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07.05.20261 Leserbrief
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Vom Roten Meer bis zur Sahelzone
Nicht das Opfer: Die Vereinigten Arabischen Emirate haben sich von einer Golfdiktatur zur regionalen Interventionsmacht entwickelt
Die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) beschuldigen Iran zum zweiten Mal binnen 24 Stunden, die Golfmonarchie mit Raketen und Drohnen angegriffen zu haben – und Bundeskanzler Friedrich Merz eilt auf X zur Stelle: »Our solidarity is with the people of the United Arab Emirates.« Gemeint ist wohl die Solidarität der Bundesrepublik. Die Frage ist allerdings, mit wem der Kanzler da zwangssolidarisiert.
Erst am Montag ereilte Abu Dhabi ein erneuter Vorwurf der De-facto-Regierung des Sudan. So soll bei einem Angriff auf den Flughafen der Hauptstadt Khartum eine Drohne aus den Emiraten eingesetzt worden sein. Das Dementi folgte am Dienstag abend. Die sudanesische Regierung hatte die VAE in dem seit April 2023 laufenden Krieg gegen die Paramilitärs der Rapid Support Forces (RSF) bereits vor dem Internationalen Gerichtshof des Genozids beschuldigt – wegen der Finanzierung und Ausrüstung der massenmordenden RSF. Den Haag hat den Fall vor einem Jahr verworfen, zahlreiche Recherchen und Auswertungen belegen jedoch die enge Verbindung. Auf Nachfrage von Reuters zu den neuesten Vorwürfen erklärte ein Offizieller der Emirate: »Diese Erfindungen sind Teil einer gezielten Strategie der Ablenkung – bei der die Schuld auf andere abgeschoben wird, um sich der Verantwortung für das eigene Handeln zu entziehen – und zielen darauf ab, den Krieg zu verlängern und einen echten Friedensprozess zu behindern.«
Dabei verfolgen die Emirate bereits seit Jahren eine außergewöhnlich interventionistische Außenpolitik. Wie die Analystin Patricia Marins dokumentiert, unterhält Abu Dhabi gegenwärtig rund zehn Auslandsbasen und hält etwa 5.000 Soldaten im Einsatz. Der staatliche Rüstungskonzern EDGE Group sichert die industrielle Grundlage dieser Einmischungspolitik. Das erklärte Motiv: die Bekämpfung des politischen Islam, insbesondere der Muslimbruderschaft. In der Praxis bedeutet das die Unterstützung von Warlords (Libyen), Sezessionisten (Jemen) und Paramilitärs (Sudan) – stets verknüpft mit emiratischen Wirtschaftsinteressen an Häfen, Rohstoffen und Handelsrouten. Noch 2015 kämpften die VAE Seite an Seite mit Saudi-Arabien gegen die Ansarollah in Jemen. Heute konterkariert Riad die emiratische Expansion aktiv: mit Luftangriffen auf VAE-nahe Kräfte, Ultimaten zum Truppenabzug und einer milliardenschweren Aufrüstung der Gegenseite in Sudan, wie Reuters Ende April zusammenfasste.
In den vergangenen 15 Jahren haben sich die VAE von einer kleinen Golfdiktatur zu einer Regionalmacht mit militärischen Netzwerken vom Roten Meer bis zur Sahelzone entwickelt. Die Bilanz der vergangenen zehn Jahre umfasst direkte Interventionen oder maßgeblichen Einfluss in Jemen, Libyen, Sudan, Somalia, Somaliland, Puntland, Eritrea, Äthiopien, dem Tschad und mittelbar in Mosambik.
Dabei steht Sudan exemplarisch für die Methoden der VAE. Die von den Emiraten unterstützten RSF, geführt vom ehemaligen Vizemachthaber in Khartum, Mohammed Hamdan Daglo, sind aus den berüchtigten Dschandschawid-Milizen hervorgegangen, die vor zwei Jahrzehnten den Genozid in Darfur verübten. Heute gelten die RSF als eine der schlagkräftigsten irregulären Truppen Afrikas – ausgerüstet unter anderem mit Waffen aus emiratischen Depots. Dem Guardian lag ein vertraulicher UN-Expertenbericht vor, der mindestens 24 Frachtflüge von emiratischen Flughäfen nach Tschad dokumentiert – von wo aus Waffen auf dem Landweg in den Sudan gelangten. Eine Untersuchung der Sunday Times identifizierte Mörsergranaten aus bulgarischer Produktion, die Abu Dhabi 2019 erworben hatte und die später in RSF-Konvois in Norddarfur auftauchten. Die Gegenleistung: Gold aus RSF-kontrollierten Minen fließt über Tschad nach Dubai, wo es weitgehend unreguliert vermarktet wird.
Die Emirate agieren daneben als wichtigster Juniorpartner der Aggressorenachse Tel Aviv-Washington – festgeschrieben in den sogenannten Abraham Accords, die einst als historische Geste der Annäherung verkauft wurden und sich jetzt zu dem militärischen Dreieck USA‑Israel‑VAE entwickelt haben. Wie sich jedoch in den vergangenen Wochen gezeigt hat, sind die Emirate – eingezwängt zwischen Saudi-Arabien und Iran und mit weniger Einwohnern als München – äußerst verwundbar. Eine anhaltende Destabilisierung Abu Dhabis würde erhebliche wirtschaftliche und strategische Risiken für die USA und ihre Partner am Golf erzeugen.
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Onlineabonnent*in Martin M. aus D. 6. Mai 2026 um 21:52 UhrDie VAE sind noch immer eine Diktatur und Lakai der USA und Israels. Wie andere vom britischen Imperialismus künstlich kreierte Diktaturen in der Golfregion, dienten sie in erster Linie diesem die Ausbeutung von Erdöl zu sichern. In diesem Zusammenhang lohnt es sich auch, den überarbeiteten Dokumentarfilm der Libanesin Heiny Srour: »L'heure de la libération a sonné« anzuschaun.
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