden deutschen Generalstab‹. Doch geht die Bedeutung der in amerikanischen Diensten stehenden Organisation Gehlen über die Funktion eines Auffangbeckens oder eines Ortes der ›Überwinterung‹ ehemaliger Generalstabsoffiziere der Wehrmacht hinaus. Vielmehr wurde der Generalstab in seinen Funktionen und hinsichtlich seiner Fähigkeiten bewahrt und betätigte sich in den Kernbereichen eines solchen: militärpolitische Beratung und militärische Planung.«

Das Zitat steht auf Seite elf des 6. Bandes der Untersuchungen der UHK, der »Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes«. Ein unter Kommando stehender Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung für Deutschland bestätigte dem Autor, Oberstleutnant der Reserve Agilolf Keßelring, er habe eine »bisher fest verschlossene Tür« aufgestoßen, hinter der das Geheimnis der westdeutschen Remilitarisierung verborgen liegt.

Der Reihe nach. Der eingangs zitierte John F. Critchfield war der CIA-Agent, der ab 1948 die OG, die Organisation Gehlen, überwachte. Sie hatte 1948 in den – ehemaligen – SS-Kasernen von Pullach ihr vorläufiges Quartier aufgeschlagen. Heute residiert sie als Bundesnachrichtendienst in furchteinflößenden Gebäuden mit Schießschartenarchitektur in der verehemaligten Hauptstadt der DDR. Den Einwohnern aufgezwungen wie Wilhelm Zwos Schlossreplik, deren Ostfront ebenso gestaltet ist.

Damals 1948 kam Critchfield mit einem Pullacher Neuzugang, der sich Dr. Horn nannte, abends bei einem Glas Wein ins Gespräch. Warum er denn immer nur den etwas schwerfälligen Begriff »Remilitarisierung« benutze. Das Wort sei doch »missverständlich« und zudem »in Westdeutschland negativ belastet«. Warum nicht einfach »Wiederbewaffnung« sagen? Da antwortete Dr. Horn: Es seien doch gerade die Amerikaner gewesen, die Deutschland und der deutschen Sprache »den Begriff Demilitarisierung aufgezwungen« hätten. Und die Umkehr dieses Vorgangs sei logischerweise die »Remilitarisierung«.

Seit ich den mürrischen Dialog in Chritchfields Memoiren (»Auftrag Pullach. Die Organisation Gehlen 1948–1956«, Hamburg 2005) gelesen habe, zitierte ich – die anderen Rezensenten nahmen ihn nicht wahr – diese Zwiesprache immer wieder. Es ist die zuwenig bekannte Schlüsselszene für jede Geschichtsschreibung der Bundesrepublik Deutschland – aus der Zeit, bevor die 1949 ans Tageslicht geschoben wurde. Rudolf Augstein hat dreizehn Jahre später ein wenig ressentimental geschrieben: »Die neue deutsche Armee wurde nicht gegründet, um den Bonner Staat zu schützen, sondern der neue Staat wurde gegründet, um eine Armee gegen die Sowjets ins Feld zu stellen.« Er wusste es am besten – er hatte dabei mitgetan.

November 1948 – Deutschland liegt noch, viergeteilt, in einigen Trümmern – bei Konrad Adenauer zu Hause in Rhöndorf: Der Präsident des Parlamentarischen Rates – noch nicht Bundeskanzler einer Bundesrepublik Deutschland, da es die noch gar nicht gibt – ist gerade zurück aus Caux von einer Tagung der für eine bessere, nein beste, vom Kommunismus befreite Welt zuständigen Bewegung »Moralische Aufrüstung« des US-Agitators Frank Buchman. Der ehemalige Artillerieleutnant Rudolf Augstein beendet bei Adenauer eine Rundreise zu kaum ehemaligen Wehrmachtsgeneralen, die sagen sollen: Wie viele? »Dreißig Divisionen«, richtet Augstein aus. »Das ist auch meine Schätzung«, nickt Adenauer.

Das damals noch gültige Kontrollratsgesetz Nr. 34 (Auflösung der Wehrmacht) vom 20. August 1946, welches »alle […] militärischen und militärähnlichen Organisationen sowie alle Vereine und Vereinigungen, die der Aufrechterhaltung der militärischen Tradition in Deutschland dienen«, verbot, sah dafür Strafen bis hin zur Todesstrafe vor. Später galt das Gesetz Nr. 16 der Alliierten Hohen Kommission (Ausschaltung des Militarismus) vom 16. Dezember 1949, mit dem sich Adenauer und Augstein einen – gemeinsamen – Strick hätten verschaffen können.

Gestern Goebbels, heute Wahrheit

Wenige Wochen vor seinem Besuch in Rhöndorf hatte Augstein seine erste Spiegel-Kolumne geschrieben: »Es ist maßlos traurig, dass der wohlmeinende Pazifismus Nürnberger Prägung schon drei Jahre nach Kriegsende in einer Sackgasse festsitzt. Der kleine Lügendoktor hat mit seinen bösesten Prophezeiungen recht behalten. Aber wer den Kopf ressentimental in den Sand steckt, den überrollen die Panzer.« Gestern Goebbels, heute, 1948, Wahrheit: Der Kommunismus überrollt uns.

Aber zunächst einmal, sieben Jahre zuvor, hatte der eingangs in seiner Vernarrtheit für das Wort »Remilitarisierung« zitierte Dr. Horn die deutschen Panzer ins Rollen gebracht – nach Jugoslawien, Griechenland und tief in die Sowjetunion. Falsch: Er hieß nicht Horn, und auch sein Doktor war Hochstapelei. Er hieß Adolf Heusinger und hatte eine durch und durch deutsche Generalskarriere hinter und vor sich, quer durch alle anständigen deutschen Staatsformen. Unter Kaiser Wilhelm kämpfte er vor Verdun, nicht ohne Blessuren. Die hielten ihn nicht davon ab, unter Ebert und Noske in der Reichswehr weiterzumachen. 1930 ging er in den Untergrund: in den durch den Versailler Vertrag Deutschland zu Recht verbotenen Generalstab, der sich jetzt als »Heeresamt« tarnte. Und elf Jahre später arbeitete er dort – Hitler war inzwischen auch dabei – die Pläne für den Vernichtungskrieg gegen den Osten aus. Und zur ordnungsgemäßen Behandlung der Leute, die sich dagegen wehrten, machte er auch noch den Chef der »Bandenbekämpfung«. Und erfand schon 1943, als der Russe näher kam, die Idee des Volkssturms. Am 20. Juli stand Heusinger neben Hitler, wurde verwundet, geriet völlig zu Unrecht in Verdacht und saß einige Wochen im Gefängnis. Glänzend rehabilitiert, empfing ihn Hitler zum versöhnlichen Gespräch, bedauerte, er hätte auch nichts gegen die voreilige Gestapo machen können, und dankte ihm von Herzen für seine Denkschrift, in der Heusinger gewissenhaft alles aufgeschrieben hatte, was er über die Verschwörer des 20. Juli wusste.

Vier Jahre später verlangte er in Pullach von der US-Besatzungsmacht: Ihr müsst uns remilitarisieren. Zehn Jahre nach Hitlers Abtritt ernannte ihn Handheber Theodor Heuss zum Generalleutnant. Und bald darauf war Adolf Heusinger oberster Soldat der neuen Wehrmacht: Generalinspekteur der Bundeswehr. Zur Krönung seines Soldatenlebens wurde er 1961 Vorsitzender des NATO-Militärausschusses.

Einem solchen Milieu war auch der Verfasser unseres Buches ausgeliefert. Er ist der Enkel des ebenfalls für »Bandenbekämpfung« zuständigen Oberkommandierenden von Norditalien, Generalfeldmarschall Albert Kesselring. Der ließ mehrfach zur Sühne für irgendwelche Kampfhandlungen unbeteiligte Zivilisten erschießen, allein in den Ardeatinischen Höhlen erzielte er 335 Opfer. Ein britisches Militärgericht verurteilte ihn zum Tode. Folgte die übliche Begnadigung. Wieder zu Hause wurde der Massenmörder Bundesführer des »Stahlhelm, Bund der Frontsoldaten«. 1960 starb er. Enkel Agilolf musste ihn nicht mehr erleben, er wurde erst 1972 geboren.

Aber die Eltern. Sohn Agilolf: »Zahlreiche Gespräche mit meiner lieben Mutter, Frau Johanna Keßelring, geb. Freiin von Lotzbeck, die bereits vor Überführung der Organisation Gehlen in den Bundesdienst als junge Frau in Pullach gearbeitet hat, gaben mir Einblick in die militärische Atmosphäre und das berufliche Selbstverständnis der frühen Jahre. Sie hatte nicht wenige der in dieser Studie beschriebenen Protagonisten im täglichen Dienstbetrieb aus nächster Nähe erlebt. Auch wenn ihre oft sehr persönlichen Eindrücke – nicht zuletzt aus Gründen der notwendigen wissenschaftlichen Distanz – keinen direkten Eingang in diese Arbeit fanden, so haben sie mich gelehrt, die Akteure nicht nur als ›geheimnisumwitterte Gestalten‹, sondern als Menschen in ihrer Zeit zu betrachten. Leider kann meine im Oktober 2017 verstorbene Mutter meine wissenschaftlichen Ausführungen zu ihrem frühen Arbeitsumfeld nicht mehr lesen.«

Und zum Vater: »Viele Fragen, Widersprüche der bisherigen Forschung und merkwürdige ›Zufälle‹ traten in der Folge von Gesprächen mit meinem Vater, Herrn Vizepräsident des BND a. D. Dr. Rainer Keßelring, aus der Dämmerung ins Licht. Er interessierte sich buchstäblich noch auf dem Sterbebett im Herbst 2013 für die Thematik und meine Fortschritte in der Forschung. Wenn er, der erst seit den 1960er-Jahren ›dem Dienst‹ angehört hatte, mir auch kein ›Geheimwissen‹ über die Wiederbewaffnung offenbaren konnte, gab es doch keinen anderen so analytisch scharfen und zugleich lebenserfahrenen wie ergebnisoffenen Gesprächspartner.«

Fest verschlossene Tür

Er hat das Buch dem »ehrenden Andenken meiner lieben Eltern« gewidmet. Trotz all der Pro­bleme, die ihm ein solches Umfeld und auch sein Rang in der Bundeswehr bereitet haben muss, scheint es Keßelring gelungen zu sein, sich von außerwissenschaftlichen Einflüssen weitgehend freizuhalten. Es gilt, was in der FAZ steht: »Agilolf Keßelring hat mit seiner sehr gelungenen Studie eine bisher fest verschlossene Tür zur Erforschung der Anfänge der westdeutschen Wiederbewaffnung aufgestoßen und Licht in die Tätigkeit der Organisation Gehlen gebracht. Hinter diese Studie werden künftige Forschungen nicht mehr zurückkönnen.«

Alles schön, alles richtig. Aber der Rezensent Gerhard P. Groß könnte mit dieser eindeutigen Meinung Probleme haben. Im Netz findet man ihn in Uniform – will er gerade eine Vergnügungsreise mit der Bahn antreten? Groß ist als Oberst angestellt im Potsdamer Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr. Diese Wissenschaftsinstitution hat – laut offizieller Website – einen Oberbefehlshaber, den Kapitän zur See Jörg Hillmann. Dort wörtlich: »Als Kommandeur des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr ist er Dienststellenleiter und verantwortlich für den Einsatz des zivilen und militärischen Personals. In Abstimmung mit dem Leiter Abteilung Forschung legt er die Richtlinien für die militärhistorische und sozialwissenschaftliche Grundlagenforschung fest und bestimmt Schwerpunkte im Bereich der historischen Bildung«.

Ein Kommandeur kommandiert. Besonders dann, wenn er auch noch »der nationale Präsident der deutschen Kommission für Militärgeschichte« ist. Und – darauf legt er Wert – Kuratoriumsmitglied der Stiftung Garnisonskirche (sic!) Potsdam, jener – recte! – Garnisonkirche, in der sich Hitler und Hindenburg vermählten und die darum, koste es, was es wolle, wie Wilhelms Schloss wiedererrichtet werden muss. So einer legt am trefflichsten »Richtlinien für die militärhistorische Forschung« fest.

Gedanken zur Remilitarisierung

Immerhin, Keßelring selbst – der Reserveoberstleutnant lebt in Finnland – scheint noch keine größeren Probleme gehabt zu haben. Er spricht die ungeheuerlichsten Dinge über das Anfertigen der Bundeswehr im Pullacher Untergrund und hält sich dabei stets an eine freiheitlichdemokratische Grundordnung, von der das alles durchdrungen sei. Ein Kapitel heißt »Die Organisation Gehlen als verdeckter Generalstab?« – mit bravem Fragezeichen. Keßelring referiert die interne Denkschrift »Gedanken zur Remilitarisierung« – auch dieser offiziell verpönte Ausdruck fand sich selbstverständlich noch in einem weiteren Dokument. Es geht um die »Bildung einer einheitlichen militärischen Front« der »Gehlen-Offiziere« gegen »die Politik«. Die wollen – großartig – »keine Landsknechte« sein, auch eine »Verwendung« als »Kanonenfutter« wäre ihnen unangenehm.

Vielmehr: »Von einer Spitze aus« sollten »Sprachregelungen« und »Entscheidungen« herausgegeben werden, wobei diese Spitze »das Vertrauen« der »geistigen Führungssubstanz des Soldatentums« besitzen sollte. Aufgabe dieser militärischen Spitze sollte es sein, den »deutsche Forderungen vertretenden Persönlichkeiten mit Rat und Tat zur Seite zu stehen«. Keßelring: »Dies war nicht weniger als die Forderung nach einer Institution, die zum einen die Linie ›des Militärs‹ bzw. ›der bewaffneten Macht‹ definieren und intern durchsetzen und zum anderen ›die Politik‹ militärisch beraten sollte. Angesichts der Tatsache, dass der Generalstab und jede militärische Planung verboten war, war dies eine gewagte Forderung. Sie wurde wohl deswegen so verklausuliert formuliert. In der ›geistigen Führungssubstanz des Soldatentums‹ – wenn man also dafür die ehemaligen Generalstabsoffiziere nehmen will – selbst wurde diese Forderung jedoch verstanden«. Genau.

Zumindest galt dies für diejenigen, die innerhalb des Gehlendienstes organisiert waren. Brief von General Eberhard Graf von Nostitz an Gehlen: »Es würde mich interessieren, wie Sie zu dem ganzen Problem und der für einen Erfolg ausschlaggebenden Führerfrage stehen. Sollte man sich Älteren anvertrauen wie Guderian, Halder, Schwerin, Hoßbach, Speidel o. ä.? Wo ist der Seeckt der Gegenwart, wo sind Männer wie Gneisenau und Scharnhorst? Jedenfalls muss dieses Spitzengremium vom Vertrauen der Soldaten getragen sein und eine Vergangenheit haben, die weder innen- noch außenpolitisch wesentliche Angriffspunkte bietet. Dieses ganze Thema anzurühren, heißt eine Fülle von Problemen aufwerfen, ganz abgesehen von rein internen Angelegenheiten, wie Stärke dieser Wehrmacht (…), Aufbau und Erziehung des neuen Offizierkorps, Organisationsfragen, Eingliederung früherer SS-Angehöriger oder Teilnehmer des 20. Juli-Putsches usw. usw. Es scheint mir aber an der Zeit, über diese ganzen Dinge einmal ernstlich nachzudenken und das Potential ein wenig zu ordnen.« Eine – usw. usw. – tolle Alternative, die verrät, dass in der Gründergeneration der Bundeswehr die SS doch etwas angesehener war als die Verräter des 20. Juli – Keßelring, dieser Parzival, präsentiert dafür viel Material.

Gehlen hat schon als Chef der Aufklärung Ost – erfreulicherweise – nichts als Fehlprognosen geliefert und so den Sieg der Roten Armee beschleunigt. Er war tüchtig genug, geflohenen SS- und Gestapo-Leuten in aller Welt zu einem Auskommen zu verhelfen. Als Nachrichtendienst wurde seine OG völlig überschätzt – allerdings hat er sehr bewusst kalkuliert, als er 1946 den US-Militärs die Mär von den 175 kriegsbereiten sowjetischen Divisionen apportierte. Der eigentliche Zweck der Organisation Gehlen ist in dem eingangs zitierten Satz festgehalten: Die OG war der Ort, wo Hitlers Generalstab in seinen Funktionen und hinsichtlich seiner Fähigkeiten bewahrt werden konnte. Sie betätigte sich in den Kernbereichen eines Generalstabes. Das heißt in der ständigen Bereitschaft für den Krieg. Die Adresse war noch bekannt.

Aus dem Ruder gelaufene Generale

Keßelring widmet sich auch der »Rolle des Gehlendienstes beim ›Einfangen‹ von ›aus dem Ruder gelaufenen‹ ehemaligen Generalen oder Soldatenverbänden«. Diese Rattenfängerei sei, lobt Keßelring, »für die innere friedliche Entwicklung in der jungen und für radikale Tendenzen besonders anfälligen Bundesrepublik nicht gering zu achten«. Aus der Haft entlassene Generale wurden im Sinne der Organisation Gehlen – und damit im Sinne einer Westbindungspolitik – »gebrieft« und zur Zurückhaltung bei politischen Äußerungen gemahnt, und so wurde eine »Zersplitterung der Organisation des ›militärischen Feldes‹ verhindert«.

Mit dem »Fortschreiten der Remilitarisierung«, so Keßelring, drohte in den Augen der Planer ein »präventiver Schlag« durch die So­wjetstreitmacht oder aber durch die Kasernierte Volkspolizei der DDR im Zusammenwirken mit der KPD Westdeutschlands als Bedrohungsszenario an Bedeutung zu gewinnen. Um solchen Gefahren vorzubeugen, hatte unter Adenauers sicherlich dafür zuständigem Wohnungsbauminister Eberhard Wildermuth in Südwestdeutschland bereits ab 1947/1948 eine »freikorpsähnliche Sammlung kriegsgedienter Studenten – die Soldatenselbsthilfe – begonnen, Strukturen aufzubauen, die im Kriegsfall oder im Falle eines kommunistischen Staatsstreichs die demokratisch gewählte Regierung von Württemberg-Hohenzollern schützen sollten«.

Es ist das Verdienst der Unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Bundesnachrichtendienstes dies alles durch einen Historiker festgehalten zu haben, der antimilitaristischer Affekte, wie sie unsereins nun mal hat, unverdächtig ist: durch den Oberstleutnant der Reserve Agilolf Keßelring, geboren 1972 in Tokio (Japan); nach dem Studium der Geschichte, der Sozialwissenschaften und des Völkerrechts in Hamburg und den USA wissenschaftlicher Mitarbeiter am Militärgeschichtlichen Forschungsamt in Potsdam; 2007 Promotion an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr; wissenschaftlicher Mitarbeiter an der finnischen Nationalen Verteidigungsuniversität, anschließend an der Universität Helsinki und so fort, und so fort. Ein Mann, auf den sich die Bundeswehr verlassen können muss.

Sein nüchternes Fazit auf Seite 477: »Als Zwischenbilanz der Erforschung der militärischen Dimension des Pullacher Nachrichtendienstes ist festzustellen, dass dieser vor der Überführung in den BND mehr als ›nur‹ ein Nachrichtendienst war. Diese Funktion – gewissermaßen die amerikanisch-deutsche ›Großoperation Remilitarisierung‹ – als Nukleus des späteren Bundesministeriums für Verteidigung und der Bundeswehr ist für einen Nachrichtendienst so einzigartig wie ungewöhnlich. Die Tatsache, dass unter Obhut der CIA und Gehlens die Planung und Durchführung der frühesten Sicherheits- und Notwehrstrukturen der Bundesrepublik Deutschland erfolgte, stellt manche festgefügten Narrative der deutschen Militärgeschichte und Zeitgeschichte infrage.«

Ja, das neue Narrativ muss her. Das helle Deutschland auf der Hardthöhe wird sehr dunkel werden.

Agilolf Keßelring: Die Organisation Gehlen und die Neuformierung des Militärs in der Bundesrepublik. Band 6 der Reihe der Unabhängigen Historikerkommission zur BND-Geschichte. Verlag Ch. Links, Berlin 2017, 512 Seiten, 50 Euro

Teil 2 dieser Reihe erschien in der Ausgabe vom 31.12.2019/1.1.2020

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