Angriff vor dem Bosporus
Von Lars LangeIn den frühen Morgenstunden des Donnerstags ist im Schwarzen Meer ein vollbeladener Rohöltanker rund 33 Kilometer vor dem Bosporus angegriffen worden. Das Schiff, die unter sierra-leonischer Flagge fahrende »Altura«, hatte nach Angaben von France 24 zuvor den russischen Schwarzmeerhafen Noworossisk mit rund einer Million Barrel Rohöl an Bord verlassen. Der Angriff ereignete sich außerhalb türkischer Hoheitsgewässer. Nach Einschätzung des türkischen Verkehrsministers Abdulkadir Uraloğlu wurde der Maschinenraum des Schiffes gezielt von einem unbemannten Oberflächenfahrzeug getroffen– kein Luftangriff, sondern eine Seedrohne.
Das Schiff steht als Teil der sogenannten Schattenflotte sowohl auf der Sanktionsliste der EU als auch auf jener Großbritanniens. Der Angriff markiert in zweierlei Hinsicht eine neue Qualität: Geographisch liegt der Ort des Vorfalls in unmittelbarer Nähe des Bosporus – einer Meerenge, durch die täglich mehrere Millionen Barrel Rohöl fließen und deren Sperrung globale Energieversorgungsketten erschüttern würde. Taktisch bedeutsamer jedoch ist, was die Drohne diesmal traf: ein vollbeladenes Handelsschiff. Frühere Angriffe auf russisch assoziierte Tanker im Schwarzen Meer galten nach Angaben von The Maritime Executive stets Schiffen ohne Ladung. Ein Treffer auf einen Tanker mit derart viel Rohöl an Bord birgt ein ungleich höheres Risiko einer Umweltkatastrophe.
Die ukrainische Seite hat in den vergangenen Wochen die Schlagfolge gegen russische Ölinfrastruktur deutlich erhöht. Durch wiederholte Angriffe auf Hafenanlagen und Rohrleitungsinfrastruktur sind zur Zeit rund 40 Prozent der russischen Rohölexportkapazität beeinträchtigt. Die Schwarzmeerhäfen Tuapse und Noworossisk sowie die Ostseeterminals Primorsk und Ust-Luga wurden mehrfach getroffen. Die Reichweite dieser Operationen geht inzwischen weit über das Schwarze Meer hinaus: Anfang März wurde im Mittelmeer der russische Flüssiggastanker »Arctic Metagaz« durch einen mutmaßlichen Drohnenangriff schwer beschädigt und trieb wochenlang manövrierunfähig und ohne Besatzung zwischen Malta und der italienischen Insel Lampedusa.
Der Druck auf die sogenannte Schattenflotte wächst auch von anderer Stelle: Großbritanniens Premier Keir Starmer hat am Donnerstag sein Einverständnis gegeben, dass die Streitkräfte des Landes künftig sanktionierte Schiffe in britischen Gewässern aufbringen dürfen. In den vergangenen Monaten sind bereits Schiffe auf hoher See gekapert worden. Das ist laut Völkerrecht unzulässig. Artikel 110 des UN-Seerechtsübereinkommens UNCLOS erlaubt das Entern fremder Schiffe auf hoher See nur bei begründetem Verdacht auf Piraterie, Sklavenhandel oder Staatenlosigkeit – die Durchsetzung einseitiger nationaler Sanktionen zählt ausdrücklich nicht dazu.
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