Good Cop
Von Knut Mellenthin
Mehrere bedeutende Vertreter Irans sind Donald Trumps Behauptung entgegengetreten, »in den vergangenen beiden Tagen« hätten zwischen Washington und Teheran »sehr gute und produktive Unterhaltungen über eine vollständige und totale Beilegung unserer Feindseligkeiten« stattgefunden, die in der laufenden Woche fortgesetzt werden sollen. Außenministeriumssprecher Esmail Baghaei versicherte auf einer Pressekonferenz am Montag, in den 24 Tagen seit Beginn des »unprovozierten« Krieges der USA und Israels gegen die Islamische Republik habe es keine Verhandlungen gegeben. Irans Position zur Straße von Hormus und zu einer möglichen Beendigung des »aufgezwungenen« Krieges sei unverändert. Brigadegeneral Madschid Musawi, Chef der Luftwaffe der Revolutionsgarden, kommentierte, die »wiederholten Rückzüge des Feindes« seien »das Ergebnis der Unterstützung des Volkes auf den Straßen für die Krieger an den Frontlinien«. Der Kampf werde »bis zur Verwirklichung der nationalen und patriotischen Ziele weitergehen«.
Auch Parlamentssprecher Mohammed Bagher Ghalibaf bestritt das Führen »irgendwelcher Gespräche mit den USA während des Krieges«. »Solche Falschmeldungen bezwecken ein Manipulieren der Finanz- und Ölmärkte und sollen helfen, einen Weg aus dem Sumpf zu finden, in dem sich Amerika und Israel verfangen haben«, postete er auf X. Ghalibafs Aussage fand international besondere Aufmerksamkeit, nachdem das zum Springer-Konzern gehörende Nachrichtenportal Politico am Montag seine Scheinwerfer auf ihn gerichtet hatte. »Der 64jährige, der den USA und ihren Verbündeten wiederholt mit Vergeltung gedroht« habe, werde »zumindest von einigen im Weißen Haus als brauchbarer Partner gesehen, der Iran führen und in der nächsten Phase des Krieges mit der Trump-Administration verhandeln könnte«, hieß es da. Als Anhaltspunkt für diese These berief sich Politico auf zwei namenlos bleibende »Offizielle der Administration«, die Ghalibaf angeblich als einen von mehreren »Kandidaten« bezeichnet hätten, die zur Zeit »getestet« würden. »Er ist einer der höchsten. Aber wir müssen sie prüfen und dürfen uns dabei nicht überhasten.«
Der von Trump ausgehende Wahn, er könne sich Wunschpartner in Teheran aussuchen wie Gerichte von der Speisekarte, zeigt den heute in den USA vorherrschenden Geisteszustand. Richtig ist aber, dass die Stellung des Parlamentssprechers im Iran außergewöhnlich stark ist und auch als Sprungbrett dienen kann. In diesem Zusammenhang ist daran zu erinnern, dass der vor einer Woche von Israel getötete Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, Ali Laridschani, von 2008 bis 2020 Parlamentssprecher war, länger als irgend jemand sonst.
In seiner ersten öffentlichen Reaktion auf Trumps Ankündigung am Montag abend machte Premierminister Benjamin Netanjahu deutlich, dass seine Regierung sich dadurch nicht gebunden fühle. Israel »schlägt weiter zu, im Iran und im Libanon«. »Wir zerschmettern das Raketen- und das Atomprogramm, und wir fahren fort, Hisbollah hart zu treffen. Erst vor ein paar Tagen haben wir zwei weitere Nuklearwissenschaftler eliminiert.« Israel werde seine Interessen »in jeder Situation schützen«. Die rechte Tageszeitung Jerusalem Post berichtete von angeblichen Aussagen »hochrangiger amerikanischer Offizieller«, dass vermutlich keine andere Wahl bleibe als die militärische Besetzung der Ölindustrie auf der iranischen Insel Kharg und dass »die Angriffe weitergehen wie geplant«. Die politische Absicht, die Chancen einer ohnehin unwahrscheinlichen Verständigung zwischen Washington und Teheran durch Gerüchte und Misstrauen noch mehr zu verringern, wurde nicht einmal notdürftig kaschiert.
Dass Trump, manchmal von einem Tag auf den anderen radikal wechselnd, mit Vernichtungsdrohungen einerseits und Lockrufen andererseits operiert, ist Teil seines Charakterbilds. Diesmal hat er dem Iran, von Montag an gerechnet, fünf Tage Frist gesetzt, sich all seinen Forderungen zu unterwerfen. Darauf einzugehen wäre – die Schlussfolgerung muss man aus Laridschanis Tod ziehen – lebensgefährlich.
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