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Aus: Ausgabe vom 20.07.2022, Seite 8 / Ansichten

Im Ziel einig

Putin und Erdogan in Teheran
Von Jörg Kronauer
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Irans »Revolutionsführer« Ali Khamenei mit Russlands Präsident Wladimir Putin in Teheran (19. Juli)

Als eine Art Kontrapunkt zur jüngsten Nah- und Mittelostreise von US-Präsident Joseph Biden ist es bezeichnet worden: das Treffen der Präsidenten Irans, Ebrahim Raisi, Russlands, Wladimir Putin, und der Türkei, Recep Tayyip Erdogan am Dienstag. Die Einstufung trifft zu, ist aber nicht zu Ende gedacht.

Biden hatte erst in Israel, dann in Saudi-Arabien versucht, die Reihen gegen Iran und gegen Russland zu schließen. Gegen Iran, indem er die Zusammenarbeit zwischen Israel und den arabischen Golfstaaten zu fördern suchte; gegen Russland, indem er die Golfstaaten drängte, sich für die westliche Sanktionspolitik zu öffnen oder doch zumindest mit der Ausweitung ihrer Erdölförderung einen umfassenden Boykott russischen Erdöls möglich zu machen. In Teheran waren Iran und Russland jeweils um eine Stärkung ihrer internationalen Kooperation bemüht, um den Bestrebungen des Westens, sie zu isolieren, entgegenzutreten. Im Kern zielen beide sogar auf mehr – auf den Aufbau vielleicht nicht von Bündnis-, aber doch von Kooperationsstrukturen jenseits des alten Westens, mit Kurs auf eine irgendwann nicht mehr von den transatlantischen Mächten dominierte Welt.

Auf dieser Linie liegt es, dass die drei Staatschefs sich ausführlich über Syrien austauschten. Das tun sie seit inzwischen fünf Jahren, und es ist ihnen gelungen, mit ihren Absprachen den Rahmen für das Geschehen in Syrien abzustecken – unter sich, ohne den Westen, dessen Einfluss sich mittlerweile auf kleinere Territorien im Norden Syriens reduziert. Am Dienstag ging es insbesondere um die Absicht der Türkei, einen vierten Einmarsch nach Nordsyrien zu starten. Ob die Türkei letzten Endes trotz Vorbehalten aus Iran grünes Licht erhalten würde, war bei jW-Redaktionsschluss noch nicht klar.

Das liegt auch daran, dass Iran, Russland und die Türkei sich zwar im Ziel einig sind, den Westen zurückzudrängen, dass sie zugleich aber untereinander eine Vielzahl von Differenzen haben. Insofern führt der Eindruck, da formiere sich ein geschlossenes Gegenbündnis gegen die transatlantischen Mächte, ein wenig in die Irre. Durchaus nicht identisch sind etwa die Interessen Russlands und Irans in der Energiebranche. Ein Beispiel: Kann Iran die westlichen Sanktionen abschütteln, dann könnte so viel Erdöl auf den Weltmarkt gelangen, dass Moskau einen verschärften westlichen Ölboykott fürchten müsste. Was tun? Irans staatlicher Ölkonzern NIOC und Gasprom schlossen nun einen Kooperationsvertrag für die Ausbeutung zweier riesiger Erdgasfelder, für die Gasverflüssigung und allerlei mehr. Iran steckte zuletzt in der Klemme, weil ihm sanktionsbedingt Technologien für die Gasförderung fehlten. Gasprom kann wohl helfen. Jubel auf allen Seiten? Iran wird das Gas vermutlich nur exportieren können, wenn dem nicht Sanktionen gegen Gasprom im Weg stehen. Das ist günstig für Russland, für Iran aber nicht.

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