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12.05.2026
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Streit um den Flaschenhals
Iran-Krieg: Teheran beansprucht nicht allein Gebühren für den Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus, sondern auch für Unterseekabel
Die Verhandlungen zwischen den USA und Iran über ein Kriegsende stocken. US-Präsident Donald Trump hat die jüngste Antwort des Irans auf einen US-Vorschlag für eine Lösung am Sonntag laut dpa als »völlig inakzeptabel« bezeichnet und neue Drohungen geäußert. Wichtiger Streitpunkt ist neben Irans Atomprogramm die von Teheran kontrollierte Straße von Hormus. Sie fungiert seit Jahrzehnten als Flaschenhals für den internationalen Ölhandel. Dass über ihren Meeresgrund auch ein erheblicher Teil des regionalen Datenverkehrs fließt, wurde bislang kaum öffentlich als iranisches Druckmittel verhandelt. Das ändert sich gerade.
Die den Iranischen Revolutionsgarden (IRGC) nahestehende Nachrichtenagentur Tasnim legte Anfang Mai ein Konzept vor: Ausländische Unternehmen sollen Erstlizenzen und jährliche Gebühren für die Nutzung von Unterseekabeln in der Meerenge zahlen. Wartung und Reparatur sollen iranischen Firmen vorbehalten bleiben. Technologiekonzerne wie Meta, Amazon und Microsoft sollen unter iranisches Recht gestellt werden. Die ebenfalls IRGC-nahe Agentur Fars argumentierte ähnlich und benannte konkrete Kabel: FALCON, GBI und TGN-Gulf – Systeme, die den Nahen Osten mit Europa, Indien und Ostasien verbinden. Global werden über Unterseekabel nach Angaben des britischen Thinktanks Policy Exchange täglich Finanztransaktionen im Wert von mehr als zehn Billionen US-Dollar abgewickelt. Eine Störung dieser Verbindungen über wenige Tage könne Schäden in Höhe von bis zu Hunderten Millionen US-Dollar verursachen, so Fars.
Die Forderungen sind bislang ein Versuchsballon – aber ein vorbereiteter. Bereits im April hatte Tasnim die Kabel- und Cloudinfrastruktur der Golfstaaten kartiert und deren Abhängigkeit von maritimen Datenwegen analysiert. Was jetzt folgt, ist die politische Verwertung dieser Kartierung.
Mit der Gründung der Persian Gulf Strait Authority (PGSA) am 5. Mai hat Iran seinen Kontrollanspruch über den Hormus-Transit institutionell unterfüttert. Die neue Behörde versteht sich als einzig legitime Genehmigungsinstanz für Passagen durch die Meerenge und hat nach eigenen Angaben bereits dem Schiffsversicherer Lloyd’s List ein Antragsformular für die Durchfahrt zugesandt.
In der Meerenge kam es trotz Feuerpause auch in der vergangenen Woche zu Gefechten zwischen iranischen und US-Streitkräften. Die USA setzten zudem zwei iranische Tanker außer Gefecht, die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) meldeten Raketen- und Drohnenangriffe. Vor der Insel Kharg trieb ein Ölfilm von einer Fläche von 71 Quadratkilometern. Iran beansprucht souveräne Regulierungshoheit über alles, was die Meerenge quert: Schiffe, Pipelines, Datenkabel. Das rechtliche Fundament liefert Tasnim gleich mit: Da Iran die UN-Seerechtskonvention von 1982 nie ratifiziert hat, sei es an keine Regelungen zur freien Durchfahrt gebunden. Die engste Stelle der Meerenge misst 21 Seemeilen – die Territorialgewässer Irans und Omans, je zwölf Seemeilen, überlappen sich damit um drei Seemeilen. Nach iranischer Lesart gibt es dadurch in Hormus keinen Punkt, der außerhalb nationaler Hoheitsgewässer liegt.
US-Außenminister Marco Rubio nannte die PGSA am 8. Mai »inakzeptabel«. Die USA und ihre Golfverbündeten hatten bereits am 6. Mai einen UN-Sicherheitsratsresolutionsentwurf eingebracht, der Teheran mit Sanktionen droht – wegen »illegaler Gebühren«. Die arabischen Golfstaaten antworten auf den iranischen Kontrollanspruch durch Umgehung. Die Abu Dhabi National Oil Company aus den VAE schleuste im April mindestens sechs Millionen Barrel Rohöl mit abgeschalteten Ortungssendern durch die Meerenge, wie Reuters berichtete. Auch Japan umging die iranische Sperre. Saudi-Arabien wiederum distanzierte sich von Washingtons darauf abgebrochenem »Project Freedom«, das auf eine gewaltsame Öffnung der Straße von Hormus zielte. Trump habe Riad nicht konsultiert, so ein Regierungsvertreter gegenüber AP.
Die iranische Strategie folgt einer strukturellen Asymmetrie. Die Glasfaserkabel am Meeresgrund von Hormus sind für Teheran kein Lebensnerv, denn Irans Internetanbindung läuft über Russland, die Türkei und den Kaukasus. Für die Golfstaaten, Indien und die globale Finanzinfrastruktur sind die Kabel dagegen kritische Infrastruktur. Iran hält dem eine Souveränitätslogik entgegen: Ohne Ratifikation der UN-Seerechtskonvention gebe es für Teheran auch keine Pflicht, deren Regeln zur Transitpassage anzuerkennen. PGSA, Kabelforderungen und Transitgebühren folgen derselben Logik: Iran beansprucht Hormus als politischen Kontrollraum – für Energie, Handel und Daten zugleich.
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